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LANDENBERG: «Es muss im Vorfeld gebrodelt haben»

Ein Lehrer hat sich in der KV-Berufsschule selber angezündet. Den Ort für seinen Suizid habe er wohl ganz bewusst ausgewählt, sagt der Psychiater Josef Sachs.
Carole Gröflin
Der Eingang der Berufsschule Landenberg. (Bild: pd)

Der Eingang der Berufsschule Landenberg. (Bild: pd)

Carole Gröflin

Die Meldung erschütterte reihum: Ein Lehrer hat sich am frühen Montagmorgen an der KV-Berufsschule Landenberg angezündet und sich so das Leben genommen (Ausgabe von gestern). Der 56-Jährige war als Lehrer im Bereich Detailhandel tätig. Seinen Job bei der Berufsfachschule hatte er per Ende Januar 2015 gekündigt. Danach baute er sein Pensum an der Berufsakademie aus. Dort hat er einen Lehrgang bei der Weiterbildung Erwachsener betreut.

Gibt es Abschiedsbrief?

Wie die Luzerner Polizei auf Anfrage mitteilt, ergab die Obduktion, dass es sich um einen Suizid handelt. Der 56-jährige Familienvater verstarb am frühen Montagmorgen an seinen Brandverletzungen. Ob ein Abschiedsbrief existiert, wollte Polizeisprecher Kurt Graf nicht bekannt geben. Dies werde generell nie kommentiert.

Im Interview spricht der forensische Psychiater Josef Sachs zu Motiven für eine solche Tat.

Josef Sachs, ein Lehrer hat sich bei lebendigem Leib verbrannt. Was geht in so einem Menschen vor, damit er diese qualvolle Form des Todes wählt?

Josef Sachs*: Die Selbstverbrennung ist eine äusserst demonstrative Form des Suizides. Ein Mensch, der diesen Ausweg aus dem Leben wählt, will damit Aufmerksamkeit erreichen. Die Botschaft «Ich will sterben» wird dramatisch inszeniert. Ein solcher Mensch will mit seinem Handeln der Öffentlichkeit etwas mitteilen.

Um das zu erreichen, ist er gewillt, sich grossem Schmerz auszusetzen?

Sachs: Wer sich selber verbrennt, denkt vorher nicht an die Schmerzen, die er sich zufügt. Ein solcher Mensch sieht nur noch ein Ziel: den eigenen Tod und den Hilfeschrei, den er damit verbindet.

Der Lehrer hat die Schule als Tatort gewählt. Welche Schlüsse lässt diese Wahl zu?

Sachs: Es zeigt klar auf, dass der Mann sich von seinem Leid erlösen und andere Menschen wissen lassen wollte, dass er gelitten hat. Möglicherweise verbindet er die Schule mit seinem Scheitern.

Das heisst, dass der Arbeitsort für den Mann ein schmerzvoller Ort war. Kann davon ausgegangen werden, dass ein Konflikt den Mann zu dieser Tat getrieben hat?

Sachs: Ein Suizid ist immer ein Akt der Verzweiflung. Der Mann sah offenbar keinen anderen Ausweg aus seiner Situation, als seinem Leben ein Ende zu setzen. Damit es soweit kommt, muss es im Vorfeld bereits gebrodelt haben. Es kann davon ausgegangen werden, dass etwas vorgefallen war, was für den 56-Jährigen das Fass zum Überlaufen gebracht hat.

Selbstverbrennung ist eine äusserst seltene Form des Suizids. Was für Menschen wählen dennoch diesen Tod?

Sachs: Menschen, die sich selber anzünden, leiden oftmals an einer psychischen Störung, zum Beispiel an einer Psychose, an Depressionen oder einer Sucht. Als Form des politischen Protestes kennen wir diese Form vor allem aus dem Fernen Osten. Der Arabische Frühling startete etwa, nachdem sich ein Gemüsehändler infolge von Polizeiwillkür selbst angezündet hatte. Diese Kultur des Protestes gibt es in der Schweiz allerdings nicht.

Die betroffene Schule hat Kerzen angezündet und ein Gedenkbuch aufgelegt. Zusätzlich steht ein Care-Team den Lehrern und Schülern zur Seite. Reicht dies aus, um einen derart schrecklichen Vorfall zu verarbeiten?

Sachs: Sicher nicht. Kerzen und ein Gedenkbuch sind gängige Massnahmen, die zur Bewältigung von Trauer gewählt werden. Hierbei handelt es sich aber um einen aussergewöhnlichen Todesfall, da dieser selbst gewählt und inszeniert wurde. Für die Betroffenen ist es unabdingbar, dass sie laufend informiert werden und Gelegenheit haben, über den Vorfall zu sprechen. Was waren die Hintergründe der Tat? Weshalb wollte der Lehrer von heute auf morgen seinem Leben ein Ende setzen? Das ist ein langer Prozess, welcher von vielen Gesprächen begleitet sein muss.

ZUR PERSON

* Josef Sachs (65) ist Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie. Er arbeitet als Chefarzt für Forensische Psychiatrie bei den Psychiatrischen Diensten Aargau.

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