LANDWIRTSCHAFT: Erneut mehr Gülleunfälle und Fischsterben im Kanton Luzern

In 82 Fällen wurden letztes Jahr Bäche, Flüsse oder Seen verschmutzt. Über ein Drittel der Gewässerverunreinigungen sind auf die Landwirtschaft zurückzuführen. Nun wollen die Bauern handeln.

Evelyne Fischer
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Ein Drittel der Gewässerverschmutzungen im Kanton Luzern ist auf Gülleunfälle zurückzuführen. (Bild: PD)

Ein Drittel der Gewässerverschmutzungen im Kanton Luzern ist auf Gülleunfälle zurückzuführen. (Bild: PD)

Evelyne Fischer

evelyne.fischer@luzernerzeitung.ch

«Diese Zahlen sind einfach zu hoch.» So kommentiert Markus Fischer, Präsident des Fischereiverbandes des Kantons Luzern, die 82 Gewässerverschmutzungen, die der Luzerner Polizei im letzten Jahr gemeldet wurden (siehe Tabelle am Textende). «Dahinter stecken viel zu viele kaputte Gewässer und viel zu viele tote Fische.» In 18 Fällen kam es zu Fischsterben, das sind 8 mehr als 2015.

Gleich mehrere Schäden ereigneten sich im Frühjahr: Bei einem Industriebetrieb in Root liefen am 7. April über 100 Liter Javel-Wassergemisch aus und flossen durch einen Schacht in die Ron. Auf einer Strecke von drei Kilometern starben alle Fische. Am 4. April hatte ein Ruswiler Bauer den Jaucheschieber falsch gestellt. Via Schacht gelangte Gülle in den Bach, auf einer Länge von zwei Kilometern verendeten alle Fische. Ende März kam es im Fürbach in Hergiswil und im Mühlebach in Buttisholz zu weiteren Vorfällen. Insgesamt sorgte Gülle 2016 zehn Mal für Fischsterben (2015: 4).

Schwierige Witterung begünstigt Güllenunfälle

33 der 82 Gewässerverschmutzungen hatten ihre Ursache in der Landwirtschaft, 27 Mal war Gülle im Spiel. «In acht Fällen war die Überwachung ungenügend, sechs Mal wurden Schieber falsch gestellt, und in fünf Fällen lag ein technischer Defekt vor», sagt Fritz Birrer von der Dienststelle Landwirtschaft und Wald (Lawa). Vier Mal kam es zu einer Verunreinigung, weil die Gülle bei ungünstiger Witterung ausgetragen wurde. «In regenreichen Jahren gibt es tendenziell mehr Unfälle», so Birrer. «Im letzten Frühling war es sehr nass. Ist der Boden bereits übersättigt, oder kommt es nach dem Ausbringen der Gülle zu starken Niederschlägen, droht diese abgeschwemmt zu werden oder sickert mit dem Wasser in den Boden zu den Drainagen.» Wenn möglich würden die Bauern bei solcher Witterung zuwarten. «Meist muss dann die Gülle ausgetragen werden, wenn auf den Feldern bereits weitere Arbeit ansteht. Solche Stresssituationen erhöhen das Risiko für Unfälle.»

Dass die nasse Witterung den Güllenaustrag erschwert hat, betont auch Stefan Heller, Geschäftsführer des Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverbands. «Jeder Güllenunfall ist einer zu viel. Ich hätte es aber eher noch schlimmer erwartet.» Luzern sei mit seinen rund 4500 Betrieben und einem weitverzweigten Gewässernetz eher gefährdet. «Güllen muss Chefsache sein. Ein Nullrisiko wird es aber nie geben.»

Gegenüber 2015 mit 20 Vorfällen nahmen die Güllenunfälle 2016 sprunghaft zu. Mit Blick auf die Statistik sagt Fritz Birrer vom Lawa aber: «Längerfristig gesehen findet eine Verbesserung statt, aber es braucht Zeit.» Gab es 1990 noch 56 Güllenunfälle, waren es in den letzten sieben Jahren im Schnitt rund 30. Daher will die Dienststelle zusammen mit dem Bauernverband weitere Massnahmen ergreifen.

Geplant ist laut Heller, erneut eine Kampagne zu starten. Jeder Hof erhält eine Infotafel zur Sensibilisierung. Eine Checkliste soll zudem mithelfen, Mängel an der Anlage zu erkennen. «Wir müssen auch zusammen mit Maschinenherstellern versuchen, technische Hilfsmittel zu entwickeln, die beispielsweise bei Druckabfall einen Alarm auslösen können», sagt Heller. «Wir dürfen nichts unversucht lassen.» Nichts hält er hingegen von höheren Sanktionen: «Drakonische Strafen könnten dazu führen, dass Bauern den Vorfall nicht selber melden.» Wem eine Verschmutzung nachgewiesen werden kann, muss mit Bussen bis zu 2000 Franken und der Kürzung von Direktzahlungen rechnen. «Passiert ein Güllenunfall, ist die schnelle Reaktion das A und O», sagt Heller. Sofort müsse der Einlass gestoppt, die Feuerwehr alarmiert und Frischwasser eingeleitet werden.

Fischereiverband erwartet griffige Massnahmen

Die geplanten Massnahmen seien «ganz im Sinne des Fischereiverbands», sagt Präsident Markus Fischer. Von verschärften Sanktionen hält auch er nichts. «Die heutigen Strafen reichen, Fischer und Bauern wollen nicht gegeneinander arbeiten.» Doch wenn jeder beim Güllen die «höchste Aufmerksamkeit» an den Tag lege, liessen sich weitere Unfälle verhindern. Ein Lichtblick sei die Entwicklung im Industrie- und Gewerbebereich: Die Anzahl Fälle konnte von 18 (2015) auf 14 gesenkt werden. In 16 weiteren Fällen entstanden Verunreinigungen durch die Einleitung von Löschwasser (2), durch Ölunfälle (6) und Abwasser (8). 19 Mal konnte die Ursache nicht ermittelt werden. «Vielfach handelte es sich dabei um Trübungen, die von Spaziergängern gemeldet wurden», sagt Philipp Arnold von der Dienststelle Umwelt und Energie.

Die übrigen Zentralschweizer Kantone haben seltener mit Verunreinigungen zu kämpfen: In Zug mussten Mitarbeiter des Amts für Umweltschutz 2016 in 25 Schadensereignissen ausrücken, 3 Mal ging es um Güllen- oder Mistunfälle (2015: 6). In Schwyz wurden 2016 17 Verunreinigungen gemeldet, davon 2 Güllenunfälle (2015: 5). In Uri gabs letztes Jahr keinen Güllenunfall, 2015 wurde ein Vorfall erfasst. In Nidwalden wird keine Statistik über Gewässerverschmutzungen geführt, in Obwalden war der Verantwortliche nicht erreichbar.

 

Gewässerverschmutzungen Kanton Luzern im Vergleich (2010–2016)
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