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KRITIK: «Die Eskalation in Malters war absehbar»

Psychologe Dietmar Heubrock hat die Akten zum Polizeieinsatz studiert, der im März tödlich endete. Er sagt, welche Fehler aus seiner Sicht gemacht wurden.
Interview Lena Berger
Weil eine Frau drohte, Polizisten zu erschiessen oder sich das Leben zu nehmen, wurde im März 2016 ein Wohngebiet weiträumig abgesperrt. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Weil eine Frau drohte, Polizisten zu erschiessen oder sich das Leben zu nehmen, wurde im März 2016 ein Wohngebiet weiträumig abgesperrt. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Die Welt der News ist schnelllebig geworden. Irgendwo auf der Welt passiert etwas – und noch bevor die Polizei mit ihren Untersuchungen beginnen kann, melden sich schon die ersten Experten mit Einschätzungen zu Wort. Oft, ohne den Fall überhaupt zu kennen.

Vorliegend ist es anders. Der Bremer Rechtspsychologe Dietmar Heubrock hatte über die Redaktion der «Rundschau» Einsicht in die Untersuchungsakten im Fall Malters (siehe Box) – inklusive Tonbandaufnahmen. Noch sind zwar nicht alle Beteiligten befragt worden, und die Untersuchungen sind nicht abgeschlossen. Doch gemäss Heubrock zeichnet sich ab, dass schwere Fehler gemacht wurden.

Dietmar Heubrock, der Sohn war seit 2003 der Beistand der Frau, die sich während des Polizeieinsatzes erschoss. Hätte die Chance bestanden, dass er seine Mutter hätte beruhigen können?

Dietmar Heubrock: Davon gehe ich aus, denn es war die zentrale Forderung der Frau in den Gesprächen mit der Polizei – neben der Bedenkzeit. Es ist zwar eine kritische Sache, Angehörige in solche Verhandlungen einzubeziehen. Man muss sie gut vorbereiten, damit sie die Betroffenen nicht noch mehr aufregen. Aber man hätte es versuchen müssen, auf jeden Fall.

Die Idee der Einsatzleitung war, die Frau abzulenken und dann kampfunfähig zu machen. Der Polizeipsychologe warnte davor. War es absehbar, dass der Plan nicht aufgehen würde?

Heubrock: Ja, gerade weil die Frau an einer paranoiden Schizophrenie litt. Der Psychologe vor Ort hat die Gefahr richtig erkannt. Denn die Betroffenen fühlen sich per se von allem und jedem bedroht – der Polizei, der Psychiatrie oder der Regierung. Lautes Getöse verstärkt das Gefühl, dass die Welt bedrohlich sei. Durch die Knallkörper, die zur Ablenkung gezündet wurden, geriet die Frau in einen Verteidigungsmodus, der nicht mehr friedlich gelöst werden konnte.

Die Ablenkung mit Knallpetarden war genau das Falsche?

Heubrock: Ja, eindeutig. Bereits leise Geräusche werden von Schizophrenen wahnhaft interpretiert – manche glauben bei jedem Knacken im Gebälk, dass sich jemand anschleiche. Durch den Knall beim Zugriff wurde die Angst der Frau maximal verstärkt. Es gibt zwei Möglichkeiten, wie ein Mensch dann reagiert: Fight or Flight, also Kampf oder Flucht. Das war vorherzusehen. Im vorliegenden Fall versteckte sich die Frau im Badezimmer, wo sie dann nur noch den Ausweg sah, sich das Leben zu nehmen.

Der Einsatz begann am Dienstag. Der Psychologe war aber erst tags darauf vor Ort. Wurde er zu spät beigezogen?

Heubrock: Auf jeden Fall. Dass die Frau psychisch krank ist, war zu einem frühen Zeitpunkt bekannt. Sie selber erwähnte am Telefon ihre Einweisungen in psychiatrische Kliniken. Die Abklärungen ergaben, welche Diagnose vorlag. Da wäre ein schneller Einbezug des Polizeipsychologen aus meiner Sicht zwingend gewesen. Wofür hat man solche Fachleute sonst im Korps? In Deutschland ist das «State of the Art». Und als der Psychologe dann beigezogen wurde, hätte die Einsatzleitung auf ihn hören müssen. Er ist schliesslich der Experte im Umgang mit psychisch kranken Menschen.

Kann man mit Menschen, die an paranoider Schizophrenie leiden, überhaupt verhandeln?

Heubrock: Natürlich, sogar sehr gut. Es dauert nur lange und braucht viel Geduld. Die Polizeitaktik muss sich der psychischen Erkrankung anpassen. Die richtige Strategie in so einem Fall ist es, sich zum Verbündeten zu machen im Kampf gegen das, wovon sich die Betroffenen bedroht fühlen. Vorliegend fürchtete die Frau, wieder in eine Psychiatrie eingesperrt zu werden. Man hätte ihr zusagen können, gegenüber den «feindlichen» Behörden als Vermittler aufzutreten – um einen anderen Ausweg zu finden. Der Wahn muss in die Verhandlungsstrategie eingebaut werden.

Der Sohn soll vorher mehrfach versucht haben, seiner Mutter den Revolver abzunehmen, den sie besass. Doch sie weigerte sich, weil sie die Waffe brauche, um sich vor dem «Bösen in der Welt» zu schützen. Ist das typisch bei einer paranoiden Schizophrenie?

Heubrock: Natürlich. Sie hätte die Waffe vielleicht weggeben können, wenn man ihr eine Alternative geboten hätte, mit der sie sich genauso sicher gefühlt hätte. Was das in ihrem Fall gewesen wäre, kann ich nicht sagen.

Nachdem Sie die Akten studiert haben. Glauben Sie, dass die Frau eine Gefahr war – nicht nur für sich selbst?

Heubrock: Die war im Verteidigungsmodus und hätte sich sicher gewehrt. Dass sie aber wahllos auf Passanten geschossen hätte, war nicht zu erwarten.

Zur Person

Professor Dietmar Heubrock ist seit 2007 Direktor des Bremer Instituts für Rechtspsychologie. Er berät Behörden beim Verhandeln mit Geiselnehmern und ist als Dozent für Vernehmungstechniken an Polizeiakademien tätig.

Wird Achermann doch dispensiert?

Paul Winiker, Vorsteher des Justizdepartements und damit Vorgesetzter des Polizeikommandanten, hat Hanspeter Uster als externen Experten um eine Einschätzung gebeten, ob im Fall Malters vorsorgliche Personalmassnahmen zu treffen sind. Uster wird seine Empfehlung voraussichtlich diese Woche vorlegen. Sie bildet für Winiker die Grundlage für den Entscheid, wie es kurzfristig mit Adi Achermann und Kripochef Daniel Bussmann weitergeht. Möglich wäre eine Dispensierung oder eine Einschränkung der Fronteinsätze. Unabhängig davon wird Uster eine Administrativuntersuchung durchführen. Diese ist aber bis zum Abschluss des Strafverfahrens sistiert. Geführt wird die Strafuntersuchung vom Aargauer Staatsanwalt Christoph Rüedi. Er rechnet damit, sie bis Ende Jahr abzuschliessen.

Interview Lena Berger

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