4. Adventsfenster: Sie verkauft Krokodile und Früchte für den Weihnachtsbaum

In ihrem Spezialgeschäft verkauft Anna Willisegger seit bald 40 Jahren Weihnachtsschmuck.

Sandra Monika Ziegler
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Anna Willisegger verkauft in ihrem Innendekorationsgeschäft Weihnachtsschmuck.

Anna Willisegger verkauft in ihrem Innendekorationsgeschäft Weihnachtsschmuck.

Bilder: Dominik Wunderli (Luzern, 11. November 2019)

«Wer die grüne Gurke zuerst entdeckt, der ist den ganzen Tag die Gurkenkönigin oder der Gurkenkönig und die anderen müssen gehorchen», sagt Anna Willisegger voller Enthusiasmus. Sie spricht von einem Ritual an Weihnachten. Dazu wird an den Christbaum auch eine Gurke gehängt – und diese gilt es dann eben zu entdecken.

In ihrem Geschäft an der Haldenstrasse 11 in Luzern ist das ganze Jahr durch Weihnachten. Wo das Auge hinblickt, funkelt und glitzert es. Unzählige Kugeln in allen Formen, Macharten und Farben hängen von der Decke, an Bäumchen oder werden in Schalen präsentiert. Die besonders wertvollen Schätze sind in Schubladen und Vitrinen.

Alles sei Handwerkskunst und keine Massenware aus Asien. Die Mittsiebzigerin führte das Geschäft bis im vergangenen Frühjahr mir ihrem Mann Max, seit seinem Tod alleine. Bei ihren Erzählungen ist er jedoch nach wie vor präsent, als habe er nur kurz den Laden verlassen oder stünde im Lager und hole noch ein paar Kugeln.

An den Baum kommt, was gefällt

Willisegger ist gelernte Innendekorateurin. Sie und ihr Mann haben sich seit bald 40 Jahren dem Weihnachtsschmuck verschrieben. Angefangen hatten sie an der Denkmalstrasse, dann zogen sie in die Stadthofstrasse und seit zwölf Jahren sind sie nunmehr auf den knapp 50 Quadratmetern an der Haldenstrasse. Willisegger reiste mit ihrem Mann oft auch zu den Künstlern, die den Schmuck fertigen. «Das ist eine Handwerkskunst, die leider am Aussterben ist. Wir haben so auch die ehemalige DDR kennen gelernt», erzählt sie.

So gehöre die Glasbläserschule in Lauscha im thüringischen Landkreis heute noch zu den letzten Stätten, die nebst Augen, Laborglas, Trinkgefässen, Schalen oder Vasen auch Glaskugeln herstellen. Ebenso die Glasmanufaktur Greiner im Thüringer Schiefergebirge, die auf eine über 400 Jahre alte Tradition zurückblicken kann. Der persönliche Kontakt und die jahrelange Erfahrung sind in diesem Geschäft das A und O und machen es erst möglich, eine solche Auswahl anbieten zu können. Doch eines sagt Willisegger mit sehr ernstem Blick: «Billigware kommt mir nicht in den Laden.»

An den Weihnachtsbaum kommt, was gefällt. Das kann aus Glas, Porzellan, Holz, Zinn oder auch Papier sein. Echte Früchte etwa wurden früher – als es noch keine Glaskugeln gab – auch an den Baum gehängt. Dasselbe gilt für Ketten aus Mandeln, das konnten sich jedoch nur reiche Familien leisten. Der Baum musste auch nicht zwingend echt sein. Bereits vor 100 Jahren gab es Bäume aus Gänsefedern oder es wurden welche aus Holzlatten gezimmert.

Trouvaillen aus vergangenen Epochen

Anna Willisegger schreitet zielstrebig durch das kleine Geschäft und zeigt dem Gast einzelne Trouvaillen aus vergangenen Epochen. Selbst Krokodile, die die bösen Geister abhalten sollten, Kanonen oder kleine Patisserien und süsse Früchte fanden den Weg an den Baum. Während die Jugendstilzeit Weiss, Gold und Glimmer prägten, wurde es in der Art-Deco-Zeit strenger und es kamen auch schwarze Elemente dazu. Später waren die Farben Blau und Rot oder süsse Pastelltöne genauso zu finden.

Damit ein Baum üppig geschmückt werden kann, brauche es gemäss Willisegger viel Geduld. Eine Eigenschaft, die in der heutigen Wegwerfgesellschaft eher selten sei: «Der Schmuck wird niemals weggeworfen, sondern Jahr für Jahr ergänzt. Schon beim Adventskalender haben wir die Türchen immer wieder sorgfältig geschlossen und ihn im Jahr darauf wieder gebraucht. Die tägliche Freude darüber wurde deshalb nicht geringer.»

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