Kriminalgericht

Frau erschleicht 125'000 Franken – wie naiv waren ihre Geldgeber tatsächlich?

Mit Lügengeschichten und Sex kommt eine junge Frau zu viel Geld. Nun droht ihr Gefängnis. Doch für den Verteidiger sind die Opfer mitschuldig.

Sandra Monika Ziegler
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Vor gut vier Jahren sind sich die beiden jungen Frauen in einem Reitstall begegnet. Die eine musste sich am Montag vor dem Luzerner Kriminalgericht wegen gewerbsmässigen Betrugs verantworten. Die andere sah sich die Verhandlung an. «Sie soll wissen, dass ich sie nicht vergessen habe», erklärt die Begleiterin in der Verhandlungspause.

Der heute 33-jährigen Angeklagten werden sechs Delikte zur Last gelegt. Sie hatte sich wiederholt mit Lügengeschichten Darlehen beschafft. Der Staatsanwalt sagt:

«Sie beherrscht die Klaviatur des Mitleidheischens mit Krankheit und Tod.»

Der Staatsanwalt spricht von Arglist. Er fordert eine teilbedingte Freiheitsstrafe von 24 Monaten, davon 6 Monate im Gefängnis.

Die Beschuldigte hatte vor vier Jahren von diversen Personen Darlehen in der Gesamthöhe von rund 125'000 Franken erhalten. Dies, nachdem die Schweizerin Lügengeschichten aufgetischt hatte. Einmal war das Kind krank, ein anderes Mal war die Mutter an einem Tumor erkrankt oder es fehlte das Geld, um eine Betreibung ihres Mannes zu zahlen. Die Geschichten wechselten genauso wie die Geldgeber.

Geld gegen sexuelle Gefälligkeiten

Ein Fall ereignete sich im Oktober 2014. Zu diesem Zeitpunkt inserierte sie im «Ämme-Express» und bat um Geld. Ein knapp 50 Jahre älterer Mann meldete sich bei ihr. Insgesamt zahlte der Mann 55'000 Franken an die Beschuldigte. Erst als der Kontakt abbrach und auch keine Rückzahlungen eingingen, erstattete er Anzeige. Der Mann handelte aber nicht selbstlos. So kam es bei jeder Geldübergabe auch zu sexuellen Handlungen.

Der Staatsanwalt spricht beim Geprellten von einem «alten verschupften Mandli», der leicht zu täuschen war. Die Beschuldigte hätte Alter und Naivität des Mannes ausgenützt.

Dem widerspricht der Verteidiger und zitiert aus den Aussagen des Geprellten: «Für so viel Geld könne man ja auch etwas verlangen.» Zur Bezeichnung ‹altes verschupftes Mandli› sagt der Verteidiger: «Das reicht nicht aus, dass er tun und lassen kann, was er will. Zumindest konnte er auf ein Inserat reagieren, ein Treffen organisieren und dort sexuelle Gefälligkeiten abholen.»

Der Einwand der Staatsanwaltschaft, sie hätte ja jederzeit gehen können, da vom Geprellten keine Gefahr ausging und auch keine Anzeige wegen sexueller Belästigung eingegangen sei, lässt der Verteidiger zwar gelten, fügt aber an: «Sie hat keine Anzeige erstattet, weil sie ihm nichts unterstellen wollte und ja, sie hätte gehen können, die Hürde war nicht hoch. Doch die Verzweiflung hielt sie zurück.»

Geprellte waren sträflich arglos und naiv

In seinem Plädoyer legt der Verteidiger den Fokus auf die Opfermitverantwortung: «Wie kommt ein gestandener Mann dazu, einer ihm unbekannten, fast 50 Jahre jüngeren Frau so viel Geld in so kurzer Zeit zu geben? Er kannte sie nicht und stellte auch keine Nachforschungen an.»

Viermal hätte er die Möglichkeit zu Nachforschungen gehabt. Doch es schien ihm egal, er bezahlte sowieso. Er habe auch nie nach einem Kinderfoto gefragt, sich nach der Gesundheit des Kindes erkundigt, er wisse nicht einmal, wie das Kind heisst. «Er wunderte sich nicht einmal, als sie 20'000 Franken verlangte, dann aber mit 10'000 zufrieden war», beschreibt der Verteidiger das Verhalten des Geprellten.

So hätte er den Ausweis verlangen und dabei feststellen können, dass sie einen falschen Namen angegeben hatte. Er hätte bei der Gemeinde nachfragen können. Er hätte auch an die rund 30 Minuten entfernte Adresse fahren und die Angaben überprüfen können.

«Doch sein sexueller Durst war stärker und er hörte die schrillsten Alarmglocken nicht.»

Selbst als beim dritten Treffen noch keine Rückzahlung erfolgte, schöpfte er keinen Verdacht und zahlte erneut und liess sich belohnen.

Auch bei den anderen Geprellten sieht er ein Mitverschulden, stellt deren Naivität und Arglosigkeit infrage. Er fordert eine vollbedingte Freiheitsstrafe. Die Frau habe jetzt eine Aussicht auf einen Job, auf ein geregeltes Leben und Einkommen. Eine Gefängnisstrafe wäre nicht zielführend.

Im Schlusswort sagt die Beschuldigte: «Es tut mir leid für die Betroffenen. Ich habe mein Leben jetzt im Griff und zahle das Geld zurück.» Das Urteil wird den Parteien schriftlich mitgeteilt.