LANDWIRTSCHAFT: Bitteres «Jahr der Quitte»: Die Ernte fällt komplett aus

Die Nachfrage nach Quittenprodukten ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Das Erntejahr 2017 fiel jedoch komplett dem Frost zum Opfer. Nun wird fieberhaft nach robusteren Sorten gesucht.

Ismail Osman
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Magere Ausbeute: Im Kanton Luzern konnten kaum Quitten geerntet werden. (Bild: PD Ottiger Spezialitäten AG)

Magere Ausbeute: Im Kanton Luzern konnten kaum Quitten geerntet werden. (Bild: PD Ottiger Spezialitäten AG)

Ismail Osman

ismail.osman@luzernerzeitung.ch

Es hätte ihr Jahr sein sollen: Die altgediente Quitte wurde im Frühling zur Schweizer Obstsorte des Jahres erkoren. Die Vereinigung zur Förderung alter Obstsorten verlieh ihr diese Ehrung.

Die Auszeichnung würdigt die Tatsache, dass die Quitte derzeit eine Renaissance erlebt: Nach Jahrzehnten der Dezimierung durch die Pflanzenkrankheit Feuerbrand war sie beinahe in Vergessenheit geraten. Seit ein paar Jahren erfreuen sich aus Quitten erzeugte Produkte wie Gelees und Konfitüren aber wieder grosser Beliebtheit.

Nun müssen Schweizer Produzenten und Verarbeiter des rund 4000 Jahre alten Obsts jedoch einen schweren Rückschlag hinnehmen: Die Ernte 2017 fiel beinahe komplett dem Frost des Frühjahres zum Opfer.

Nur 10 Kilo statt 30 Tonnen

Alois Füglister ist der einzige grössere Quittenproduzent im Kanton Luzern. Rund 1000 Bäume befinden sich auf seinem Hof in Ballwil. Die Bilanz seiner «Ernte» ist vernichtend: Statt der üblichen Menge von rund 30 Tonnen blieben heuer nur gerade 10 Kilo übrig. «Es ist ein Totalausfall», sagt Füglister. Der Landwirt bleibt bei aller Enttäuschung jedoch pragmatisch. «So ist halt die Natur.» Der Frost, der Ende April einsetzte, zerstörte die Ernte, welche bis zu diesem Zeitpunkt vielversprechend ausgesehen habe. Zudem wurde die Netzkonstruktion, welche die gesamte Plantage umgibt, um die Quittenbäume vor dem Feuerbrand zu schützen, durch das Gewicht des späten Schnees beschädigt.

Dieser Totalausfall beschränkt sich jedoch nicht nur auf den Kanton Luzern, wie Katja Ottiger, Geschäftsführerin der Ottiger Spezialitäten AG, weiss. Ihre Firma verarbeitet, nebst diversen andern Früchten und Beeren, auch Quitten zu Gelee und Konfitüre weiter. «Die Menge, die bei uns angekommen ist, ist kaum der Rede wert», zieht Ottiger Bilanz. Die Firma benötigt jährlich rund 50 Tonnen, um der Nachfrage nach Quitten, die in der Schweiz angebaut wurden, gerecht zu werden. «Dieses Jahr erreichten uns gerade noch 4 Tonnen.» Mit Ausnahme von wenigen Anbaugebieten im Wallis und in der Region Genfersee sei fast die ganze Schweizer Quittenernte dem Frost zum Opfer gefallen.

«Es ist besonders schade, da die Bäume vor dem Frost eigentlich gut geblüht haben», sagt Ottiger. Die Produktion könne aktuell durch Überschüsse vom vergangenen Jahr und Importen aufrechterhalten werden. Es bedeute jedoch, dass bei gewissen Produkten die Etiketten mit der Herkunftsdeklaration angepasst werden müssen.

Aufgegeben wird die Quitte nicht

Trotz des diesjährigen Ausfalls und der ohnehin aufwendigen Verarbeitung von Quitten will Ottiger das Obst nicht fallen lassen: «Wir hoffen sehr auf ein gutes Erntejahr 2018. Ansonsten könnten wir die Herstellung von Quittenprodukten aus der Schweiz tatsächlich nicht mehr aufrechterhalten und müssten den ganzen Bedarf importieren.»

Auch Alois Füglister will der Quitte nicht den Rücken kehren: «Im Gegenteil», sagt der Landwirt überzeugt. «Wir bauen die Anlage um 200 Bäume aus.» Die Gefahr eines Frostschadens besteht natürlich auch in Zukunft, auch diesbezüglich ist Füglister aktiv: «Das Problem beim Frost ist ein thermisches: Die kältesten Luftschichten sacken zu Boden», erklärt Füglister. So genannte Frostkerzen sind teuer und seien länger anhaltenden Kälteperioden nicht gewachsen. «Eine Möglichkeit, die wir derzeit prüfen, ist die Installation von Propellern, welche die unterschiedlichen Luftschichten aufwirbeln und mischen.» Auch die Netzkonstruktion gegen den Feuerbrand wird wieder aufgebaut, um für die Blütezeit 2018 bereit zu sein.

Hoffnung liegt in alten Bäumen

Stichwort Feuerbrand: Gemäss Beat Felder, zuständig für Spezialkulturen am Berufsbildungszentrum Natur und Ernährung Hohenrain (BBZN), bleibt dieser auch in Zukunft eine Gefahr. «Die Quitte ist hochanfällig und ihr Anbau entsprechend risikobehaftet.» Bereits seit 2009 gilt deshalb im Kanton Luzern ein Pflanzungsverbot. Konkret: Quittenbäume dürfen nur angepflanzt werden, wenn sie sich mindestens 500 Meter entfernt von deklarierten Feuerbrand-Schutzobjekten befinden. Zu diesen gehören etwa Erwerbsobstanlagen und Hochstamm-Obstgärten.

«Es läuft eine intensive Suche nach einer weniger anfälligen Quittensorte», sagt Felder. Die Hoffnung liegt in einer Inventarisierung von noch vorhandenen, alten Quittenbäumen. Im Auftrag des Bundesamtes für Landwirtschaft werden derzeit alte Bäume gesucht, die die Feuer­brandepidemie der letzten Jahre unbeschadet überlebt haben.

Ausgeführt wird das Inventarisierungsprojekt von Fructus. Also just von jener Vereinigung, welche die Quitte zur Obstsorte des Jahres 2017 deklariert hat. «Es war leider alles andere als das Jahr der Quitte», sagt Felder. «Ihr Potenzial ist aber unbestritten.»