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Kriminalgericht: Täter fühlte sich als Opfer – und ist nicht mehr auffindbar

Eine Familienfehde, ein Taschenmesser und ein Beklagter, der sich nicht mehr meldet. Das Luzerner Kriminalgericht verhandelt im Ungewissen, ob der Täter überhaupt noch lebt.
Sandra Monika Ziegler

An der Verhandlung vor dem Luzerner Kriminalgericht fehlt der mutmassliche Täter. Er ist dispensiert, weil er im Juni 2017 nach Afghanistan ausgeschafft wurde. Die Befragung des Beklagten fällt aus, das Wort haben Staatsanwalt und Verteidiger.

Der damals 21-Jährige wird vom Luzerner Kriminalgericht unter anderem der schweren Körperverletzung angeklagt und erhält einen Landesverweis von 12 Jahren. Der Staatsanwalt sieht eine Haftstrafe von vier Jahren als angemessen, der Verteidiger sechs Monate ohne Landesverweis.

Zum Geschehen: Tatzeitpunkt war der 9. Dezember 2016. Beteiligt waren drei Männer, alle aus Afghanistan, alle knapp über 20 Jahre alt und miteinander verwandt. In besagter Dezembernacht waren zwei von ihnen in Zürich beim Nachtessen, der Beklagte in Luzern in seiner Wohnung zusammen mit seinen beiden Kindern und der damals schwangeren Ehefrau.

Und plötzlich wurde das Messer gezückt

Der Beklagte telefonierte mit den Männern aus Zürich, er beschimpfte und beleidigte sie massiv. Dazu sagt der Verteidiger: «Im deutschen Sprachgebrauch sind die gewählten Worte weit unter der Gürtellinie.» Die Beleidigungen lassen die beiden aus Zürich nicht auf sich sitzen. Sie nehmen den Zug nach Luzern und wollen ein klärendes Gespräch, wie sie später zu Protokoll geben.

Als sie in der Baselstrasse angekommen sind, wurde der Disput lautstark und emotionsgeladen weitergeführt. Sie hätten Angst gehabt vor der Begegnung und deshalb die Polizei bereits bei der Ankunft angerufen, diese habe sie jedoch nicht verstanden. Ein zweiter Anruf erfolgte vor Ort, wie sie weiter zu Protokoll geben.

Der Beschuldigte sei auf die Strasse gekommen und habe sie sofort mit einem Taschenmesser in der Faust angegriffen. Die beiden Angereisten wurden im Hals-, Stirn, Mund- und Nasenbereich verletzt. Für den Staatsanwalt «eine gezielte Messerattacke». Der Staatsanwalt sieht den Vorsatz der schweren Körperverletzung erfüllt und spricht von einem schweren Verschulden, der Angreifer wollte die «Gesichter entstellen» und nahm «den Tod des Cousins in Kauf».

Der Angeklagte bestreitet die Tat

Der Beklagte wurde überwältigt und festgehalten, bis die Polizei kam. Im Verhör bestreitet er diese Tat und sieht sich selber als Opfer. Er wurde inhaftiert und sechs Monate später nach Afghanistan ausgeschafft. Der Verteidiger sagte zu Beginn seines Plädoyers, dass er keinen Kontakt zu seinem Mandanten habe, dass seit der Ausschaffung selbst die Schwester und Ehefrau nichts mehr von ihm gehört hätten.

Ob der Angeklagte überhaupt noch lebe, sei ungewiss, einen Beweis dafür gebe es nicht. Aktenkundig sind indes seine Suizidversuche. Der Verteidiger spricht von oberflächlichen Verletzungen, von einem Mann in einer Ausnahmesituation, psychisch und physisch schwach. Er fragt sich, warum die Angereisten nicht gleich in Zürich geblieben sind, wenn sie doch so Angst gehabt hätten.

Bei der Schilderung des Tatherganges greift der Verteidiger in seine Hosentasche und nimmt sein eigenes Sackmesser hervor. Er demonstriert wie der Angriff – seines Erachtens ein Faustschlag mit dem Messer – in der Hand, hätte sein können. Er plädiert auf einfache Körperverletzung mit einem gefährlichen Gegenstand. Das Urteil wird den Parteien schriftlich zugestellt.

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