LANDESKIRCHEN: Innerschweiz reagiert ablehnend auf Pläne der Bischöfe

Die Schweizer Bischöfe wollen bei der Verteilung der Kirchensteuern und bei der Wahl von Gemeindeleitern stärker mitreden. Das kommt bei den Kirchgemeinden nicht gut an.

Robert Knobel
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Die Bischöfe stossen bei den Landeskirchen auf heftige Kritik (Symbolbild). (Bild: Leser Hampi Lussi)

Die Bischöfe stossen bei den Landeskirchen auf heftige Kritik (Symbolbild). (Bild: Leser Hampi Lussi)

Das Schreiben, das die Schweizer Bischofskonferenz jüngst herausgab, schlägt weiterhin hohe Wellen. In einem «Vademecum» definieren die Bischöfe Leitlinien für die Beziehungen zwischen Bistümern und den Landeskirchen. Letztere sind als staatsrechtliche und demokratische Organisationen ein Schweizer Unikum, denn in anderen Ländern bestehen neben der römisch-katholischen Hierarchie keine parallelen «weltlichen» Strukturen. Kein Wunder, sind die kantonalen Landeskirchen mit ihrer grossen Autonomie den Bischöfen ein Dorn im Auge. Die Bischöfe wollen zumindest enger mit den Kantonalkirchen zusammenarbeiten, auch wenn man an den historisch gewachsenen Strukturen im Moment nichts ändern könne.

Einsitz in Finanzkommission?

Im Visier haben die Schweizer Bischöfe insbesondere die Finanzen. Die Kirchgemeinden und Kantonalkirchen nehmen Kirchensteuern ein und entscheiden ohne bischöfliche Mitsprache über deren Verwendung. Im Jahr 2011 etwa haben die Luzerner Katholiken insgesamt 95 Millionen Franken Kirchensteuern bezahlt. Davon gingen nur 2 Prozent ans Bistum Basel. Doch auch beim «weltlichen» Anteil wollen die Bischöfe künftig stärker mitreden. Sie schlagen deshalb vor, dass die Kantonalkirchen Finanzkommissionen bilden, in denen jeweils eine bischöfliche Vertretung mit Antragsrecht Einsitz nimmt. Im «Vademecum» der Bischofskonferenz heisst es weiter: «Der Bischof legt die pastoralen Prioritäten fest und definiert den Umfang der kirchlichen Verwaltung.» Die Bischöfe schlagen zudem eine Schlichtungsstelle vor, die bei Differenzen zwischen Diözese und Kantonalkirche eingreifen soll.

Im Bistum Chur ist man fest entschlossen, diese Vorgaben der Bischofskonferenz rasch umzusetzen. «Das Schreiben ist für uns eine verbindliche Arbeitsgrundlage», sagt Bistumssprecher Giuseppe Gracia. Im November werde man sich mit allen Kantonalkirchen im Bistum treffen, um das weitere Vorgehen zu definieren. Für Gracia ist dabei klar: «Der Vatikan erwartet Resultate.»

Schwyz kündet Widerstand an

Einfach wird das allerdings nicht, denn die Kantonalkirchen des Bistums Chur, zu denen auch diejenigen von Uri, Schwyz, Nid- und Obwalden gehören, fahren häufig einen Oppositionskurs gegen ihren Bischof Vitus Huonder. Werner Inderbitzin, Präsident der Schwyzer Kantonalkirche, sagt: «In den Jahren, in denen ich im Amt bin, wird es kaum grosse Veränderungen geben.» Angesprochen auf die bischöflichen Bestrebungen, mehr Einfluss auf die Finanzen zu nehmen, sagt Inderbitzin: «Solche demokratischen Rechte werden die Kirchgemeinden und Kantonalkirchen nicht so schnell aus der Hand geben.» Vorstellen könnte er sich allenfalls längerfristige Vereinbarungen mit dem Bistum bezüglich den finanziellen Leistungen. «Vorerst sind aber im Bistum Chur vertrauensbildende Massnahmen notwendig, bevor es zu ernsthaften Verhandlungen kommen kann», so der ehemalige Schwyzer Regierungsrat. Die staatskirchlichen Organisationen der sieben Churer Bistumskantone sind in der Biberbrugger Konferenz zusammengeschlossen, wo eine Diskussion zum «Vademecum» ebenfalls stattfinden wird, wie Inderbitzin ankündigte.

Im Bistum Basel, zu dem Luzern und Zug gehören, scheint das Thema weit weniger zu bewegen. Die Forderungen der Bischofskonferenz wurden zwar auch vom Basler Bischof Felix Gmür unterzeichnet. Doch im Bistum heisst es auf Anfrage, der Bischof habe das Dokument eigentlich vorstellen «und die Beweggründe dafür erläutern» wollen. Die frühe Veröffentlichung habe dem aber vorgegriffen. Im Moment habe das «Vademecum» nicht oberste Priorität, sondern diene einfach als Anregung für Fragen und Diskussionen.

Wahlrecht einschränken?

Die Bischöfe wünschen auch im Bereich der Pfarreileiter Änderungen: Diese sollen nicht mehr von der Kirchgemeinde gewählt, sondern ausschliesslich vom Bistum eingesetzt werden. Hintergrund: Bei geweihten Priestern haben die Bistümer die Pfarrerwahl durch die Gemeinde zu akzeptieren. Das ist ein historisches Zugeständnis der katholischen Kirche an die Schweizer Besonderheiten. Da Pfarreileiter im kirchlichen Verständnis aber keine Priester sind, gelten diese Zugeständnisse für sie nicht, argumentieren die Bischöfe.

In der Stadt Luzern gibt es mehrere Pfarreien, die von Pfarreileitern geführt werden. Sie alle wurden jeweils von der Gemeinde vorgeschlagen und vom Bischof bestätigt. Dieses Recht will man sich in Luzern keineswegs nehmen lassen. Florian Flohr: «Sogar das Kirchenrecht sagt, dass Gläubige das Recht haben, in wichtigen Dingen der Kirche mitzureden. Die Kirche ist vielleicht keine wirkliche Demokratie, aber sicher keine Diktatur.»

Auch die reformerische Pfarrei-Initiative hält davon gar nichts: «Wir fragen uns, welches Demokratie- und Kirchenverständnis hinter dem ‹Vademecum› der Bischöfe steht», schreiben die Initianten anlässlich des nunmehr einjährigen Bestehens der Initiative.