KRIMINALITÄT: So schützen Plantagenbesitzer ihren Hanf

Waffen, Stromfallen, Nagelbretter – die Betreiber von Hanfanlagen schützen ihre Pflanzen mit drastischen Massnahmen. Kein Wunder: Anbau und Handel blühen, der Konkurrenzkampf spitzt sich zu.

Alexander von Däniken
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Sicherheitsvorkehrungen: Nagelbretter sollen verhindern, dass jemand in die Plantage gelangt. (Bild: Luzerner Polizei)

Sicherheitsvorkehrungen: Nagelbretter sollen verhindern, dass jemand in die Plantage gelangt. (Bild: Luzerner Polizei)

Alexander von Däniken

alexander.vondaeniken@luzernerzeitung.ch

Wer die Stichworte «Hanf», «Indoor» und «Anlage» googelt, erhält reihenweise Meldungen über Entdeckungen durch die Polizei. Aber auch Internetseiten mit Tipps und Onlineshops für Hanfsamen und Beleuchtung sind dabei. Auf einer Seite zum Beispiel wird darauf hingewiesen, dass das Anbauen von Hanf in den meisten Ländern verboten ist – auch in der Schweiz. Aber dann folgt der Satz «Vorsicht beim Growen», wobei der Begriff «Growen» für das Heranziehen der Hanfpflanze verwendet wird.

In der Kategorie Sicherheit führt der Betreiber dann detaillierter aus, wie zu vermeiden ist, «dass die Polizei anklopft». Der Betreiber, der sich auf der Internetseite mit einem Pseudonym zu erkennen gibt, lebt wie Daniel O. (siehe Kasten) im Kanton Zürich.

Grosse Anlagen – hohes Risiko

«Dass grosse Indooranlagen ausgehoben werden, kommt immer seltener vor», sagt Kurt Graf, Mediensprecher der Luzerner Polizei. Zu hoch sei für die Betreiber mittlerweile das Risiko geworden, aufzufliegen: entweder weil der Stromverbrauch verräterisch ist oder weil der typische Geruch Tausender Pflanzen sich rasch ausbreitet, wenn ein Filter versagt.

Die Zahl der Anlagen in Häusern, Wohnungen, Kellern oder Scheunen dürfte aber nicht abgenommen haben. Darauf deutet auch die Kriminalstatistik der Luzerner Polizei hin: 2014 wurden 14 Anlagen ausgehoben, ein Jahr später 19. Die Dunkelziffer dürfte relativ hoch sein.

Hoch sind auch die Sicherheitsvorkehrungen der Plantagenbesitzer. «Wir haben Anlagen angetroffen, die mit Kameras, doppelten Türen, Nagelbrettern oder Stromfallen geschützt wurden», sagt Kurt Graf. Die Massnahmen richten sich dabei weniger gegen die Polizei als vielmehr gegen einbrechende Konsumenten oder rivalisierende Banden. Denn auch wenn die Plantagen eher klein sind, stehen öfters Betreiber dahinter, die an mehreren Orten Hanf züchten.

Die Rivalität wiederum sorgt laut Graf auch dafür, dass sich die Betreiber mit allerlei Waffen ausrüsten. Konkrete Zahlen dazu gibt es nicht. Generell hat die Luzerner Polizei bei verschiedensten Delikten – also nicht nur bei Hanfplantagen – letztes Jahr in 355 Fällen Waffen und gefährliche Gegenstände beschlagnahmt. Fast täglich sind die Luzerner Polizisten also mit Schusswaffen oder Messern konfrontiert.

Wie viel Geld im Hanfgeschäft zu machen ist, rechnete Olivier Guéniat, Kriminologe und Chef der Neuenburger Kriminalpolizei, dem Onlineportal Watson vor. «Neuste Untersuchungen gehen von einer Viertelmillion Konsumenten aus, die wöchentlich etwa 10 Gramm Marihuana à 8 Franken das Gramm konsumieren», liess sich Guéniat zitieren. Oder in Schweizer Franken: «20 Millionen pro Woche und 1 Milliarde Franken im Jahr.» 80 Prozent des hierzulande angebauten Marihuanas werden laut Guéniat auch in der Schweiz konsumiert.

