KRIMI: Spannende Suche nach den religiösen Wurzeln Europas

Der Ich-Erzähler in Beat Portmanns neuem Buch «Vor der Zeit» ist ein Krimiautor in Nöten. Wir wollten vom Schriftsteller wissen, wie viel Wahrheit in der Geschichte steckt.

Lena Berger
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Der Emmer Autor Beat Portmann diskutiert im Gasthaus Adler – wo auch sein neues Buch seinen Anfang nimmt – über sein Werk «Vor der Zeit». (Bild Nadia Schärli)

Der Emmer Autor Beat Portmann diskutiert im Gasthaus Adler – wo auch sein neues Buch seinen Anfang nimmt – über sein Werk «Vor der Zeit». (Bild Nadia Schärli)

Wenn der Emmer Autor Beat Portmann über seine Romanfiguren spricht, klingt es, als rede er von alten Freunden – und zuweilen auch von sich selbst. Wir treffen ihn dort, wo auch die Geschichte in seinem neuen Buch «Vor der Zeit» ihren Anfang nimmt: im altehrwürdigen Gasthaus Adler in Emmen. Dort sieht sein namenloser Protagonist diesen Mann mit der «wolkig aus der Stirn gekämmten, grau melierten Mähne» zum ersten Mal. Das Gespräch mit ihm wird sein Leben aus der Bahn werfen – es ist der Auftakt in ein verworrenes Abenteuer.

Dieses führt den Ich-Erzähler auf eine Reise 900 Jahre in die Vergangenheit. Nach Sizilien, wo das gesellschaftliche Leben unter König Roger II. stark von den verschiedenen Kulturen geprägt wird, die zu der Zeit im Mittelmeerraum präsent sind. «In der normannischen Architektur ist diese Symbiose bis heute sichtbar», sagt Portmann. Er lässt seinen Ich-Erzähler auf ein sagenumwobenes Schriftstück stossen, welches ein neues Licht wirft auf das europäische Verhältnis zum Islam. Mit der Entdeckung allerdings gerät der Protagonist zwischen Fronten in der Gegenwart, zwischen Salafisten und Minarettgegner.

Starker Einfluss des Islams

Das Buch stellt die Frage, welchen Einfluss die islamische Zivilisation auf das mittelalterliche Europa hatte und wie unser Alltag bis heute davon geprägt ist. «Die Zahlen, mit denen wir rechnen, wurden uns von den Arabern vermittelt. Aber auch viele Kulturgüter – was in den zahlreichen arabischen Lehnwörtern zum Ausdruck kommt: Ziffer, Zucker, Kaffee, Sofa, Alkohol, Magazin, die Liste ist lang. Viele Werke der alten Griechen sind uns nur dank den arabischen Übersetzungen erhalten geblieben. Doch im Gegensatz zum griechischen wird der arabische Einfluss kaum gewürdigt.»

Der Nebentisch hört mit

Im Emmer «Adler» entwickelt sich aus dem Autorengespräch eine angeregte Debatte. Der einzig andere Gast hört gespannt zu, als Portmann die Frage beantwortet, ob eine neue historische Erkenntnis – wie sie im Buch vorkommt – überhaupt die Sprengkraft haben könnte, das heutige Denken grundlegend zu beeinflussen. Dass es den Rütlischwur historisch so nicht gab, ist ja zum Beispiel schon länger klar. Und trotzdem ist er in den Köpfen vieler Schweizer noch fest verankert. «Der Mythos vom Rütlischwur war immer wieder wichtig, um das fragile Gebilde der Eidgenossenschaft zusammenzuhalten. Leider wird er heute eher dazu benutzt, um das Land zu spalten, die Menschen zu separieren. Historische Erkenntnisse können hilfreich sein, die Dinge richtigzustellen – wobei man sich keine Illusionen über ihren gesellschaftlichen Einfluss machen sollte.»

