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LANDWIRTSCHAFT: Luzerner Bauer soll wegen Tierquälerei ins Gefängnis

Ein überforderter Bauer hat seine Tiere vernachlässigt. Er zog zwar von sich aus die Notbremse und verständigte die Behörden – allerdings war es da schon zu spät. Heute darf er kein Vieh mehr halten.
Lena Berger
Ferkelaufzucht (Bild: pd)

Ferkelaufzucht (Bild: pd)

Lena Berger

lena.berger@luzernerzeitung.ch

Es ist ein kalter Januarmorgen, an dem seine Welt zusammenbricht. «Ich halte es nicht mehr aus», sagt der Bauer dem Gemeindepräsidenten am Telefon. «Jemand muss zu den Tieren schauen.» Dann hängt er auf.

Als die Mitarbeiter des Veterinärdienstes auf dem Hof eintreffen, bietet sich ihnen ein erschütterndes Bild. Die über 30 Rinder und 200 Ferkel strotzen vor Dreck und sind abgemagert. Sie haben in den Ställen weder Futter noch Wasser noch eine trockene Liegefläche – und sie stehen zum Teil kniehoch im eigenen Kot und Urin. In einem Käfig liegt ein verendetes Kaninchen; es soll verdurstet sein.

Wie kann ein Mensch seinen Tieren so etwas antun? Das zu verstehen, fällt schwer. Eines kann man aber sicher sagen: Es ist viel passiert vor jenem Januarmorgen, an dem der Bauer seinen Hof verliess und sich selber in die Psychiatrie einwies.

Alleine verantwortlich für über 200 Tiere

Aufgewachsen ist der Bauer auf dem elterlichen Hof. Er hatte diesen zu übernehmen, während die Brüder ihre eigenen Wege gingen. Die Mutter hielt alles zusammen und kümmerte sich darum, dass auch die bürokratischen Aufgaben erledigt wurden. Nach dem Tod der Eltern entschied der Bauer, den Hof mit über 200 Tieren alleine zu bewirtschaften. Damit nahm er sich viel vor (siehe Box). Aber da, wo er herkommt, beschwert man sich nicht. Schon gar nicht als Mann. Man schafft. Man krampft. Man kämpft. Und das rund um die Uhr.

Als Erstes fielen die sozialen Kontakte weg. Sich mit Bekannten zu treffen, dafür blieb immer weniger Zeit. Wenn die Arbeit im Stall endlich gemacht war, setzte sich der Bauer oft alleine an den Küchentisch. Und er trank Alkohol. Am Anfang nicht viel. Dann wurde es immer mehr.

Der Mann geriet in eine Negativspirale aus Überforderung und Einsamkeit. Aufstehen, arbeiten, schlafen. Mehr gab es für den Landwirt jahrelang nicht. 2014 dann bekam er dann das erste Mal Besuch von den Behörden. Der Veterinärdienst stellte Verstösse gegen das Tierschutzgesetz fest. Der Mann wurde zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt.

Dem Bauern wurde der Landwirtschaftsbeauftragte zur Seite gestellt, der ihn unterstützte. Regelmässig besuchte er den Bauern auf dem Hof. Endlich ging es wieder bergauf. Es gab zwar weitere Beanstandungen, aber die Tiere waren gesund, und es sah so aus, als würde der Bauer die Kurve kriegen.

Eine gefrorene Leitung führte zum Zusammenbruch

Der Absturz kam schleichend. Nachdem die regelmässigen Besuche des Landwirtschaftsbeauftragten ausblieben, war der Bauer wieder auf sich gestellt. Es kam zu regelrechten Alkoholexzessen. Die Arbeit blieb gegen Ende 2016 zunehmend liegen. Doch der Bauer sah das nicht. Noch heute ist er davon überzeugt, dass die Lage der Tiere gar nicht so schlimm gewesen sei. Die Realität vermischte sich immer mehr mit einer Wunschvorstellung.

Wer sich nicht mehr um sich selber kümmern kann, kann sich auch nicht um seine Tiere kümmern. Niemand weiss, was in diesen Monaten in dem Bauern vorging, was er sich überlegte, wie er den Alltag bewältigte. Der Moment, in dem alles zusammenbrach, kam, als an einem kalten Januarmorgen auch noch die Wasserleitung einfror. Damit verbunden fiel die Fütterungsanlage aus. Der Bauer versuchte, Handwerker aufzubieten. Aber diese zweifelten an seiner Liquidität – und verweigerten ihm die Hilfe. Der Versuch, die Leitungen mit einer Heizanlage freizubekommen, scheiterte. Schliesslich gab der Bauer auf. Nicht nur den Versuch, das Wasser wieder zum Laufen zu bringen. Sondern alles. Es kam zum Totalzusammenbruch – und der bereits erwähnten Einweisung in die Psychiatrie.

Als der Bauer nach drei Wochen auf seinen Hof zurückkehrte, waren die Ställe leer. Das Veterinäramt hatte ein Tierhalteverbot erlassen, und das Vieh war verkauft worden.

Das Ganze ist jetzt etwas mehr als ein Jahr her. Der Mann lebt heute von 1000 Franken im Monat, die er für die Vermietung seines Schweinestalls bekommt. Sonst ist ihm nichts geblieben. 80 Jobbewerbungen hat er geschrieben – und nur Absagen bekommen. Ein Neustart als über 50-Jähriger ist schwer. Dazu kommt: Die Staatsanwaltschaft fordert, dass der Bauer sechs Monate ins Gefängnis gehen soll – unter anderem wegen Tierquälerei. Sein Verteidiger macht geltend, der Bauer sei zu der Zeit nicht voll zurechnungsfähig gewesen. Er habe nicht gewollt, dass die Tiere leiden. Die entsprechende Gerichtsverhandlung hat letzte Woche stattgefunden. Das Urteil wird in den nächsten Tagen erwartet.

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