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LANDWIRTSCHAFT: Freude beim Bergbauern – Frust im Tal

Die aktuelle Agrarpolitik generiert Gewinner – und noch mehr Verlierer. Für alle gilt: Wer als Bauer nicht untergehen will, braucht Ideen – gute.
Stephan Santschi
Oben: Bergbauer Andreas Wyss (38) auf seinem Hof in Marbach. Unten: Landwirt Thomas Oehen (42) aus Aesch bei einem seiner Boskop-Hochstammbäume. (Bilder Dominik Wunderli / Nadia Schärli)

Oben: Bergbauer Andreas Wyss (38) auf seinem Hof in Marbach. Unten: Landwirt Thomas Oehen (42) aus Aesch bei einem seiner Boskop-Hochstammbäume. (Bilder Dominik Wunderli / Nadia Schärli)

Die Umsetzung der Agrarpolitik von 2014 bis 2017 trennt die Schweizer Landwirtschaft in zwei Lager. Hauptgrund ist die Neuverteilung der staatlichen Subventionen, die extensive Ökobetriebe und Berggebiete fördert, jedoch lebensmittelproduzierende Höfe und Talregionen weniger stark unterstützt. Laut einer Statistik der «Bauernzeitung» sind Leidtragende und Profiteure unter den rund 4400 Direktzahlungsberechtigten im Kanton Luzern wie folgt verteilt: 2426 Bauern hatten 2014 im Vergleich zum Vorjahr einen Einkommensrückgang zu beklagen, 1997 erhielten mehr Gelder. Noch fehlen Zahlen für 2015, aber aufgrund der um rund 12 Millionen Franken geringeren Übergangsbeiträge steht bereits jetzt fest: Die neue Statistik wird noch mehr Verlierer offenbaren.

Milchbauer «übers Ohr gehauen»

Thomas Oehen betreut im Vorstand des Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverbands das Ressort Agrarpolitik. Der 42-jährige CVP-Kantonsrat sagt: «Die Stimmung bei den Bauern ist gedrückt. Teilweise ist Resignation spürbar. Viele sind nicht mehr bereit zu kämpfen. Junge Leute machen sich derweil Gedanken, ob sie einen Hof übernehmen wollen.» Oehen selber betreibt in Aesch Milchwirtschaft – und zählt damit im neuen System der Direktzahlungen zu den Verlierern. Reagiert hat er gemeinsam mit Berufskollegen aus der Region mit der Anlegung von aufeinander abgestimmten Ökoelementen, Blumenwiesen und Hochstammbäumen etwa oder extensiv genutzten Weiden und Kräuterrändern um Ackerfelder. «Damit kann ein Teil des Erwerbsausfalls kompensiert werden, aber gewiss nicht alles.»

Hierzu wäre eine komplette Umstellung von der Tierhaltung auf einen Ökobetrieb nötig, doch das diene nicht der Nahrungsmittelproduktion und sei ihm wie manchem anderen zu riskant. «Wer weiss, was die Agrarpolitik ab 2018 bringt? Vielleicht kommt dann wieder alles anders. Es ist so, als ob man mit dem Zug unterwegs ist und dann kurz vor dem Ziel die Richtung wechselt. Das ist mühsam.» Und mit Blick in die Vergangenheit fügt Oehen an: «Vor sechs Jahren sind die Direktzahlungen für Raufutterverzehrer beim Milchvieh eingeführt worden, gleichzeitig ist – als Gegenleistung der Bauern sozusagen – der Milchpreis reduziert worden. Seit 2014 werden Raufutterverzehrer nicht mehr subventioniert, die Milch allerdings ist billig geblieben. Wir fühlen uns übers Ohr gehauen.»

Mit Neid auf jene Bauern, die von der aktuellen Agrarpolitik profitieren, habe dies nichts zu tun. «Es ist gut, wenn jemand etwas davon hat. Ein Teil der Bauern ist aber vergessen worden.» Er werde weiterhin für die produzierende Landwirtschaft kämpfen. Optimal wäre, wenn der Konsument für Schweizer Produkte mehr bezahlen würde. Sei dies nicht der Fall, brauche es Direktzahlungen des Bundes. «Auf diese Weise werden Lebensmittel subventioniert. Ich wehre mich gegen den Vorwurf, dass die Bauern den Steuerzahler aussaugen.»

Ökobauer «profitiert und investiert»

Genau solche Vorwürfe muss sich Andreas Wyss von Berufskollegen gefallen lassen, die ihm anonyme Briefe zustellen. «Heftig» seien die Reaktionen. Doch sie hindern den 38-jährigen Landwirt aus Marbach nicht daran, Auskunft über seine Situation zu geben. Im Gegensatz übrigens zu manch anderem Gewinner der neuen Agrarpolitik, der sich lieber versteckt hält. «Ich stehe dazu, dass ich von der neuen Agrarpolitik profitiere. Wenn man die Gelegenheit hat, solche Gelder zu erhalten, warum soll man sie dann nicht nutzen?» Wyss weiss, dass ihm Lage und Struktur seines Betriebs eine optimale Ausgangslage bieten. Auf 1400 Metern gelegen, verfügt sein Hof mit 102 Hektaren über viel Land, das er neben dem Unterhalt seiner 67 Schottischen Hochlandrinder als Ökofläche bewirtschaften kann. Konkret heisst das: «Ich mähe die Streue der Moore nur einmal im Jahr, ich zäune Wanderwege ein und stelle einen Betonbrunnen auf die Weide.» All das wird vom Staat zu Gunsten des Naturschutzes und der Landschaftsqualität subventioniert. Die Einnahmen horte er nicht, sondern investiere sie. «In den Agrotourismus beispielsweise», sagt Wyss, der bereits eine Ferienwohnung vermietet und dort nun einen Partyraum schaffen will.

Für die Schwierigkeiten der produzierenden Landwirte im Tal hat Wyss Verständnis, «ich könnte auch nicht spontan sagen, was ich tun würde, wenn mein Betrieb weiter unten stehen würde». Doch Fluchen bringe nichts, man müsse innovativ sein. Für die Zukunft wünscht er sich, dass die Agrarpolitik bleibt, wie sie aktuell ist, dass Kontinuität in die staatlichen Rahmenbedingungen einziehe und dass man auf Bundesebene in der Landwirtschaft nicht noch mehr spare. «Wir sind weiterhin die Ernährer der Bevölkerung, man kann nicht alles importieren.»

Stephan Santschi

Landwirt Thomas Oehen (42) aus Aesch bei einem seiner Boskop-Hochstammbäume. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Landwirt Thomas Oehen (42) aus Aesch bei einem seiner Boskop-Hochstammbäume. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

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