Portmann ist der Friede zwischen den Religionen ein grosses Anliegen. Er sieht Parallelen zwischen dem heutigen Kulturenkonflikt und dem Kampf zwischen Reformierten und Katholiken, der in der Schweiz noch bis vor wenigen Jahrzehnten sehr präsent war. «Bis 1973 gab es in der Bundesverfassung zwei Ausnahmeartikel, welche einseitig die Katholiken diskriminierten. Man kann sich das heute kaum mehr vorstellen, aber man misstraute den Schweizer Katholiken, zweifelte an ihrer staatsbürgerlichen Loyalität. Heute haben wir mit dem Minarettverbot erneut einen Verfassungsartikel, der eine religiöse Minderheit diskriminiert. Damit erreichen wir jedoch das Gegenteil von dem, was wir wollen. Denn wer sich von der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossen fühlt, orientiert sich verstärkt nach innen.»

Lust am Verwirrspiel

Verpackt sind die kritischen Töne in einen rasanten Krimi. Der Ich-Erzähler verliert sich dabei mehr und mehr in der Geschichte, die er schreibt. Auch beim Leser entsteht eine gewisse Unsicherheit, was real ist und was der Fantasie des Protagonisten entspringt. So bleibt offen, wer genau der Freund ist, von dem sich der Ich-Erzähler plötzlich anhören muss, er habe immer die gleichen Themen, gäbe sich mit lang gewonnenen Einsichten zufrieden und könne nicht zwischen literarischem und schöpferischem Ich unterscheiden. Ist es eine Romanfigur? Ein Selbstgespräch? Oder gar Portmann selbst, der im Buch auftritt? «Dies zu entscheiden, überlasse ich dem Leser», sagt Portmann dazu nur.

Der Mann, die Frau, der fette Mäzen

Die Parallelen zwischen ihm und seinem Ich-Erzähler sind frappant. Sie beide sind Autoren. Sie schreiben Krimis, wollen sich diesem Genre aber nicht ganz verschreiben. An einer Stelle behauptet der Namenlose gar, er sei derjenige, dessen Name auf dem Buchdeckel stehe. «Das ist natürlich eine dreiste Anmassung», lacht Portmann, der offensichtlich Gefallen daran findet, seine Leser zu verwirren und im Dunkeln zu lassen. «In gewissem Sinne sind natürlich all meine Figuren Spiegelungen von mir – vom Ich-Erzähler über seine schöne Freundin bis hin zum fettleibigen Mäzen.»

Das totale Scheitern vor Augen

Das Ende lässt vermuten, dass «Vor der Zeit» der letzte Portmann-Krimi sein wird. Wird er jetzt das unsägliche 700-seitige romantische Kunstmärchen schreiben, mit dem sich sein Ich-Erzähler verwirklichen wollte? «Nein, das ist sein Ding, nicht meins. Aber ja, ich nehme ein neues Werk in Angriff – ganz ohne Leitplanken, das totale Scheitern jederzeit vor Augen.» Und ohne Angst, die Fans seiner Krimis damit zu enttäuschen? Portmann schmunzelt: «Das wird sich dann zeigen.»

Der Krimi zum Minarettverbot

EMMEN sda. Beat Portmanns «Vor der Zeit» bietet selbst geübten Krimilesern einiges zum Brüten: Die Handlung orientiert sich an Religionsthrillern à la Dan Brown, die Form entspricht einem Buch im Buch im Buch. Im dritten Teil seiner Emmenbrücke-Krimitrilogie stellt Portmann eine bedenkenswerte These auf: Wenn sich vor 1000 Jahren Islam, Christentum und Judentum verschwistert hätten, wären der Welt nicht nur Kriege, sondern auch Seuchen erspart geblieben. So etwas wie das Minarettverbot wäre undenkbar. Bis zuletzt spielt die Geschichte mit der Fiktion, wahr zu sein. Das ist eine von vielen Finessen, die dieses Buch zu einem Leckerbissen für verwöhnte Krimifans machen.