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KUNST: Er macht romantisches Luzern zum Tatort

Julian Blum zeigt in der Galerie Neustadtstrasse 24a in Luzern 120 Fotografien sowie eine Raum- und Videoinstallation. Beim Betrachten muss man sich auch auf Gruseleffekte gefasst machen.
Julian Blum (22) hat an der Neustadtstrasse in Luzern eine neue Kunstlokalität eröffnet. (Bild: Boris Bürgisser (17. August 2017))

Julian Blum (22) hat an der Neustadtstrasse in Luzern eine neue Kunstlokalität eröffnet. (Bild: Boris Bürgisser (17. August 2017))

Edith Arnold

kultur@luzernerzeitung.ch

Nachts, wenn andere schlafen, ist Julian Blum (22) unterwegs. Immer dabei: eine analoge Kamera und ein Schwarz-Weiss-Film. Das Revier: die Stadt Luzern, vor allem an den Rändern, auch in den Wäldern. Ziel: nur wenige Bildaufnahmen pro Tour – egal, wie lange sie dauert.

Die Beute hängt nun bei der Neustadtstrasse 24a, wo er seine Galerie betreibt. Bis vor kurzem eher «Abstellgleis», ist das neunzigjährige Werkstatt- und Lagergebäude der SBB bald Luxusort. Denn wo gibt es noch städtische Zonen, in denen nicht jeder Zentimeter zugebaut oder verplant ist? Ein Haus, das richtig nach Vergangenheit riecht? Julian Blum inszeniert den Mief am neuen Ausstellungsort erfrischend.

Frau mit weisser Maske vor schwarzem Hintergrund

120 Fotografien kleben an den Wänden. Keine ist grösser als A5. Jede scheint von einem anderen Band umrahmt: gelbe, braune, weisse, schwarze, transparente, dünne oder dicke hat der junge Künstler angebracht, akkurat von Hand, wie man sehen darf. Das Spielerische lenkt zunächst von den Motiven ab. Und diese sind, obwohl im romantischen Luzern fotografiert, ziemlich horrorfilmartig. Das Schwarz-Weiss mag den Effekt verstärken.

Auf jenem Rohr, das monatelang überirdisch den Gütschwald durchzog, steht eine Frau. Sie trägt eine weisse Maske und ein helles Gewand vor rabenschwarzem Hintergrund. Andere Bilder zeigen mit dunklen Tüchern verhüllte Gesichter und Oberkörper. Sie befinden sich vor Bancomaten, in gekachelten Badezimmern, an kahlen Orten mit Deckenstützen. Manchmal tragen die Fotomodelle auch Säcke, Alufolien- oder Schweissermasken, gar Verkehrsleitkegel auf dem Kopf. Anderswo fehlt das Haupt, weil es gerade aus dem Bild steigt.

Wer ist dieser Julian Blum, der keine Gesichter ablichtet? Sich mit dem Selbstauslöser fotografiert – mit geschlossenen Augen unter Wasser, auf dem Boden, hinter irgendwelchen Netzen?

Auf der Internetseite steht: «My name is Julian Blum and I was born 1995 in Lucerne, Switzerland». In der Galerie erfährt man: Montessori-Schule, Sekundarschule, abgebrochenes Kurzzeit-Gymnasium, gestalterischer Vorkurs an der Hochschule Luzern bis Juni 2017, diesen Herbst Beginn des Studiums Freie Kunst an der Universität der Künste in Berlin. Beim Vorkurs in Luzern sei er tagsüber eher unsichtbar gewesen, sagt er. Er hat die Infrastruktur besonders zur Geisterstunde genutzt; die Hochschule ist für Studierende 24 Stunden täglich offen. Immerhin zeugen die Bilder von einiger Aktivität.

Duft von damals gibt authentische Note

Zur Ausstellung gehören eine Video- und eine Rauminstallation. Dafür hat Blum unbekannte Zonen im Lagerhaus erkundet. Im Gebäude befindet sich seit zwanzig Jahren die Tanzschule seiner Mutter. Die Wohnzone darüber wurde von den Mietern kurzfristig verlassen. Seit Jahren scheinen dort Geister zu wohnen.

Nachdem der «Tatort» eine kurze Szene gedreht hatte, ist Blum mit der Kamera ausgerückt, um zu dokumentieren. Für seine Installation hat er Teppiche, Tapeten, Poster entfernt und in der Galerie arrangiert. Mit den Relikten ist gleich der Duft von damals mitgekommen, welcher der Szenerie nun die authentische Note gibt. Ein kalter Schauer soll ihm über den Rücken gejagt sein, als er sich mit der Kamera in den verlassenen Keller vorwagte – wo er eine Masken-Gruppe erblickte (zu sehen in der Videoinstallation).

Blums Ausstellung zeigt die Lust, sogar Notwendigkeit, die unmittelbare Umgebung zu erforschen. Diese führt über Internet und Bildschirme hinaus. Wobei, hier ist der junge Künstler konsequent ein Digital Native: Fast jedes Bild kann auf Instagram angeschaut, geliket und kommentiert werden. Also nichts wie hin.

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