Kriminalgericht
Ehefrau vergewaltigt, genötigt und geschlagen – einem Schweizer drohen fünfeinhalb Jahre Gefängnis

Ein Hilfsarbeiter hat die Mutter seines Sohnes über Jahre zu sexuellen Handlungen gezwungen. Der Mann ist geständig, sein Verteidiger hält die geforderte Strafe dennoch für unverhältnismässig hoch.

Roger Rüegger
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Ein 45-jähriger Schweizer hat seine Ehefrau mehrfach zur Duldung des Beischlafs genötigt. Dies, indem er ihre Hände festhielt und Gewalt in Form von Schlägen gegen sie anwendete. Dieser knappe Auszug aus der Anklageschrift der Luzerner Staatsanwaltschaft beschreibt grob, was sich zwischen Mai 2013 und Dezember 2017 in der Wohnung eines Ehepaares abspielte, das 2010 geheiratet hatte.

Der Staatsanwalt beantragte für mehrfache Vergewaltigung, mehrfache sexuelle Nötigung, mehrfache einfache Körperverletzung sowie Pornografie eine Freiheitsstrafe von fünfeinhalb Jahren. Ausserdem sei strafvollzugsbegleitend eine ambulante Massnahme anzuordnen.

Beim Beweisverfahren zu Beginn der Verhandlung vom 26. Mai am Luzerner Kriminalgericht gab der Beschuldigte die ihm vorgeworfenen Handlungen zu. «Stimmt», sagte er zu einem Richter aus der Dreierbesetzung, als dieser ihn mit den Anschuldigungen konfrontierte. «Habe Fehler gemacht.» Bei zwei Fragen verweigerte der Hilfsarbeiter die Aussage zuerst, dann führte er aus: «Es stimmt alles, aber auf dem Balkon, nein.» Über die therapeutischen Sitzungen, denen er sich derzeit unterzieht, meinte er: «Es ist besser, es bringt etwas.» Was genau, konnte er freilich nicht sagen. Er leidet an einer Sprachstörung, zusammenhängende Sätze kommen kaum über seine Lippen.

Das Familienglück endete in einer häuslichen Hölle

Der Richter fragte ihn, ob er den Begriff «Sexueller Sadismus» verstehe. Der Mann verstand nicht. So erklärte der Vorsitzende den Wortlaut und wollte dann vom Beschuldigten wissen, ob seine Freude am Leid anderer Leute noch immer vorhanden sei: «Nein, gar nicht.» Auf die Frage, was ihn damals zu den Handlungen an seiner Frau getrieben habe, sagte der Beschuldigte: «Ich hatte keine Freiheiten. Durfte das Haus nicht verlassen. So ist es dazu gekommen ...»

Inzwischen ist das Paar geschieden. Dabei schien das Familienglück mit der Geburt des Sohnes im Mai 2010 perfekt. Knapp drei Jahre später verliess die Frau, die der Verhandlung als Privatklägerin beiwohnte, den gemeinsamen Haushalt jedoch. Dies, nachdem der Beschuldigte sie das erste Mal vergewaltigt hatte, wie ihre Vertreterin schilderte: «Sie zog dennoch nach acht Monaten wieder zu ihrem Mann zurück in die Wohnung. Aber nach kurzer Zeit begann eine nicht enden wollende häusliche Hölle.»

Der Beschuldigte sei nicht selten wütend von der Arbeit nach Hause gekommen. Er habe immer brutaler und hemmungsloser agiert, sodass sie um ihr Leben fürchtete. Erst 2017 habe sie per E-Mail Kontakt zur Polizei herstellen können. Und dies habe sie auch nur gemacht, weil ihr Physiotherapeut die Hämatome an ihrem Körper entdeckt habe, die von den Schlägen herrührten.

Die Privatklägerin forderte vom Beschuldigten Schadenersatz von 1760 Franken und eine Genugtuung von 35'000 Franken. Die von der Staatsanwaltschaft beantragte Freiheitsstrafe hielt sie für angemessen.

Der Mann akzeptierte ihre finanziellen Forderungen. Er würde das Geld in Raten zahlen, meinte er. Eine Freiheitsstrafe wäre jedoch nicht gut für ihn, hielt er fest:

«Ich würde lieber arbeiten und eine Therapie machen.»

Der Verteidiger beschrieb den vorliegenden Straffall als speziell. Er nannte es eine Interaktion, die vor rund zwölf Jahren vielversprechend begann. «Daraus wurde eine Liebesbeziehung, die ein schlimmes Ende genommen hat.» Sein Mandant sei schuldig zu sprechen für mehrfache Vergewaltigung, mehrfache sexuelle Nötigung und mehrfache einfache Körperverletzung. Das Vergehen sei gewiss nicht leicht. Das Strafmass solle aber höchstens drei Jahre betragen. Die ambulante Massnahme sei unter Aufschub des Vollzugs anzuordnen.

Handlungen waren Reaktionen auf die Lebensumstände

Das Bild des Triebtäters, das die Anklage zeichnete, hält der Verteidiger für völlig überzogen und auch die geforderte Strafe sei unvereinbar. «Bei meinem Mandanten handelt es sich um einen einfachen, teilinvaliden Mann, der bis dahin unbescholten war», betonte er. Seine Handlungen seien auch eine Reaktion auf die Lebensumstände und die Interaktion seiner Lebenspartnerin gewesen. Die Privatklägerin sei die dominante Person in der Beziehung gewesen. Sie habe ihren Mann bevormundet, ihn geringschätzt und auch manipuliert. Er betonte jedoch ausdrücklich, dass dies nicht als ihre Mitschuld zu verstehen sei.

«Entschuldigung. Es tut mir leid», sagte der Beschuldigte beim letzten Wort. Das Urteil wird den Parteien schriftlich zugestellt.