Der typische Hanfanbauer ist gemäss Kriminalstatistiken zwischen 25 und 50 Jahre alt und Schweizer oder Secondo. Es ist unter anderem die zunehmende Professionalisierung des Hanfgeschäfts und die damit einhergehende Gewaltbereitschaft, welche Städte wie Bern, Genf, Zürich und Basel veranlassen, den Cannabis-Konsum mit einem legalen Verkauf entkriminalisieren zu wollen. Die Umsetzung dieses Plans stockt in den genannten Städten allerdings (Ausgabe vom Freitag).

Sohn der Verstorbenen betrieb Anbau im grossen Stil

Hat die Luzerner Polizei am 9. März 2016 rechtlich korrekt gehandelt? Diese Frage ist im Fall Malters zentral, spätestens seitdem der ausserordentliche Aargauer Staatsanwalt Christoph Rüedi vergangene Woche Anklage gegen den Luzerner Polizeikommandanten Adi Achermann und seinen Kripo-Chef Daniel Bussmann eingereicht hat (Ausgabe vom 11. Januar). Unabhängig davon, wie das Bezirksgericht Kriens und möglicherweise auch weitere Instanzen den Vorwurf der fahrlässigen Tötung beurteilen werden, erhalten die beiden Polizeikader, die damals den Einsatz geleitet haben, von der Bevölkerung Rücken­deckung. Das zeigen auch Leserbriefe und Zuschriften an unsere Redaktion.

Dabei tauchen immer wieder die gleichen Fragen auf: Wie kommt es, dass der Sohn als Vormund der Frau wegen Betäubungsmitteldelikten in Zürich in Untersuchungshaft sitzt? Warum liess er seine psychisch kranke Mutter mit mehreren Schusswaffen in der Wohnung? Wie kann es sein, dass der mutmass­liche Täter sich durch die Anzeige gegen die Polizeikader als Opfer darstellt? Wie lange hätte die Einsatzleiter der Luzerner Polizei mit dem Zugriff warten sollen, nachdem die 65-Jährige bereits Schüsse abgegeben hat?

Plantagen werden mit Gewalt verteidigt

Fest steht, dass sich Polizisten in der ganzen Schweiz auf Waffengewalt einstellen müssen, wenn sie eine Indoor-Hanf­anlage ausheben (siehe Haupttext). ­Aktuellstes Beispiel ist der Vorfall in ­Rehetobel AR vom 3. Januar, bei dem der mutmassliche Anlagenbetreiber zwei Polizisten verletzt hat, einen von ihnen lebensgefährlich. Inzwischen befinden sich beide Polizisten auf dem Weg zur Besserung.

Zurück zum Fall Malters. Was Informationen über den Sohn betrifft, halten sich Behörden und Anwälte zurück. Der «Blick» machte publik, dass der 46-jährige Daniel O.* aus dem Zürcher Limmattal stammt und als Squash-Spieler mehrere Preise gewonnen hat. Wie ­Recherchen unserer Zeitung ergeben ­haben, hielt er sich vordergründig mit einem von ihm gegründeten und geführten Kurierdienst über Wasser. Dazu zählen weitere Firmengründungen und -beteiligungen in der Kleidungs- und Logistikbranche.

