KÜRZUNG: Pfleger fürchten um ihre Existenz

Freiberufliche Pflegefachpersonen erhalten seit diesem Jahr weniger Geld von der Stadt. Ihr Lohn sinkt damit um 21 Prozent. Für die Betroffenen sei dies «fatal».

Niels Jost
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Betreuerin und Patientin in einem Pflegeheim. (Bild: Keystone)

Betreuerin und Patientin in einem Pflegeheim. (Bild: Keystone)

Niels Jost

niels.jost@luzernerzeitung.ch

Eine böse Überraschung haben 30 freiberufliche Pflegefachpersonen am 29. Dezember 2016 im Briefkasten gefunden. In einem Schreiben, das unserer Zeitung vorliegt, teilte die Stadt Luzern mit, dass sie die Pflegetarife bereits per 1. Januar kürzt. Neu dürfen die Betroffenen beispiels­weise für ein Beratungsgespräch maximal noch 95.50 statt 120 Franken pro Stunde verlangen. Das ist eine Lohneinbusse von 21 Prozent (siehe Tabelle).

Die Tarifkürzungen seien «fatal», sagt Claudia Estermann, die seit über 25 Jahren als Pflegefachfrau tätig ist. «Von den neuen Tarifen kann ich nicht mehr leben. Ich muss meinen Job an den Nagel hängen und mich umorientieren.»

Tarife auf Schweizer Niveau angepasst

Verärgert über die Kürzungen ist auch Theo A. Köhler, Pflegefachmann vom Wundambulatorium Luzern. Er war «sehr überrascht» über den Brief, hatte die Stadt doch bereits 2012 die Tarife gekürzt, damals um bis zu 22 Prozent. Das Tarifsystem wurde mit dem nationalen Pflegefinanzierungsgesetz 2011 eingeführt. Köhler sagt: «Seither haben sich die Rahmenbedingungen nicht verändert – für uns freiberuflichen Pfleger müssten also nach wie vor dieselben Tarife gelten.»

Der Ärger ist für Paolo Hendry, Leiter Abteilung Alter und Gesundheit bei der Stadt Luzern, nachvollziehbar. «Die Stadt Luzern weiss den Einsatz der Freiberuflichen sehr zu schätzen», sagt er. Die Kürzungen hätten aber ihren Grund: «Bis jetzt wurden den freiberuflichen Pflegefachpersonen im Kanton Luzern die dritthöchsten Restkosten der Schweiz bezahlt, nach Nidwalden und Zürich. Das liess vermuten, dass die Tarife zu hoch sind.»

Bis 2016 habe man diese akzeptiert, auch weil bis dahin nicht klar war, wie viel den Pflegefachpersonen zustehe. «Die aktuelle Anpassung stellt eine Nivellierung auf das schweizerische Niveau dar», sagt Hendry und fügt an: «Wir sind einerseits bemüht, allen Leistungserbringern gleich faire Bedingungen zu bieten, sind aber andererseits dem Steuerzahler gegenüber verpflichtet, die Pflegerestkosten nach wirtschaftlich vertretbaren Kriterien zu bemessen.» Dafür habe sich die Stadt neu am Kanton Aargau orientiert. Denn anders als im Kanton Luzern habe man dort die Kosten von Freiberuflichen überprüfen können. Dadurch wurden die Tarife so festgelegt, dass die Kosten der Pflegefachfrauen gedeckt seien.

Die Stadt Luzern zahlt für die Restkosten der Freiberuflichen pro Jahr 200 000 Franken. Wie viel sie mit der Tarifkürzung sparen kann, ist noch unklar.

Qualitätsauflagen nicht mehr erfüllbar?

Mit dem gibt sich Claudia Estermann nicht zufrieden. Sie moniert, dass sie mit der Lohneinbusse die Qualitätsauflagen nicht mehr erfüllen könne, die vom nationalen Berufsverband der Pflegefachfrauen und -männer SBK und dem Fachverband Curacasa festgelegt werden. Darunter fallen etwa die jährliche Qualitätsprüfung, Weiterbildungen oder die nötige Infrastruktur. Auch Notfall- und Pikett-Einsätze an Wochenenden und Feiertagen müssen die Freiberuflichen leisten, ohne zusätzliche Vergütung.

«Unser prägnantestes Qualitätsmerkmal ist, dass wir Patienten nur dann pflegen dürfen, wenn wir eine höhere Fachausbildung Pflege haben – im Gegensatz zur Spitex, wo diese Ausbildung nicht zwingend notwendig ist und darum tiefere Lohnansätze gelten.» Kurz: Die Auflagen sind laut Estermann mit jenen der Spitex mit Versorgungspflicht durchaus zu vergleichen. Deshalb sei es ungerecht, die Tarife nur bei den Freiberuflichen zu kürzen. «Wertschätzung für den Pflegeberuf sieht anders aus.»

Darauf kontert Paolo Hendry: «Der vorgesehene Tarif ist ein Mindesttarif. Wenn eine Pflegefachperson höhere Restkosten nachweisen kann, werden diese von der Stadt übernommen.» Dafür müssen alle Ausgaben genau aufgeführt werden, wie dies auch von den Spitex-Organisationen verlangt wird. Estermann dazu: «Den Mehrwert, den ich als erfahrene, qualifizierte Fachperson erbringe, kann in einer Vollkostenrechnung nicht direkt in Zahlen nachgewiesen werden.»

«Keine Chance, mich auf die Situation einzustellen»

Offen bleibt, wieso die Tarifkürzungen erst am 29. Dezember mitgeteilt wurden – zwei Tage vor der Einführung. «Ich hatte keine Chance, mich auf die neue Situation einzustellen», sagt Estermann. Laut Hendry hat man seit April 2016 versucht, mit dem SBK Zentralschweiz die Tarife zu ermitteln. «Die Verhandlungen konnten nicht fristgerecht zu Ende geführt werden, sodass wir Ende Dezember einen neuen Tarif festlegen mussten.» Bei der SBK war ferienbedingt niemand erreichbar.