KRIMINALGERICHT: Arbeitgeber betrogen – für Sportwetten

Um seine Spielsucht zu finanzieren, hat ein Mann seinen Arbeitgeber um über 730 000 Franken erleichtert. Nun droht ihm eine teilbedingte Freiheitsstrafe von drei Jahren.

Alexander von Däniken
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Sportwetten wie «Sporttip» können etwa wie hier im Bild an den Schweizer Kiosken abgeschlossen werden. (Symbolbild Keystone)

Sportwetten wie «Sporttip» können etwa wie hier im Bild an den Schweizer Kiosken abgeschlossen werden. (Symbolbild Keystone)

Alexander von Däniken

«In nur zweieinhalb Jahren hat er so viel Geld ertrogen, von dieser Summe können die meisten nur träumen.» Die Staatsanwältin brachte es gestern im Luzerner Kriminalgericht auf den Punkt. Er, das ist ein heute 40-jähriger Mann aus dem Kanton Luzern. Es geht um eine Deliktsumme von über 1,2 Millionen Franken. Abzüglich zweier «gescheiterter» Betrugsversuche hat er seinen Arbeitgeber um über 730 000 Franken erleichtert. Auch zwei Bekannte hat er um rund 100 000 Franken betrogen. Was war geschehen?

Fast täglich 900 Franken verwettet

Januar 2008: Der Mann arbeitet seit fast elf Jahren bei einer Krankenkassenfiliale in Luzern. Er ist zuständig für Abrechnungen und das Inkasso für Firmen, arbeitet auch bei der Weiterentwicklung der firmeneigenen Software mit. Und er führt ein Doppelleben: Er ist spielsüchtig. Vor allem Sportwetten haben es ihm angetan. Fast täglich sucht er bis zu drei Verkaufsstellen auf und kauft «Sporttip»-Scheine im Wert von 900 Franken – pro Tag. Manchmal wettet er auch übers Internet. Die privaten Schulden häufen sich. Der Mann beschliesst, sein Insiderwissen bei der Arbeit auszunutzen. Ein erstes Mal fälscht er eine Lohnsummendeklaration einer Kundenfirma. Über 90 000 Franken lässt er sich auf sein Konto gutschreiben.

Auch wenn der Mann keine Vollmacht hat, fällt der Betrug nicht auf. Denn die Liste mit den Zahlungsaufträgen, die er seinen Vorgesetzten vorlegen muss, ist lang und mit noch grösseren Beträgen versehen. Später verfeinert der Mann sein System und erfasst fiktive Firmen mit eigens eingerichteten Konten. «Am Morgen eröffne ich bei einer Bank ein neues Konto und überweise den Betrag, am Mittag hebe ich das Geld in bar ab. Das dauert keine fünf Stunden», sagte der Mann gestern vor Gericht.

Betrugssystem verfeinert

Der Betrug geht lange glatt. Auch weil der Mann sein System weiter verfeinert. Er tauscht nicht mehr die Stammdaten der Kunden mit seinen eigenen Kontodaten aus, sondern gibt bei mindestens einer Zahlung eine ungültige Clearingnummer an. Nach der Fehlermeldung korrigiert er die Nummer auf seine Nummer, ohne dass er die Zahlungen nochmals zur Kontrolle vorweisen muss.

Einmal lässt sich der Mann aber einen Betrag von über 100 000 Franken überweisen. Das alarmiert die Bank, sie fragt bei der Abteilung des Mannes nach. Dem Mann gelingt es, diese «Fehlbuchung» zu beheben. Zweieinhalb Jahre nach dem ersten Betrug ist Schluss. Der Mann überweist sich wieder über 100 000 Franken und geht um 9 Uhr nach Hause. Um zu warten, bis die Bank beim Geschäft anruft «und die Sache auffliegt», so der Verteidiger. Der Mann habe den Mut nicht aufgebracht, es seinen Chefs persönlich zu sagen. Schliesslich ruft er doch bei seinem Arbeitgeber an.

War der Betrug gewerbsmässig?

Seit über zwei Jahren befindet sich der Mann in ambulanter Therapie. Diese soll noch weiter geführt werden, wenn es nach der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung geht. Über das Strafmass sind sich die Parteien aber uneinig. Die Staatsanwaltschaft fordert eine Freiheitsstrafe von drei Jahren, davon ein Jahr unbedingt. Unter anderem, weil gewerbsmässiger Betrug vorliege.

Genau diesen Straftatbestand bestreitet der Verteidiger. Gewerbsmässiger Betrug liege nur vor, wenn dadurch der Lebensunterhalt bestritten werde. «Einziger Grund für den mehrfachen Betrug war aber die Spielsucht.» Eine bedingte Freiheitsstrafe von zwei Jahren reiche deshalb aus. Auch, weil der Mann geständig ist, den Betrug von sich aus beendet habe und durch einen unbedingten Vollzug das Zurückzahlen erschwert werde. Tatsächlich fordert der ehemalige Arbeitgeber vom Mann über 720 000 Franken zurück. Dazu kommt eine weitere Zivilforderung eines Freundes von 49 500 Franken. Das Urteil wird den Parteien schriftlich zugestellt.

Swisslos tut, «was möglich ist»

Der Verteidiger fragt sich, warum der Wettanbieter bei so hohen und regelmässigen Einsätzen keinen Verdacht geschöpft hat. Hinter «Sporttip» stehen Swisslos und Loterie Romande. Swisslos-Sprecher Willy Mesmer sagt gegenüber unserer Zeitung: «900 Franken pro Tag auf drei Verkaufsstellen verteilt sind 300 Franken pro Verkaufsstelle. Einsätze in dieser Höhe fallen nicht auf.» Dazu komme, dass Lotto und Wetten bei Verkaufsstellen anonym abgewickelt würden. Für Swisslos sei nicht erkennbar, ob die Einsätze von einer oder von mehreren Personen stammen. Die Verkäufer seien in der Regel von externen Ketten angestellt, etwa Valora. Swisslos biete hier entsprechende Schulungen an. «Wir tun hier, was möglich ist.» Bei Internetwetten kenne Swisslos die Kunden; hier gelten auch Limiten, die von Kunden noch verschärft werden können.

Studien zufolge sind in der Schweiz rund 46 000 Personen spielsüchtig. Etwa 60 Prozent der Spieler, die eine ambulante oder stationäre Therapie beenden, sind auch ein Jahr später abstinent. Es existieren dazu aber noch keine Langzeitstudien, wie die Beratungsplattform www.sos-spielsucht.ch zeigt, welche von 16 Kantonen angeboten wird.