KRIMI: Tatort-Experte: «Erzählt regionale Geschichten»

Der Luzerner «Tatort» wird in Deutschland oft mit Kritik eingedeckt. Für «Tatort»-Experte Achim Neubauer hapert es aber nicht nur bei der Story.

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Blick auf familiäre Abgründe: Liz Ritschard (Delia Mayer, l.), Yvonne Veitli (Sabina Schneebeli, 2.v.l.) und Reto Flückiger (Stefan Gubser) stehen vor der Leiche einer jungen Mutter. (Bild: SRF / Daniel Winkler)

Blick auf familiäre Abgründe: Liz Ritschard (Delia Mayer, l.), Yvonne Veitli (Sabina Schneebeli, 2.v.l.) und Reto Flückiger (Stefan Gubser) stehen vor der Leiche einer jungen Mutter. (Bild: SRF / Daniel Winkler)

Wie hat Ihnen die letzte Luzerner «Tatort»-Folge «Zwischen zwei Welten» gefallen?

Achim Neubauer*: Leider nicht so sehr. Die Auflösung des Falls mit dem Hellseher fand ich doch sehr weit hergeholt. Die Geschichte an und für sich war prima. Eine sozialkritische Story, so, wie man das vom «Tatort» erwarten kann.

In Deutschland schneidet der Luzerner «Tatort» jedes Mal schlecht ab. «Die Schweizer sollen Käsefondue machen und von mir aus Uhren. Aber keinen ‹Tatort›», giftete eine Zuschauerin via Twitter. Warum die Schelte?

Neubauer: Na, so schlecht kommt er gar nicht an. Wenn Sie die Fan-Diskussionen rund um den Saarbrücker Kommissar Stellbrink verfolgen, dann hat Luzern ein Luxusproblem. Oder die Debatte um Til Schweiger im Hamburger «Tatort». Dort gibts manchmal medial richtig Haue.

Dennoch: So richtig ins Herz geschlossen wurde unser «Tatort» noch nicht.

Neubauer: Der Start des Luzerner «Tatorts» war denkbar schlecht. Die Fans in Deutschland haben mitbekommen, dass das Schweizer Fernsehen Sequenzen der ersten «Tatort»-Folge («Wunschdenken») zurückgezogen hat. Für die Fans hiess das: Das Schweizer Fernsehen steht nicht hinter dem Luzerner «Tatort», also kann etwas nicht stimmen. Aber es gibt noch einen zweiten Punkt.

Nämlich?

Neubauer: In Deutschland sehen wir nur den synchronisierten Luzerner «Tatort». Ich würde eine Menge der Kritik auf die Synchronisation schieben. Einerseits wirkt der Ton manchmal asynchron. Zudem sprechen die Schauspieler in der deutschen Fassung so bemüht ‹schweizerisch›, als wäre ihr Hauptanliegen, dass wir ihnen abnehmen, sie redeten wie Schweizer. Und: Ich habe das Gefühl, dass durch die Synchronisation viele Feinheiten in den Konversationen verloren gehen.

Eine Möglichkeit wäre eine Schweizerdeutsch-Fassung, die in der ARD mit Untertiteln gezeigt wird.

Neubauer: Das funktioniert leider nicht. In Deutschland werden kaum Filme mit Untertiteln gesendet, Filme werden auch im Kino fast ausschliesslich synchronisiert gezeigt. Untertitel haben bei uns keine Tradition. Ich persönlich bedaure das.

Was schlagen Sie also vor?

Neubauer: Es müsste doch möglich sein, schweizerisch in einer Art zu reden, dass wir das auch in Norddeutschland noch verstehen. So, wie Sie gerade mit mir reden.

Hallo, ich spreche gerade aber Deutsch!

Neubauer: Tja, aber es steckt eine Melodie in Ihrer Sprache, es wirkt authentisch, nicht so gekünstelt. Ich verstehe Sie ja, aber ich höre auch heraus, dass Sie Schweizer sind. Wir Deutschen haben zum Beispiel Emil Steinberger noch sehr präsent. Der redete auf der Bühne ja auch nicht Schweizerdeutsch, aber als Schweizer in einer Art und Weise hochdeutsch, dass das echt und ehrlich rüberkam. Ich ahne allerdings, dass das für die Schweizer Zuschauer wiederum eine Zumutung wäre. Aber ich glaube, in Deutschland könnte das gut ankommen.

Was denken Sie eigentlich über Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) und seine Partnerin Liz Ritschard (Delia Mayer)?

