Interview

Kurz vor dem Lockdown machte sich die Luzerner Rockabella mit ihrem Laden «Annakonda» selbstständig

Wenn es in der Stadt an etwas mangelt, ergreift Anna Konrad (37) schon mal selber die Initiative. Im Bereich der Mode oder auch zugunsten der Umwelt.

Interview: Roger Rüegger
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Anna Konrad in ihrem Geschäft «Annakonda» an der Bundesstrasse in der Stadt Luzern.

Anna Konrad in ihrem Geschäft «Annakonda» an der Bundesstrasse in der Stadt Luzern.

Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 1. Mai 2020)

Annakonda, ist das Ihr Künstlername?

Anna Konrad: Es ist ein Wortspiel. Bereits als Kind hatte ich diesen passenden Namen entdeckt. Nach langem Überlegen, wie mein Store heissen soll, kam mir der sehr gelegen. Es ist nicht mein Pinup-Name, jedoch nennen mich einige Kunden so.

Man stellt sich eher eine ungewöhnlich bewegliche Artistin oder eine Frau mit einer Reptilienshow vor. Das trifft auf Sie wohl nicht zu?

Oh nein, gar nicht. Vor Anakondas fürchte ich mich wahnsinnig. Ich traue kaum, meinen Namen im Internet zu suchen, weil als erstes Schlangenfotos auftauchen. Da die jedoch beliebte Motive als Oldschool-Tattoos sind, die oft von Rockabillys und Rockabellas getragen werden, passt dies zum Thema.

Solche Kunstwerke tragen Sie auch auf der Haut. Welche Kunst beherrschen Sie?

Ich würde mich als Frau mit Stil, die anpacken kann, betiteln. Ich bin kreative Ästhetin mit Sinn für schöne Kleider, Farben und Muster. Am liebsten würde ich alles selber können. Deshalb besuche ich immer wieder Kurse, Lehrgänge oder ich recherchiere im Internet. Querbeet von der Sozialversicherung über Buchhaltung zum Lehrgang für Mode und Design sowie Frisurentipps aus früheren Zeiten. Ich bleibe stets am Ball, um das Leben interessant zu erhalten. Ich schlage mich in vielen Bereichen gut, bin aber auf keinem Gebiet die top Expertin. Daher war ich früher kein grosser Fan von mir.

In der Leichtathletik ist der Zehnkampf Königsdisziplin. Sie sind auf bestem Weg. Hat sich früh abgezeichnet, dass Sie Allrounderin sind?

Als Kind hatte ich mehr Freude am Kunstunterricht als an Rechnen und Schreiben. Nach der Schule konnte ich mich dennoch für das Lehrerinnenseminar qualifizieren. Es fällt mir jedoch schwer, mich auf etwas zu konzentrieren, für das mein Herz nicht brennt. So brach ich das Semi ab und arbeitete dann an der EPA-Kasse für den langersehnten eigenen Lohn.

Nicht der übliche Weg, aber da Sie ja eher eine Exotin sind, passt das. Nicht wahr?

Nun, mir wurde schnell bewusst, dass Geld allein nicht glücklich macht. So beschloss ich, nochmals zur Schule zu gehen und schloss die Wirtschaftsmittelschule mit Berufsmatura ab. Danach hatte ich Jobs beim Kanton und grösseren Firmen im Personal- und Sozialversicherungsbereich. Diese Arbeit wurde für mich jedoch mit den Jahren zur eintönigen Routine, und ich fühlte mich in den farblosen Bürowänden gefangen.

Und verzichteten auf ein gesichertes Einkommen und schmissen den Job?

Ja, da es heisst, jeder sei seines Glückes Schmied. Ich entschied mich zum Schritt in die Selbstständigkeit und gründete meinen Rockabilly & Vintage Store «Annakonda». Zuerst mit einem kleinen Lokal an der Lindenstrasse und noch in einem Teilzeit-Arbeitsverhältnis. Die Administration, der Aufbau des Stores sowie die Teilnahme an Festivals machte ich an Wochenenden und Abenden. Das war sehr kräftezehrend, weshalb ich mich im Dezember entschloss, alles auf eine Karte zu setzen. So zog ich per 1. April in ein grösseres Lokal um und dehnte die Ladenöffnungszeiten auf 100 Prozent aus.

Anna Konrads Herz brennt für ihren Shop.

Anna Konrads Herz brennt für ihren Shop.

Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 1. Mai 2020)

Mitten im Lockdown? Sie zogen kräftig an der Kette.

Und wie! Als der Beschluss des Bundesrates über die Geschäftsschliessungen kam, musste ich mehr als leer schlucken. Ich habe mit Existenzängsten zu kämpfen. Dennoch bereue ich meine Entscheidung nicht, obwohl ich weder vom Kanton noch von der Vermieterin oder von anderswo Unterstützung erhalte. Doch ich bin zuversichtlich. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Sind die rote Haare und das 50er-Jahre-Outfit Ihr Kostüm als Künstlerin Annakonda oder ist das auch 100 Prozent Anna Konrad?

Das bin ich. Dieser Stil gefiel mir schon immer. Früher bestellte ich Kleider online aus dem Ausland oder ich rannte in den Ferien solchen Läden nach. Lange gab es kein für mich passender Store in Luzern. Weil man im Leben nicht immer warten kann, bis jemand anderer etwas tut, eröffnete ich eben selber einen Store.

Wenn Sie Geburtsjahr und den Ort zum Leben bestimmen könnten, wären Sie...

...genau hier. Geboren 1982 in Luzern. Das ist meine Stadt. Hier bin ich glücklich, hier fühle ich mich wohl.

Nicht 50er-Jahre in den USA?

Bezüglich Musik, Autos und Kleidung bestimmt. Aber man darf nicht unterschätzen, wie diese Zeit auch war. Gerade bezüglich Gleichstellung ist seither viel erreicht worden. So auch im Bereich der Selbstverwirklichung oder der Verantwortung für Natur und Umwelt. Ich bin eine selbstbewusste Frau mit eigener Meinung und eigenem Geschäft. Das wäre damals kaum möglich gewesen. Deshalb bin ich wohl genau in der richtigen Zeit geboren.

Ist Ihr Stil alltagstauglich?

Die Kleidung sehr. Beim Zügeln blieb ich allerdings in meiner weiten Marlenehose mit den Füssen im Umschlag hängen und fiel hin. So muss man in einigen Situationen den Stil eben doch etwas hintergehen. Ein Kleidungsstück muss zur Trägerin und auch zum Anlass passen. Für die Waldputzaktion heute Morgen hätte ich gerne einen Overall angezogen, einen Einteiler, wie ihn Tankwarte in alten Filmen tragen. Wegen Corona liegt der jetzt aber irgendwo an der Grenze oder in einem Warenlager.

Gab es eine Waldputzaktion?

Beim Spazieren auf dem Gütschweg fiel meinem Partner und mir auf, dass die Leute im Wald und an den Abhängen viel Abfall liegen lassen. Mit Kolleginnen haben wir deshalb eine kleine Güsel- und Entsorgungs-Aktion gestartet. Die Stadt lieh uns zu diesem Zweck Greifer und Eimer aus.

Saubere Sache. Warum lancierten Sie diese Aktion?

Aus demselben Grund, aus dem ich mein Geschäft eröffnet habe: Wenn kein anderer etwas tut, dann mache ich es eben selber.