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KULTUR: «Die Kindheit wurde mir gestohlen»

In ihrem neuen Buch erzählt Lucette Achermann die Geschichten von Männern, die aus der Bahn geworfen wurden. Darunter auch die eines Luzerners, der im Waisenhaus misshandelt wurde.
Lena Berger
Blick auf die Waisenanstalt an der Baselstrasse, aufgenommen zwischen 1911 und 1975.Bild: Stadtarchiv Luzern, B2N/0312

Blick auf die Waisenanstalt an der Baselstrasse, aufgenommen zwischen 1911 und 1975.Bild: Stadtarchiv Luzern, B2N/0312

Es ist eine dieser Geschichten, von denen man hört oder liest – und kaum glauben kann, dass sie wahr sind. Und genau das war über Jahrzehnte hinweg das Problem der Kinder, die in Waisenhäusern in der Region aufgewachsen sind: Keiner glaubte ihnen, wenn sie von sexuellem Missbrauch und den Misshandlungen erzählten, die sie erlebt hatten. Einer der Betroffenen ist David, wie die Surseer Autorin Lucette Achermann den Luzerner in ihrem Buch «Aus der Bahn geworden» nennt.

Das Pseudonym passt zu ihm, hat er sich doch sein ganzes Leben lang wie David gefühlt, der gegen Goliath kämpfen musste. Sein Goliath waren erst sein Vater, dann die brutalen Schwestern im Waisenhaus und schliesslich die Behörden, welche die Missstände jahrelang zu vertuschen versuchten.

Hoffnung zerschlug sich in Windeseile

Seine frühe Kindheit war geprägt vom Vater, welcher David nur «Erzeuger» nennt. Wenn er nach Feierabend heimkam, gab es meistens Schläge. Mehrfach musste der noch nicht einmal Siebenjährige verarztet werden – einmal verlor er aufgrund der Verletzungen beinahe sein linkes Auge. Auch von der Drohung des Arztes, er würde ihn bei der Polizei anzeigen, liess sich der Vater nicht beirren. «So drückte er eines Tages meinen Kopf in die Seifenlauge in der Badewanne, in der Mutter Wäsche eingeweicht hatte. So lange, bis ich bewusstlos war», erzählt David in dem Buch. «Meine Kindheit wurde mir gestohlen.»

Als die Mutter 1951 an einem Gehirntumor verstarb, war sie im vierten Monat schwanger mit dem neunten Kind. David und seine Geschwister kamen ins Waisenhaus, weil der «Erzeuger» nicht in der Lage war, sich um sie zu kümmern. «Meine Hoffnung, im Waisenhaus friedlicher leben zu können, zerschlug sich in Windeseile», erzählt David. Seine Schilderungen zu lesen, fällt schwer. Wie hartherzig die Erzieherinnen – die Nonnen eines Klosters – handelten, wird anhand der folgenden Episode allzu deutlich: Eine Zimmermannsspinne hatte sich in Davids Frühstücksmilch verirrt. Eine Nonne fischte das Krabbeltier heraus, zwang den Jungen aber, die Milch zu trinken – trotz der abgebrochenen Beine, die darin schwammen. «Ich musste mich übergeben, direkt in die Tasse», erinnert sich David im Buch. «Die Nonne drückte meinen Kopf herunter und nötigte mich, mein Erbrochenes einzunehmen.»

Er wurde ein erfolgreicher Unternehmer

Der Junge aber liess sich nicht unterkriegen. «Ich beschloss, mich nicht zu ergeben. Stärker zu werden als meine Peinigerinnen.» Deshalb sei er dann besonders hart bestraft worden. «Den Teufel austreiben», hätten die Erzieherinnen das genannt. «Sie spritzten mich in der Dusche so lange mit kaltem Wasser ab, bis ich blau gefroren, ohnmächtig zu Boden sank. Ich nahm die Strafen in Kauf. Sie konnten meinen Stolz nicht brechen.»

Das zeigte sich auch darin, dass David sich weigerte, eine Anlehre in der Landwirtschaft zu absolvieren. Er setzte eine Anlehre bei einem Coiffeur in der Stadt durch. Doch auch dieses Abhängigkeitsverhältnis wurde ausgenutzt. David musste Handwerksarbeiten für den Lehrmeister ­ausführen – sonst hätte die Einweisung in ein Heim für Schwererziehbare gedroht. Mit 20 Jahren schliesslich musste er das Jünglingsheim verlassen. Er stand auf der Strasse «mit dem, was ich auf dem Leib trug, ohne Koffer, mit ein paar Habselig­keiten in einer Plastiktüte und 15 Franken in der Hosentasche.»

Ab da aber geht es bergauf. David findet eine Anstellung als Coiffeur, heiratet und erarbeitet sich einen treuen Kundenstamm. Es folgt ein Leben, das von Höhen, aber auch Tiefen geprägt ist. Nach der Scheidung von seiner ersten Frau erkennt ein langjähriger ­Kunde das kreative Potenzial in David. Gemeinsam bauen sie ein erfolgreiches Handelsunternehmen auf. Über zwanzig Jahre sind die beiden ein Team. Dann stirbt der Kompagnon an Krebs. Sein Vermögen hinterlässt er David.

Er ist niemandem etwas schuldig

Fast die Hälfte der grossen Erbschaft muss David den Steuerbehörden abgeben – weil er mit dem Erblasser nicht verwandt ist. Gleichzeitig behandeln ihn die Behörden «von oben herab». So empfindet er das. Auf ungewöhnliche Weise gibt er diesem Gefühl Ausdruck. «Ich rechnete aus, welche Kosten der Stadt für meinen Unterhalt entstanden waren und kam auf 30 000 Franken. Diesen Betrag überwies ich als Abgeltung für die Ausgaben. Nun war ich niemandem mehr etwas schuldig!»

Heute, mit 72 Jahren, hat David mit seiner Vergangenheit abgeschlossen. «Jeder, der eine solche Kindheit erlebt hat, trägt einen Tick oder Schaden davon. Ich behaupte, dass ich das meiste, was mir widerfahren ist, verarbeiten konnte», schreibt er. Auch wenn er trotz langer Beziehungen ein Einzelgänger geblieben sei.

Die Geschichte von David ist eine von zwölf Kurzbiografien, die Lucette Achermann mit ihrer Kollegin Katrin Rohnstock gesammelt hat. Die Buchvernissage fand diese Woche in Berlin statt.

Hinweis

Das Buch ist beim Orell Füssli Verlag erschienen und für 24.90 Franken im Handel erhältlich.

Lena Berger

lena.berger@zentralschweizamsonntag.ch

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