Zum Zeitpunkt der Polizeiaktion in Malters vom 8. und 9. März 2016 sass er im Kanton Zürich in U-Haft. Ob er noch immer inhaftiert ist, sagt die zuständige Zürcher Staatsanwaltschaft aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht. Aber: «Das Verfahren gegen ihn ist immer noch pendent», erklärt Sprecherin Corinne Bouvard. Ermittelt wird wegen Verstosses gegen das Betäubungsmittelgesetz. Daniel O. wurde Anfang März 2016 verhaftet. Die Polizei ist gemäss Zeugenaussagen an zwei Orten auftaucht: Beim Kurierdienstgeschäft und an einem Ort im Kanton Aargau. Zumindest beim Geschäft sind Polizisten beobachtet worden, die Teile einer Hanfplantage hinaustrugen. Spätestens ab jenem Zeitpunkt ahnten die Zürcher Ermittler, dass Daniel O. an weiteren Standorten Hanfanlagen betreibt. Es ging und geht also noch immer um Hanfanbau im ­grossen Stil. Dabei geriet nicht nur Daniel O. ins Fadenkreuz der Ermittler, sondern gleich mehrere Personen, wie der zuständige Zürcher Staatsanwalt Daniel Eberle an der Medienkonferenz nach dem Einsatz verriet (Ausgabe vom 10. März 2016).

Aufgrund eines Hinweises ersuchte die Zürcher Staatsanwaltschaft die ­Luzerner Polizei um Amtshilfe. Auf die Mutter stiess die Polizei in Malters wohl unvorbereitet. Die 65-jährige Frau, die an paranoider Schizophrenie litt, bedrohte die Polizisten, drohte damit, sich das Leben zu nehmen und schoss auch aus einem Fenster, worauf sich die Einsatzkräfte zurückzogen und 17 Stunden mit ihr verhandelten. Obwohl der Psychologe davon abriet, entschloss man sich zum Zugriff. Zeitgleich mit einem Ablenkungsmanöver ausserhalb des Hauses öffneten Polizisten der Sondereinheit «Luchs» die Wohnungstür gewaltsam und schickten einen Interventionshund ins Innere, um die Frau zu fixieren. Dieser kehrte aber gemäss Recherchen der «Rundschau» zweimal erfolglos zurück. Dann erschoss die Frau mit einem Revolver ihre Katze und sich selbst.

Die Frau wohnte gemäss Aussagen von Nachbarn erst seit kurzem dort. Ihr Sohn Daniel hatte die Wohnung gemietet. Die Hanfanlage befand sich gemäss Polizei in der oberen Etage der zweistöckigen Wohnung. Neben dem Revolver wurden noch weitere Waffen gefunden. Zumindest der Revolver hat Daniel O. gehört.

* Name der Redaktion bekannt

 

Alexander von Däniken

Waffen, welche die Luzerner Polizei in Hanfplantagen oder bei deren Besitzern gefunden hat: Pistole, Schlagstock und Schmetterlingsmesser. (Bild: Luzerner Polizei)

Waffen, welche die Luzerner Polizei in Hanfplantagen oder bei deren Besitzern gefunden hat: Pistole, Schlagstock und Schmetterlingsmesser. (Bild: Luzerner Polizei)

Waffen, welche die Luzerner Polizei in Hanfplantagen oder bei deren Besitzern gefunden hat: Taser. (Bild: Luzerner Polizei)

Waffen, welche die Luzerner Polizei in Hanfplantagen oder bei deren Besitzern gefunden hat: Taser. (Bild: Luzerner Polizei)

Vorkehrungen: Eine Sicherheitstür. (Bild: Luzerner Polizei)

Vorkehrungen: Eine Sicherheitstür. (Bild: Luzerner Polizei)

Was die Luzerner Polizei in Hanfplantagen oder bei deren Besitzern gefunden hat: Munition. (Bild: Luzerner Polizei)

Was die Luzerner Polizei in Hanfplantagen oder bei deren Besitzern gefunden hat: Munition. (Bild: Luzerner Polizei)

Waffen, welche die Luzerner Polizei in Hanfplantagen oder bei deren Besitzern gefunden hat: Pfeffersprays und Taser. (Bild: Luzerner Polizei)

Waffen, welche die Luzerner Polizei in Hanfplantagen oder bei deren Besitzern gefunden hat: Pfeffersprays und Taser. (Bild: Luzerner Polizei)

Sicherheitsvorkehrungen: Stromfallen. (Bild: Luzerner Polizei)

Sicherheitsvorkehrungen: Stromfallen. (Bild: Luzerner Polizei)