KUNST: Hans Erni: «Geburtstag wird nicht gefeiert»

Er ist der älteste Mann der Stadt Luzern: Am Freitag wird Hans Erni 105 Jahre alt. Kein Grund für den Künstler, die Arbeit einzustellen.

Kurt Beck
Drucken
Teilen
Bei der Arbeit: Hans Erni am 13. Februar 2014 in seinem Atelier. (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)

Bei der Arbeit: Hans Erni am 13. Februar 2014 in seinem Atelier. (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)

Auch an diesem regnerischen Vormittag sitzt Hans Erni im weissen Trainer in seinem Atelier am Arbeitstisch und arbeitet. Wie jeden Morgen. Junge Menschen zeichnet er. Beschwingt, bewegt tanzen sie übers Papier. Lebensfreude, Eleganz und Leichtigkeit strahlen sie aus. Packt den Künstler, der am kommenden Freitag seinen 105. Geburtstag hat, nicht ein wenig Wehmut, während er so jugendliche Frische aufs Papier zeichnet? Zumal er sich kürzlich einem Eingriff am Knie unterziehen musste und seine Mobilität zusätzlich beeinträchtigt ist? Er winkt ab, es gehe nicht um ihn, sondern um die Bewegung an sich, ihre Gegenwärtigkeit: «Ich versuche, die Bewegung so herauszuarbeiten, dass ich sie allenfalls für ein Gemälde übernehmen kann.» Mit sicherer Hand und entschiedenem Strich scheinen die Figuren hingeworfen. Doch selbst jahrzehntelange Übung und Erfahrung sind keine Garantie, dass jeder Strich sitzt. «Dass eine Figur gelingt, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis intensiver Arbeit. Es kann dauern, bis ich zu einem befriedigenden Ergebnis komme.»

Kein Grund zum Feiern

«Es geht mir dem Alter entsprechend gut», sagt Hans Erni. «Das heisst nicht, dass ich noch über die volle Lebenskraft verfüge, aber dies war ja auch in jüngeren Jahren nicht stets der Fall.»
Zum 105. Mal jährt sich der Geburtstag von Hans Erni. Ein Grund zum Feiern. Doch nicht für den Künstler. «Ich glaube nicht an Geburtstage, wer weiss da schon sicher, ob das auch stimmt», meint er augenzwinkernd. «Ich werde den Geburtstag nicht feiern, denn Geburtstage sind nicht besonderer oder besser als Alltage», sagt er.

Alltag heisst für den Künstler Arbeitstag, und Arbeit sieht er zu reichlich. «Es gibt so viele Probleme in der Welt und so vieles zu verarbeiten, künstlerisch zu formulieren und umzusetzen, da ist es kaum möglich zu schaffen, was man eigentlich tun sollte.» Zudem hat Hans Erni einen neuen Auftrag. Er soll ein neues Flugzeug der Pilatus-Werke künstlerisch gestalten.

Doch für das Gespräch mit unserer Zeitung lässt Hans Erni seine Arbeit kurz ruhen. Anhand von vier Werken redet er mit uns über seine Kunst, seine Lebensphilosophie, über Hunger und Heimat, die ihm zeitweise auch feindlich gesinnt war. Es sind die vier ausgewählten Kunstwerke: «Tagebuchblatt eines Urbanisten» von 1941, «Albert Einstein» von 1957, «Karfreitag» von 1976 und die Bronzeskulptur «Minotaurus» von 1999, die alle im Hans-Erni-Museum, Luzern, zu sehen sind.

Bild: Hans Erni

Bild: Hans Erni

Pläne des Architekten

Im Bild «Tagebuchblatt eines Urbanisten» hat Hans Erni 1941 zu einem wesentlichen Teil Autobiografisches verarbeitet. Das Bild zeigt einen jungen Mann, mit den Gesichtszügen von Hans Erni, vor einem Bauzaun. Gerüststangen im Vordergrund zeigen, dass hier gebaut wird. Künstlerisch ist das Bild interessant, weil es eine sehr realistische Darstellung mit surrealen Ansichten kombiniert. Deutlich zu sehen beim geöffneten Brustkorb des Mannes, dessen inneren Organe und die Blutgefässe sichtbar sind.

