Kunst
Wenn die Galerie zum Museum wird

Derzeit sorgt in der Zuger Galerie Urs Reichlin die Ausstellung Pulpastique für Furore. Einerseits wegen der Exponate, andererseits weil die Galerie temporär zum Museum geworden ist.

Haymo Empl
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Die Ausstellung Pulpastique.

Die Ausstellung Pulpastique.

Bild: Maria Schmid (Zug, 26. Oktober 2021)

Kunst allen Interessierten niederschwellig zugänglich zu machen, das ist das Ziel der Galerie Urs Reichlin in Zug – zumindest mit der aktuellen Ausstellung Pulpastique der Künstler M.S Bastian und Isabelle L. «Wir möchten, dass auch Leute unsere Galerie besuchen, die vielleicht noch nie in einer solchen waren oder Angst haben, man müsse etwas kaufen», erklärt Galerist Urs Reichlin.

Geschäftspartner Steffen Urbanski ergänzt: «Museal aber sicherlich nicht ennuyant: Unter diesem Motto zeigen wir beispielsweise den Garten der Lüste, die Mona Pulp oder die Pulp-Bar. Diese Meisterwerke sind des Künstlerpaars ganz eigene Interpretationen von Hieronymus Bosch, Leonardo da Vinci oder Edward Hopper». Bereits jetzt lässt sich sagen: Die aktuelle Ausstellung begeistert durchs Band, sogar generationenübergreifend. «Viele Schulkinder drücken sich an unseren Scheiben die Nasen platt», schmunzelt Steffen Urbanski.

Unverwechselbare Kunst

Der Schweizer Künstler M.S. Bastian – sein bürgerlicher Name lautet Marcel Sollberger – wurde 1963 in Bern geboren. Er besuchte die Schule für Gestaltung in Bern und Biel und bildete sich ein Jahr lang in New York und Paris weiter. Seit 1993 arbeitet M.S. Bastian als freischaffender Künstler mit Sitz in Biel. Er wurde mit mehreren Stipendien und Preisen ausgezeichnet.

Isabelle L. (Isabelle Laubscher) wurde 1967 in Biel geboren. Sie besuchte die Grafikklasse an der Schule für Gestaltung in Biel und arbeitete in verschiedenen Werbeagenturen als Grafikerin. Seit 2003 arbeitet sie als freischaffende Künstlerin zusammen mit ihrem Mann M.S. Bastian.

Die Arbeiten des Duos haben einen unverwechselbaren Stil, wie die grosse Fangemeinde rund um den Globus beweist. Vielleicht liegt es daran, dass trotz der Stringenz der Werke die Vielfalt ein wichtiges Thema ist – das bildet eine grosse Identifikationsfläche für die Rezipienten. Vielleicht sprechen auch einfach die Machart und die Farben an; oft sind es knallbunte Wimmelbilder, in denen man stundenlang optisch verweilen kann.

Ein ständiges Hinterfragen

Das Credo, gar das Lebensmotto der beiden Künstler lautet denn auch: «Feed Your Eyes». Und ja: Ihre Bilder dürfen durchaus unterhaltsam sein: Im eigens von der Galerie Urs Reichlin erstellten Ausstellungsbuch – einem «Flatbook» – ist zu lesen: «Das Lustprinzip gibt uns die Freiheit, alles zu kreieren. Wir wollen Geschichten erzählen, viele Geschichten. Diese sollen und dürfen unterhalten. Unsere Bilder dürfen ‹nur› unterhalten, können aber auch in einem konzeptionellen Kontext betrachtet werden».

Nimmt man sich die Zeit, um beispielsweise die Unterwasserwelten, die Städtebilder oder die farbenfrohe Vorstellung des Künstlerpaares vom «Paradies» etwas genauer (und aus der Nähe) anzuschauen, fällt auf, dass einige Bilder offenbar übermalt wurden. «Das ist korrekt», bestätigt Urs Reichlin. «M.S Bastian und Isabelle L übermalen zuweilen ihre eigenen Werke da sie diese immer wieder hinterfragen.»

Ein Riesengemälde der Hölle

Im Ausstellungsbuch ist zu lesen: «Gute Bilder werden nach 24 Stunden und länger besser, stimmiger und werden danach signiert, sind somit zu diesem Zeitpunkt fertig. Bei den noch unstimmigen, da wo noch ein Zweifel besteht, wird wieder entfernt oder sogar übermalt», so die Künstler. «Passiert dies nicht auf Anhieb, kann es sein, dass sich nach einer Woche, einem Monat aber auch erst nach einem Jahr eine Lösung abzeichnet.»

Ein absoluter Höhepunkt ist das komplette Monumentalwerk Bastokalypse, welches in einer atemberaubenden Totalansicht als Panorama bestaunt werden kann: 32 schwarz-weisse Bildtafeln ergeben ein Gesamtwerk von 51,2 Meter Länge und 1 Meter Höhe. Das Werk steckt voller Anspielungen auf die Kunstgeschichte, ist düster und zuweilen auch unheimlich. Das Wortspiel aus «Bastian» und «Apokalypse» sagt alles: Das Werk ist eine faszinierende optische Geisterbahn, ein Riesengemälde der Hölle, eine figurativ-expressive Auseinandersetzung mit der Apokalypse. Allein dieser Bilderreigen des Entsetzens rechtfertigt einen Besuch in der Galerie. Die eben jetzt auch ein Museum ist.

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