Landauf, landab: La dolce vita oder Boccia?

Reporter Roger Rüegger über die italienische Lebensart und ein vermeintlich erholsames Spiel.

Roger Rüegger
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Roger Rüegger

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Ein Fischerdorf an der italienischen Adria hat es mir seit der Kindheit angetan. Jeden Sommer verbringe ich mit meinem Mädchen einige Tage in einem Bagno am Strand. Wir geniessen «una bella pasta» und fahren gerne mit dem Velo, das uns das Hotel zur Verfügung stellt, an den Hafen zum Apéro.

Eines nachmittags forderte mich ein Einheimischer am Strand auf, am Bocciaturnier (Doppel) des Bagno teilzunehmen. Da ich ein freies Zeitfenster hatte, sagte ich spontan zu. Wir haben verloren. Die nächste Partie bestritt ich mit meinem Sonnenschirmnachbarn, einem Wiggertaler. Ein kläglicher Auftritt vor dem Feierabend. Buona notte.

Am nächsten Morgen radelten wir nach dem Frühstück zum Hafen. Zuvor fragte mich der Patron unseres Hotels, ob ich zum Boccia gehe. Ich wunderte mich über diese Frage. Nach dem Apéro und der Rückfahrt trafen wir gegen Mittag am Strand ein. Bagno-Chefin Sandra stammelte aufgeregt: «Roggerio, du bist spät und hast deine Partie verpasst. Ich habe extra im Hotel angerufen ...»

So ein Turnier dauert, wie man mir nun mitteilte, mehrere Tage. Zumindest scheint das in Italien der Fall zu sein. Nächstes Jahr mache ich jedenfalls wieder mit. Wenn ich zum Hafen fahre – und das wird mit Sicherheit geschehen – melde ich mich allerdings ab. Im Hotel, bei Sandra und bei Stammgast Lino aus Milano, der dieses Mal und vielleicht auch nächstes Mal mein Gegner gewesen wäre.

La dolce vita ist ja gut und recht, beim Boccia, diesem vermeintlich gemütlichen Spiel, hört das süsse Leben aber auf. Wenn ich mal gut bin, werde ich es vielleicht verstehen. Bis dahin gilt aber: Scusi, ho delle vacanze.

Hinweis: Am Freitag äussern sich jeweils Gastkolumnisten und Redaktoren unserer Zeitung zu einem frei gewählten Thema.