Der Mensch selbst erscheint als eine Baustelle. Erni thematisiert bereits in diesem Bild das Werden, das Neue, das von Menschen erschaffen wird – eine zentrale Thematik im gesamten Oeuvre des Künstlers, die ihn bis heute beschäftigt.

Freund von Corbusier

Hans Erni, der eine Lehre als Vermessungs- und Bauzeichner machte, wollte eigentlich Architekt werden. Er bewunderte Le Corbusier, den er persönlich gut kannte, und «von dem ich als junger Mann stets Herausragendes erwartete», erinnert er sich. Dass Hans Erni nicht Architekt, sondern Künstler geworden ist, liegt darin begründet, dass er – wegen der vielen Vorschriften, Auflagen und technischen Vorgaben – auf Mitarbeiter angewiesen gewesen wäre. Die Vorstellung, ein grösseres Büro zu leiten, behagte ihm nicht. Er zog die freie Kunst vor und hat den Entscheid nie bereut, obwohl die Freiheit der Kunst nicht grenzenlos ist, sondern auch eine Verpflichtung.

Architektonisch hat sich der Künstler dennoch verwirklichen können. Vor 65 Jahren hat er sein Atelierhaus «bis zum letzten Zentimeter selber geplant», erklärt er. «Viel zu gross, dachte ich anfänglich.» Doch inzwischen ist das von Corbusiers Architektur inspirierte Haus bis unters Dach genutzt – dank der schier unerschöpflich Produktivität des Künstlers.

Bild: Hans Erni

Bild: Hans Erni

Der Karfreitagsfisch

Werden, vergehen, verbergen und offenlegen, Gegenwart und Vergangenheit, religiöse Tradition und Heimatverbundenheit sind Themen, die im Bild «Karfreitag» zum Ausdruck kommen. Hans Erni hat das Werk 1976 gemalt: Im Vordergrund, hoch über der Reuss, ein skelettierter Fischkopf. Die Andeutung ist klar. Der Karfreitag ist für Katholiken ein Fasttag, an dem nur Fisch aufgetischt wurde.
«Wir wurden sehr intensiv katholisch erzogen, und der Karfreitag war ein besonderer Tag.» Der Fischkopf ist hier nicht als ungeniessbarer Rest einer Mahlzeit gezeichnet, sondern als ästhetisches Wunderwerk der Natur akribisch und detailgetreu abgebildet. «Der offene Mund, die grossen Augenhöhlen und Ohröffnungen sollen zeigen, wie der Fisch der Welt mit allen Sinnen begegnet und die Wirklichkeit aufnimmt.»
Im Bild lassen sich weitere autobiografische Bezüge entdecken. Schnell ist die Brücke vom Fasten zum Ersten Weltkrieg geschlagen, den Hans Erni als Kind in einer achtköpfigen Familie erlebte. «Wir haben nicht hungern müssen, doch alles war knapp. Vaters Verdienst reichte für das Notwendige. Um die Rationen zu strecken, stibitzte ich Johannisbrot von den Pferden, die in unserem Hof gefüttert wurden.»

Luzern zugefallen

Als «unseren Berg» bezeichnet Hans Erni den Pilatus, den er oft, auch mit seinen Eltern, über den nicht ungefährlichen Bandweg bestiegen hat. Im Bild thront er über dem Nebel, darunter Luzern. Seine Heimat, wie er sagt. Er ist viel gereist, hat in Paris gelebt, doch er hat Luzern nie den Rücken gekehrt, auch nicht als er als Kommunist verschrien und boykottiert wurde. «Ich bin hier geboren, das mag Zufall sein. Ich bin Luzern zugefallen und so mit der Stadt eng verbunden.»

