Landkolumne
«Landauf, landab»: Geduld ist (k)eine Tugend

Wer mit Kindern unterwegs ist, dem wird's nicht langweilig. Das ist in den Skiferien nicht anders.

Reto Bieri
Reto Bieri
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Skifahrer auf einem Sessellift in Wengen.

Skifahrer auf einem Sessellift in Wengen.

Bild: Jean-Christophe Bott / Keystone

«Warum fährt dieser Sessellift so langsam?», nörgelte meine Tochter kürzlich herum. Ihr konnte es ganz offensichtlich nicht schnell genug gehen, auf der Skipiste zu stehen. «Er fährt so schnell, wie er fährt», sagte ich. «Geduld ist eine wichtige Tugend, da hast du noch viel zu lernen.»

Prompt bekam ich am Ende des Tages von meinem anderen Kind selber eine Lektion verpasst. Zwanzig Minuten vor Betriebsende, wir waren schon fast auf dem Bügellift, sagte der Siebenjährige, er müsse aufs Klo. Ich patschte innerlich meine Hand an die Stirn, denn ich sah den folgenden Ablauf klar vor mir: Skier abschnallen, 200 Meter quer über einen Parkplatz stapfen, dort beim Hotel fragen, ob man das WC benützen darf, die Treppe hinunter (und zwar behutsam, um mit den klobigen Skischuhen nicht auf den glatten Marmorplatten auszurutschen), dem Sohn Handschuhe und Jacke ausziehen. Warten.

So geschah es. Nicht mal Handyempfang gibt’s hier unten, dachte ich ungeduldig. Und realisierte, wie mir grad ein Spiegel vorgehalten wurde. Gut so. Also, etwas mehr Geduld bitte. Geniesse doch die Stille im WC-Vorraum. Betrachte es als eine Art Meditationsübung – was Kindererziehung im Prinzip ja sowieso ist.

Trotzdem war ich froh, als mein Sohn endlich fertig war. Wir schafften sogar noch eine letzte Fahrt mit dem Bügellift. Auf dem Weg zum Auto sagte er: «Ich muss aufs Klo.» Ich antwortete perplex: «Da waren wir doch gerade!» Doch es war kein Scherz, jetzt war das grosse Geschäft an der Reihe. Ich schlug die Hand an die Stirn und sah es klar vor mir – ich muss noch viel an meiner Gelassenheit arbeiten.