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KV LUZERN: In der Schule suchte er den Tod

Hinter dem tragischen Suizid eines KV-Lehrers stecke eine Botschaft, so ein Experte. Welche Rolle spielte das Zerwürfnis des 58-Jährigen mit der Schulleitung?
Im Schulhaus Landenberg des KV Luzern nahm sich der 58-jährige Lehrer und Dozent am Montagmorgen das Leben. (Bild Pius Amrein)

Im Schulhaus Landenberg des KV Luzern nahm sich der 58-jährige Lehrer und Dozent am Montagmorgen das Leben. (Bild Pius Amrein)

Jérôme Martinu

«Ein Mensch, der diesen Ausweg aus dem Leben wählt, will damit Aufmerksamkeit erreichen. Die Botschaft ‹Ich will sterben› wird dramatisch inszeniert. Ein solcher Mensch will mit seinem Handeln der Öffentlichkeit etwas mitteilen.» Das sagt der bekannte forensische Psychiater Josef Sachs zum tragischen Suizid eines Lehrers durch Selbstverbrennung am frühen Montagmorgen im Schulhaus Landenberg der KV Luzern Berufsfachschule. Und: «Damit es so weit kommt, muss es im Vorfeld bereits gebrodelt haben. Es kann davon ausgegangen werden, dass etwas vorgefallen war, was für den 58-Jährigen das Fass zum Überlaufen gebracht hat», so Sachs gegenüber unserer Zeitung (Ausgabe vom Mittwoch).

Gibt es einen Abschiedsbrief?

Was genau könnte den KV-Lehrer und Dozenten zu dieser unfassbaren Verzweiflungstat getrieben haben? Zu einem Suizid in einer Schule, einem quasi-öffentlichen Ort, an dem er ein Vierteljahrhundert lang unterrichtet hat? Ob es einen Abschiedsbrief von Hans Meier* gibt, ist ungewiss. Zu Fragen nach einem Abschiedsbrief, der privaten Situation und damit dem Motiv, will sich die KV-Schulleitung auf Anfrage nicht äussern. Man wolle und dürfe nicht spekulieren. Rektorin Esther Schönberger teilt schriftlich mit: «Wir können Ihnen aber bestätigen, dass bei dem Toten Dokumente gefunden wurden. Dabei unter anderem eine Patientenverfügung, dass er keine lebenserhaltenden Massnahmen wolle. Festhalten wollen wir, dass die Polizei ganz klar bestätigt hat, dass es sich um einen Suizid handelt und dass keine weiteren Untersuchungen angestellt werden. Es gibt keine polizeilichen Ermittlungen im Umfeld.»

Bestätigt ist bis dato, dass der 58-jährige Hans Meier im Januar dieses Jahres seine Anstellung als Berufsschullehrer, wo er Lehrlinge im Bereich Detailhandel unterrichtet hatte, gekündigt hat. Dennoch blieb der geschiedene Vater zweier erwachsener Kinder am KV Luzern weiterbeschäftigt. Er dozierte in der Folge an der Berufsakademie, wo Erwachsene Weiterbildungen im kaufmännischen Bereich absolvieren. Noch bis am Montag wurde er auf der Internetseite als Lehrgangsleiter Handelsschule (Tageskurs) aufgeführt.

Vorwurf: Zu streng

Wie Recherchen unserer Zeitung zeigen, ging der Kündigung ein Zerwürfnis mit der Schulleitung voraus. Die KV-Führung legte Meier nahe, dass man ihn nicht mehr im Unterricht bei den jugendlichen Berufsschülern wolle. Sein Umgang mit der Schülerschaft werde nicht mehr toleriert, er verlange von den Schülern zu viel, wie zuverlässige, voneinander unabhängige Quellen* gegenüber unserer Zeitung ausführen. Mitte 2014 war es zu einer Art Knall gekommen: Nachdem die Schulleitung Hans Meier eine Änderungskündigung – die Rede ist von einem «Abgang auf Raten» – unterbreitet hatte, wählte er die Flucht nach vorn und informierte die Lehrerschaft des Landenberg-Schulhauses. Zudem legte er in jenem Info-Mail eine Art Gesprächsprotokoll mit Vorwürfen der Schulleitung an seine Adresse offen. «Es gab Reklamationen aus der Schülerschaft, er sei zu streng. Ihm wurde seine Art der Kommunikation – auch mal laut und deutlich Klartext zu reden und Disziplin einzufordern – vorgeworfen», sagt eine Quelle, die Einblick in das Protokoll hatte.