Bild: Hans Erni

Bild: Hans Erni

Albert Einsteins Humor

Albert Einstein (1879– 1955), der grosse Physiker, der geniale Wissenschaftler, der unser Weltbild entscheidend verändert und relativiert hat, sitzt vor einer Schultafel, auf der eine komplexe Formel hergeleitet ist. Der Nobelpreisträger im Schlabberpullover und Hauspantoffeln hat die Kreide noch in der Hand, was darauf hinweist, dass er das Problem eben erst gelöst hat. Einsteins Gesichtsausdruck ist zweifelnd zufrieden, als ob er das Ergebnis im Geist noch überprüft oder die möglichen Konsequenzen bedenkt, die seine Erkenntnis nach sich ziehen könnte.

Fliessende Bewegung

Hans Erni hat das Bild «Albert Einstein» 1957, also zwei Jahre nach Einsteins Tod, gemalt. Es ist eine bildnerische Hommage an Einstein, aber auch an die Naturwissenschaften generell. Stilistisch ist das Werk geprägt von den schwingenden weissen Linien, die die Figur fassen und das Bild in fliessende Bewegung versetzen. Der Künstler demonstriert in diesem Werk seine zeichnerischen Fähigkeiten, die er virtuos einsetzt.

«Ich wollte in diesem Bild Einstein in seiner existenziellen Menschlichkeit zeigen, als grosse Persönlichkeit, die tief in ihrer Materie, ihrem Wissen, zu Hause ist», erklärt Hans Erni.

Auf die menschliche, humorvolle Seite Einsteins weisen die karikaturhaften Strichfiguren auf der linken Tafelseite hin. Hier hat Einstein eine Frau mit Schirm und herausgestreckter Zunge hingekritzelt, daneben einen Kopf, der aus dem Wasser ragt, und darüber den Schriftzug «Ich hab’s».

Damit will der Künstler weder die Grösse Einsteins relativieren noch sich über die wissenschaftliche Erkenntnis lustig machen. Hans Erni zeigt grossen Respekt vor Wissenschaft und Forschung und hat in seinem Œuvre wiederholt die Heroen der abendländischen Geistesgeschichte, die grossen Denker und Forscher ins Bild gebracht.

Bild: Hans Erni

Bild: Hans Erni

Faszinierende Antike

Stolz sitzt er da, und selbstbewusst mustert er die Umgebung: der Minotaurus, das Mischwesen aus Menschenkörper und Stierenkopf, das menschenfressende Ungeheuer, das der griechischen Mythologie nach im Labyrinth unter dem kretischen Königspalast hauste und schliesslich von Theseus getötet wurde.

Ebenbürtige Skulptur

Hans Erni hat seinen «Minotaurus» 1999 geschaffen. Heute steht die Bronzeskulptur im Biotop vor dem Hans- Erni-Museum im Verkehrshaus Luzern. Im Vergleich zu seinen unzähligen Gemälden und Zeichnungen, den grossflächigen Wandbildern im öffentlichen Raum und den grafischen Blättern nimmt das skulpturale Schaffen einen kleineren Teil im Oeuvre des Künstlers ein.

«Das bedeutet aber nicht, dass ich die Plastik als mindere künstlerische Gestaltungsform betrachte und die Zeichnung und Malerei dem dreidimensionalen Arbeiten vorziehe», erklärt er. Dass er auf plastisches Schaffen verzichtet, ist auch altersbedingt: «Meine Hände sind nicht mehr so flexibel und meine Finger nicht mehr so kräftig, dass ich den Ton bearbeiten und Form unter meinen Fingern spüren kann.» Seine populärste Plastik ist wohl der «Föhn», die den Bug des Motorschiffs «Gotthard» ziert.

Die griechische Antike scheint im Werk von Hans Erni immer wieder prominent auf. Die mythologischen Figuren, wie Dädalus und Ikarus, aber auch die Philosophen des Altertums sind Themen, mit denen sich der Künstler intensiv auseinandergesetzt hat. «Die griechische Kultur hat die Menschheit liberalisiert», erklärt er. Symbol dafür ist Prometheus, der den Menschen das Licht der Vernunft gebracht hat und damit die Finsternis der Unwissenheit erleuchtet hat.

Hinweis
Hans-Erni-Museum, Verkehrshaus Luzern. Täglich 10–17 Uhr.