Neubauer: Die beiden sind ein unglaublich spannendes Gespann. Allerdings könnte man aus dieser Spannung zwischen den beiden Protagonisten manchmal etwas mehr herausholen. Zudem wird mir oft zu plakativ vermittelt, dass Liz Ritschard lesbisch ist. Ich muss das nicht jedes Mal mit dem Holzhammer eingetrichtert bekommen. Reto Flückiger finde ich auch stark. Zudem steht er bei den Frauen sehr hoch im Kurs.

Die Luzerner sollen also trotz aller Kritik weitermachen?

Neubauer: Ja, aber sie sollen doch bitte etwas von ihrer Region zeigen. Der letzte Fall hätte irgendwo in irgendeiner Stadt spielen können. Toll wäre es, wenn man regional spezifische Geschichten erzählen könnte. So wie die Folge über den Schmutzigen Donnerstag. Zeigt mir doch Fälle, die so fast nur in Luzern vorkommen könnten, die Besonderheiten rund um den Vierwaldstättersee, spezielle Handlungen und Begebenheiten. Es geht mir nicht um Bilder über die Postkartenidylle der Region. Aber um Geschichten, die sehr typisch für die Region sind.

*Achim Neubauer (52) ist Redaktor bei der «Tatort»-Fan-Homepage www.tatort-fundus.de. Seit 1976 ist er regel­mässiger und passionierter «Tatort»-Seher.

Dem Täter auf der Spur: Liz Ritschard (Delia Mayer) und Reto Flückiger (Stefan Gubser) ermitteln im Mord an einer dreifachen Mutter. (Bild: SRF / Daniel Winkler)
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Blick auf familiäre Abgründe: Liz Ritschard (Delia Mayer, l.), Yvonne Veitli (Sabina Schneebeli, 2.v.l.) und Reto Flückiger (Stefan Gubser) stehen vor der Leiche einer jungen Mutter. (Bild: SRF / Daniel Winkler)
Zerrüttete Familienverhältnisse: Die drei Kinder der Verstorbenen stammen von drei verschiedenen Vätern. v.l. Emma (Annina Walt), Ravi (Pablo Caprez), die Patentante Biba (Danijela Milijic Stojcetovic) und Alisha (Anna Fitz). (Bild: SRF / Daniel Winkler)
Erbitterter Kampf ums Sorgerecht: Die Kommissare Liz Ritschard (Delia Mayer, 3.v.l.) und Reto Flückiger (Stefan Gubser, 2.v.r.) vermitteln im Streit zwischen Vater Rossi (Hans-Caspar Gattiker, vorne l.) und der Spitalpsychologin Dr. Schulthess (Miriam Japp, 3.v.r.). Auch die Freundin der Verstorbenen, Biba (Daniela Milijic Stojcetovic, vorne r.), erhebt Ansprüche. (Bild: SRF / Daniel Winkler)
Gegenüberstellung: Kommissarin Liz Ritschard (Delia Mayer, vorne M.) verdächtigt die Mitglieder einer Väterrechtsorganisation, gegenseitig den Mord an einer der Exfrauen zu decken. (Bild: SRF / Daniel Winkler)
Freund oder Feind: Pablo Guggisberg (Grégoire Gros, vorne l.) ist spiritueller Heiler und will Liz Ritschard (Delia Mayer, M.) und Reto Flückiger (r.) bei den Ermittlungen im Mord an einer dreifachen Mutter behilflich sein. (Bild: SRF / Daniel Winkler)
Unkontrollierte Aggression: Kommissar Flückiger (Stefan Gubser, hinten) versucht auf unkonventionelle Weise das Vertrauen von Ravi (Pablo Caprez), dem Sohn der Ermordeten, zu gewinnen. (Bild: SRF / Daniel Winkler)
Unter Verdacht: Kommissarin Ritschard (Delia Mayer, l.) und Kommissar Flückiger (Stefan Gubser, r.) nehmen Biba (Danijela Milijic Stojcetovic , M.), die engste Freundin der Verstorbenen, ins Visier. (Bild: SRF / Daniel Winkler)
Unter Verdacht: Liz Ritschard (Delia Mayer) nimmt den wutgeladenen Ex-Ehemann Daniele Rossi (Hans-Peter Gattiker) in die Mangel. (Bild: SRF / Daniel Winkler)
Yvonne Veitli (Sabina Schneebeli) kann einen Selbstmord ausschliessen. Die blauen Flecken am Körper der Toten (Elena Bernasconi) weisen auf einen Kampf hin. (Bild: SRF / Daniel Winkler)

Dem Täter auf der Spur: Liz Ritschard (Delia Mayer) und Reto Flückiger (Stefan Gubser) ermitteln im Mord an einer dreifachen Mutter. (Bild: SRF / Daniel Winkler)