KUNSTSAMMLUNG: Gekauft wird nur Kunst, die begeistert

Der Kanton fördert regionale Kunstschaffende, indem er von ihnen Werke erwirbt und diese in den kantonalen Gebäuden ausstellt. Doch letztes Jahr gab es eine Zwangspause. Der Anfang vom Ende?

Christian Peter Meier
Merken
Drucken
Teilen
Raphael Egli von der Kulturförderungskommission im Kunstdepot mit einem Werk von Ray Hegelbach. (Bild: Eveline Beerkircher (Luzern, 24. Mai 2017))

Raphael Egli von der Kulturförderungskommission im Kunstdepot mit einem Werk von Ray Hegelbach. (Bild: Eveline Beerkircher (Luzern, 24. Mai 2017))

Christian Peter Meier

christian.meier@luzernerzeitung.ch

Das grossformatige Bild hat keinen Titel, doch es spricht für sich. Und es ist unübersehbar: Hunderte farbiger Rauten prangen auf neongelbem Grund. Die Arbeit des Luzerner Künstlers Davix hängt im öffentlich zugänglichen Bereich des Bildungs- und Kulturdepartements an der Bahnhof­strasse 18 in Luzern. Sie ist eine der jüngsten Akquisitionen der kantonalen Kunstsammlung.

80 000 Franken jährlich stellt der Kanton aus Mitteln des Swisslos-Fonds für solche Ankäufe zur Verfügung. 2016 allerdings floss das Geld nicht: Im Zuge der Sparmassnahmen war es für ein Jahr gestrichen worden. Das könnte erneut passieren, denn bekanntlich hat der Spardruck beim Kanton keineswegs abgenommen. Zwar würden dadurch die Luzerner Budgetprobleme nicht gemildert, weil die Mittel für die Kunstsammlung eben nicht die laufende Rechnung belasten, sondern von Swisslos stammen. Doch es ist gut vorstellbar, dass der Kanton versuchen könnte, vermehrt Teile seiner anderen Verpflichtungen im Kulturbereich über den Fonds zu finanzieren.

«Wir versuchen, die lokale Szene abzubilden»

Nun, so weit ist es nicht. «Und ich kann mir auch nur schwer vorstellen, dass Luzern als einziger Kanton der Schweiz längerfristig auf dieses günstige Förderinstrument mit hoher Wirkung verzichten möchte.» Dies sagt Raphael Egli. Als Mitglied einer vierköpfigen Fachgruppe der Kulturförderungskommission ist er für den Ankauf neuer Werke mitverantwortlich. Entsprechend überzeugt ist er vom Nutzen der Sammlung: Es gehe um Kunstvermittlung ebenso wie darum, Kunstschaffende aus der Region zu unterstützen. «Dabei versuchen wir, die lokale Szene abzubilden. Häufig entscheiden wir uns für Arbeiten von jüngeren Künstlern – nicht zuletzt, weil sie günstig zu haben sind.»

Wichtiger als der Preis sei die Qualität: «Wir kaufen nur, wenn sich mindestens zwei Personen der Fachgruppe für ein Werk begeistern können», erklärt Egli die internen Spielregeln. Dabei müsse man sich stets auch dessen bewusst sein, welche Konsequenzen ein Erwerb habe. Bei skulpturalen und mehr noch bei installativen Arbeiten sei eine klare Verwendungs- oder Platzierungsidee von Vorteil. «Auch müssen wir uns darüber Gedanken machen, ob wir ein solches Werk langfristig erhalten können.»

Das Gespräch mit Raphael Egli findet in einem Sitzungszimmer des Bildungs- und Kultur­departements statt. Mit dabei: Ursula Muri, die als Sachbearbeiterin beim Bildungs- und Kulturdepartement unter anderem die Kunstsammlung betreut. Der gewählte Ort ist insofern passend, als sich im Raum je ein Gemälde von Franz Bucher und Robert Wyss sowie eine Holzfällerskulptur von René Odermatt befinden – alles Werke aus der Sammlung. Sie illustrieren, wie ein Teil der Ankäufe verwendet wird: nämlich zur künstlerischen Aufwertung öffentlicher und halb öffentlicher Räume der Verwaltung. «Wir versuchen besonders, die neuen Werke möglichst prominent zu platzieren», sagt Ursula Muri. Speziell dafür geeignet sei etwa das Finanzdepartement: «Das ist ein repräsentativer Ort mit viel Publikumsverkehr. Darum wechseln wir hier ab und zu bewusst Werke aus.»

Dass nicht allen Arbeiten ein derart prominenter Auftritt vergönnt ist, lässt sich mit Blick auf den aktuellen Bestand leicht nachvollziehen: Die Sammlung umfasst heute gut 3000 Objekte von rund 680 Künstlerinnen und Künstlern. Ein Teil davon steht im Fundus. Was geschieht damit? «Interessierte Kantonsangestellte können sich Werke für ihre Arbeitsräume ausleihen», sagt Ursula Muri. Dafür müssten sie im Kunstdepot persönlich passende Arbeiten aussuchen, eine Leihvereinbarung unterzeichnen und danach selber für den Transport und die Hängung besorgt sein. Ob auch Bildungs- und Kulturdirektor Reto Wyss dies alles selber gemacht hat, ist unverbrieft. Auf alle Fälle hat auch er sich wie wohl alle Regierungsräte für sein Büro ein Werk aus der Sammlung ausgeliehen und sich für ein Gemälde von Alois Lichtsteiner entschieden.

Ernis Kunstdrucke sind nicht mehr so beliebt

«Die meisten Interessenten werden bei uns fündig», sagt Muri. Einige seien bestens dokumentiert und wünschten sich ein ganz spezifisches Werk. «Andere kommen mit einer eher vagen Vorstellung oder lassen sich durch die Werke im Fundus in­spirieren.» Ein Blick in die Archivschränke offenbart denn auch eine grosse Vielfalt und zeigt gleichzeitig, dass nicht mehr alles so begehrt ist wie einst. So lagern hier etwa mehrere Holzschnitte von Werner Hofmann und Kunstdrucke von Hans Erni. Doch auch Arbeiten, die erst vor kurzem erworben wurden, harren einer Verwendung, zum Beispiel zwei Werke von Ray Hegelbach oder eine Bilderserie von Michelle Kohler.

Kunst ist Geschmackssache. Darum ist anzunehmen, dass nicht alles gut ankommt, was im öffentlichen Raum ausgestellt wird. «Es gibt schon zuweilen Kommentare», sagt Ursula Muri. Und auch Raphael Egli räumt ein, dass es punktuell schon Widerstand gegeben habe: «Doch wir verordnen Kunst ja nicht. Vielmehr tasten wir ab, was in einem bestimmten Umfeld geht und was nicht.» Eine spezielle Retoure hatte Ursula Muri kürzlich dennoch zu verzeichnen: Aus einem Vernehmungsraum der Luzerner Kriminalpolizei kamen Holzschnitte zurück ins Depot, weil sie in diesem Umfeld als unpassend wahrgenommen wurden. Allerdings erst, nachdem sie dort schon jahrelang gehangen hatten. Ursula Muri bringt für den Entscheid durchaus Verständnis auf: «Auf den Werken zu sehen sind dicke Seile.»