KRIMINALGERICHT: «Der Beschuldigte rechnete nicht mit der Tötung»

Ein Mann sass eineinhalb Jahre zu lange im Gefängnis. Der Kanton muss nun Genugtuung bezahlen.

Roger Rüegger
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Das Kriminalgericht des Kantons Luzern. (Bild: Philipp Schmidli)

Das Kriminalgericht des Kantons Luzern. (Bild: Philipp Schmidli)

Ein 31-jähriger Mann aus Montenegro ist vom Luzerner Kriminalgericht zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt worden. Die Staatsanwaltschaft beschuldigte ihn bei der Verhandlung im Juni 2016 unter anderem der Gehilfenschaft der vorsätzlichen Tötung. Sie beantragte fünf Jahre und acht Monate.

Angerechnet wurden ihm 1440 Tage oder fast vier Jahre Freiheitsentzug, die er bereits abgesessen hatte. Das Urteil überschreitet den Strafantrag der Anklage also um 526 Tage. Für die Zeit, die der Beschuldigte zu Unrecht inhaftiert war, muss ihm der Kanton Luzern eine Genugtuung von 65000 Franken bezahlen (wir berichteten).

Acht Schüsse auf Schlafenden abgefeuert

Der Beschuldigte hatte im November 2011 die Absicht, zusammen mit zwei Männern einen nigerianischen Untermieter gewaltsam aus der Wohnung der Freundin eines Bekannten in Emmenbrücke zu schaffen. Als die Gruppe in der Wohnung eintraf, schlief der Nigerianer im Wohnzimmer auf dem Sofa. Der Bekannte des Beschuldigten schob dem schlafenden Mann einen Revolver in den Mund. Laut Anklagedossier drückte er ab. Das Opfer soll sich nach dem Schuss erhoben haben, weshalb der Schütze erneut abdrückte. Insgesamt feuerte er acht Schüsse ab.

Der Beschuldigte hatte zwar Kenntnis von der Waffe, er selber benutzte diese am Tatort aber nicht. Gemäss Aussage des zweiten Bekannten hat der Montenegriner nach dem Abfeuern des ersten Schusses panikartig geschrien und den Tatort als Erster verlassen. Im vorgestern publizierten Urteil begründet das Kriminalgericht die Strafe, die eineinhalb Jahre milder ausfiel als beantragt, wie folgt: «Gestützt auf den Grundsatz ‹In dubio pro reo›, ist davon auszugehen, dass der Beschuldigte nicht mit einer Schussabgabe durch den Komplizen rechnete und erst recht nicht mit der Tötung des Opfers.» Einen solchen Geschehensablauf habe der Beschuldigte nicht in Kauf genommen. Er sei mangels Vorsatz vom Vorwurf der Gehilfenschaft zu vorsätzlicher Tötung freizusprechen.

Staatsanwaltschaft reichte Berufung ein

Schuldig gesprochen wurde er für eine Reihe weiterer Taten, unter anderem für versuchte Nötigung, Angriff, mehrfachen Diebstahl und mehrfache Widerhandlung gegen das Waffengesetz. Ausserdem muss er rund 40000 Franken Verfahrenskosten bezahlen. Die Anklage reichte Berufung gegen das Urteil ein.

Roger Rüegger

roger.ruegger@luzernerzeitung.ch