Kolumne

«Landauf, landab»: Grenzenlos unterwegs

In unserer Kolumne «landauf, landab» schreibt alt Nationalrat Ruedi Lustenberger über besondere Begegnungen in der Natur.

Ruedi Lustenberger, alt Nationalrat, Romoos
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Ruedi Lustenberger.

Ruedi Lustenberger.

Bild: Pius Amrein (20. August 2020)

Es ist halb sieben am Morgen. Ich bin auf der Pirsch und raste an meinem bevorzugten Platz droben an der «Bernergrenze». So nennen wir die Wasserscheide zwischen Bern und Luzern. Sie ist Kantons-, Revier- und Konfessionsgrenze. Letztere ist durchlässiger geworden. War ja auch langsam Zeit.

Hell leuchtet die aufgehende Sonne am Horizont die hohen Berner Alpen an und färbt die weisse Ostwand des Schreckhorns rötlich gelb. Das Gezwitscher der Vögel und Quietschen des Tannenhähers ist Waldmusik in meinen Ohren. Sonst ist Ruhe, wohltuende Ruhe. Ich lausche der Stille. Zwei Turmfalken – der Volksmund nennt sie «Rägeschüttler» oder Wanner – rütteln mit ihren Schwingen wie wild um die Wette und stehen still im sanften Wind, ein kleines Schauspiel der Natur.

Plötzlich bekomme ich Besuch. Die alte schwarz-weisse Katze schnürt über die Grenze. Wir kennen uns seit Jahren, es ist auch ihr Revier. Aufmerksam schleicht sie langsam auf einem Weidepfad. Ich warte und schicke ihr einen kurzen hellen Pfiff. Augenblicklich stoppt sie, wendet den Kopf gen mich. Ein paar Sekunden, dann geht sie weiter – sie hat mich nicht entdeckt. Das Spiel wiederholt sich ein halbes Dutzend Mal.

Zufrieden mit der Welt da oben lächle ich vor mich hin. Ich hab die schlaue Katze genarrt. Nun probiere ich es mit einem Doppelpfiff. Das ist einer zu viel; sie äugt mich und sucht im hohen Farn das Weite. Zwei Begegnungen – banal und trotzdem schön. Ich beneide die Falken und die Katze. Ob ihrer Freiheit. Ihr Revier ist grenzenlos.