LANDWIRTSCHAFT: Trotz Ziegenmilch-Trend satteln im Kanton Luzern nur wenige Bauern um

2,3 Millionen Kilogramm Geissenmilch hat Emmi letztes Jahr verarbeitet und will die Menge an Ziegenmilchprodukten weiter erhöhen. Doch im Kanton Luzern stagnieren die Geissenbestände seit Jahren. Das liegt auch am zickigen Wesen der Tiere.

Susanne Balli
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Bruno Huber, Präsident des kantonalen Ziegenzuchtverbandes, im Ziegenstall. (Bild: Pius Amrein (Grosswangen, 27. September 2017))

Bruno Huber, Präsident des kantonalen Ziegenzuchtverbandes, im Ziegenstall. (Bild: Pius Amrein (Grosswangen, 27. September 2017))

Wer früher in ein Stück Geissenkäse biss, konnte den Ziegenbock regelrecht riechen und schmecken. Heute «böckelet» Ziegenkäse kaum noch. Mitunter ist dies wohl auch ein Grund, warum Produkte aus Ziegenmilch bei den Schweizer Konsumenten immer beliebter werden. Der Luzerner Milchverarbeiter Emmi hat im vergangenen Jahr 2,3 Millionen Kilogramm Schweizer Ziegenmilch verarbeitet. Und das Potenzial ist noch nicht ausgeschöpft. Emmi will die Menge jährlich um 10 Prozent steigern.

Hinter der steigenden Nachfrage sieht Emmi noch weitere Gründe: «Immer mehr Käsefans reichern ihre Käseplatte mit Ziegenkäse an. Zudem ist Ziegenmilch die erste Alternative zu Kuhmilch, da sie teilweise besser verträglich ist», sagt Emmi-Mediensprecherin Sibylle Umiker.

Die Ziegenmilchproduktion scheint auf den ersten Blick für Landwirte lohnenswert zu sein: Für ein Kilogramm Ziegenmilch erhält man rund 1.20 Franken, während es für ein Kilogramm Kuhmilch nur rund 55 Rappen gibt. Auf die Anzahl Ziegenzüchter hat dies jedoch keine positiven Auswirkungen. Seit Jahren bewegen sich die Ziegenbestände im Kanton Luzern auf ähnlichem Niveau, respektive nahmen sogar ab. 2006 wurden im Kanton Luzern laut Bundesamt für Statistik 5060 Ziegen als Nutztiere gehalten, 2016 waren es noch 4038. Die Abnahme erklärt sich allerdings grösstenteils mit dem Wechsel des Stichtages. Dieser war bis im Jahr 2014 am 1. Mai, seit 2015 ist es der 1. Januar. Ziegen bringen ihre Jungtiere im Frühling zur Welt, weshalb es zu dieser Zeit mehr Geissen gibt. Einige Gitzi landen beim Metzger. In der Statistik Anfang Januar sind diese nicht mehr zu finden.

Geissenhaltung ist anspruchsvoll

Warum aber setzen trotz steigender Nachfrage nicht mehr Luzerner Landwirte auf Ziegen? Mögliche Antworten darauf kennt Landwirt René Marbach aus Mauensee. «Ziegen sind nicht einfach zu halten, weil sie, was die Fütterung betrifft, sehr anspruchsvoll und bezüglich Tiergesundheit eher heikel sind», sagt er. Wer Ziegen züchte, müsse mit relativ vielen Tierausfällen rechnen. «Wer keine Ahnung von Geissen hat und voll auf diese Tiere setzen will, muss unter Umständen ein sehr hohes Lehrgeld zahlen», sagt Marbach. Er sieht auch noch einen weiteren Grund, warum die Zahl der Ziegenzüchter im Kanton Luzern bisher konstant blieb: «Luzerner Bauern sind eher auf Schweine und Kühe spezialisiert.» Anders sehe es zum Beispiel im Kanton Bern aus, wo die Geissenzucht Tradition habe.

Der 39-jährige Landwirt hat während neun Jahren Ziegen gezüchtet. In Spitzenzeiten hielt René Marbach 30 Ziegen. Dieses Jahr hat er sich schweren Herzens entschieden, das Standbein der Ziegenzucht aufzugeben. «Unser Land hat nicht gereicht. Auf unserem Betrieb hätte ich aufgrund der Nährstoffbilanz maximal 80 Ziegen halten können. Um davon zu leben, hätten wir aber mindestens 100 bis 120 Ziegen gebraucht.» Bruno Huber, Präsident des Luzerner Ziegenzuchtverbandes, erwartet nicht, dass sich am Ziegenbestand im Kanton Luzern in nächster Zeit grundsätzlich etwas ändert, denn es hänge stark von der Nährstoffbilanz ab, ob ein Landwirt seinen Bestand aufstocken könne. Stimme diese nicht, gebe es Kürzungen bei den Direktzahlungen. Oder man müsse an einem anderen Ort einsparen. «Man muss sich genau überlegen, ob es sich auszahlt, aufzustocken», sagt er.

Auch der Preis für Ziegenmilch sei nicht so hoch, wie es auf den ersten Blick erscheine. Vor Jahren habe Emmi pro Liter 20 bis 25 Rappen mehr an die Landwirte gezahlt als heute. «Sieht man den grossen Aufwand bei der Haltung und Fütterung der Ziegen, dann ist der Milchpreis nicht gerecht», sagt er. Und das jährliche Wachstum von 10 Prozent bei den Ziegenmilchprodukten von Emmi ist in seinen Augen nicht viel. «Wenn jemand mit 200 Geissen beginnen will, ist die Menge bereits mehr als ausgeschöpft», sagt er.

Wie sich der Ziegenbestand im Kanton Luzern tatsächlich entwickelt, wird sich zeigen. Die Firma Emmi, die von insgesamt 30 Schweizer Landwirten mit Ziegenmilch beliefert wird, will die geplante Mengensteigerung der Ziegenmilchprodukte von 10 Prozent mit den bestehenden Bauern umsetzen, indem einzelne ihren Bestand vergrössern.

Susanne Balli

susanne.balli@luzernerzeitung.ch