Weiter ist von wiederholten Meinungsverschiedenheiten zwischen Meier und seinem direkten Vorgesetzten, dem Prorektor Detailhandelsberufe Hans-Jörg Stalder, die Rede. Die Beschreibungen des Verhältnisses der beiden reicht von «belastet» bis zu «Platzhirschkämpfe». Die KV-Schulleitung um Rektorin Esther Schönberger will sich zum Konflikt mit Hans Meier mit Verweis auf den Datenschutz und die Pietät nicht äussern (siehe Kasten oben).

Seit 25 Jahren am KV Luzern

Berufsschullehrer Meier hatte sich wegen des Konflikts auch im Gespräch mit Berufskollegen ausgetauscht. Er habe dabei klar kommuniziert, wie sehr ihn die Situation belaste, dass man ihn «loswerden» wolle und dass er – das war Ende 2014 – «etwas Neues» suche.

Hans Meier war in der kaufmännischen Berufsbildung ein langjähriger Leistungsträger: Bereits seit rund 25 Jahren unterrichtete er – mit einem kurzen Unterbruch bei einem anderen Luzerner Bildungsinstitut – am KV Luzern. In seiner langen Karriere als Lehrer und Dozent übte Meier verschiedene Leitungsfunktionen aus, etwa als Prorektor oder Lehrgangsleiter einzelner Fachrichtungen, zeitweise auch als Mitglied der Schulleitung. Er engagierte sich auch auf Stufe Berufsverband und als Vertreter der Lehrerschaft im entsprechenden Gremium des KV Luzern.

Verschiedene, von einander unabhängige Beschreibungen aus dem beruflichen Umfeld, zeichnen folgendes Bild des KV-Dozenten Meier: Er sei korrekt, geradlinig, verlässlich, gepflegt auftretend gewesen. Sein Engagement als Lehrer sei «überdurchschnittlich», «hoch motiviert» und auch «ehrgeizig» gewesen, er habe sich der Schule gegenüber verpflichtet gefühlt – «ein feuriger Lehrer». Hans Meier habe gut zuhören können, konsensorientiert gearbeitet und «auch mal klar gesagt, wenn ihm etwas nicht passte».

«Verlangte gerne etwas mehr»

Im Umgang mit den jugendlichen Schülern – wie erwähnt ein Beanstandungspunkt seitens der Schulleitung – habe er eine klare Linie gefahren, Disziplin und Leistung seien ihm wichtig gewesen. «Er verlangte gerne etwas mehr von den Schülern als das Minimum» heisst es. Es sei in diesem Kontext auch zu Beanstandungen durch Lehrbetriebe gekommen. Eine andere Quelle sagt: «Er stammt aus einer Generation, in der ein Ja ein Ja, und ein Nein ein Nein ist. Eine solche Konsequenz ertragen gewisse Junge heute nicht mehr.» Beim Feedback-Geben an die Schüler habe er womöglich nicht immer richtig differenzieren können.

In den Recherchegesprächen unserer Zeitung war, auch losgelöst vom Fall Meier, wiederholt von fehlendem Einfühlungsvermögen der Schulleitung die Rede. Reklamationen aus Schülerreihen würde unverhältnismässig viel Gewicht beigemessen, Lehrer müssten sich umgehend vor der Leitung rechtfertigen. «Die Schule krankt an fehlendem Gespür für die Mitarbeiter, es gibt darum zu viele Einzelkämpfer», sagt ein langjähriger Beobachter. Auch hierzu wollte sich die Schulleitung nicht äussern.

* Alle Namen der Redaktion bekannt.

Eine Auswahl der von der Schulleitung unbeantworteten Fragen unter:

www.luzernerzeitung.ch/bonus

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