LANDWIRTSCHAFT: Weg vom Staat, hin zu mehr Markt

Mehr Wettbewerb und weniger Abhängigkeit vom Staat: Das fordern die Jungbauern. Die Verwaltung steht mehr Wettbewerb kritisch gegenüber.

Luzia Mattmann
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Jungbauer Christian Galliker (28) füttert die Kühe auf seinem Hof in Beromünster. (Bild Nadia Schärli)

Jungbauer Christian Galliker (28) füttert die Kühe auf seinem Hof in Beromünster. (Bild Nadia Schärli)

Die Jungbauern nehmen kein Blatt vor den Mund: Am ersten Zentralschweizer Junglandwirteforum machten sie sich für eine starke Schweizer Lebensmittelproduktion mit «funktionierenden Märkten» stark. Christian Galliker (28), Bauer aus Beromünster und Mitglied der Junglandwirtekommission des Schweizer Bauernverbands, präzisiert: «Die Abhängigkeit von den Direktzahlungen macht vielen Angst. Womöglich müssen wir uns mehr am Markt ausrichten.» Galliker arbeitet in einem Teilzeitpensum als Berater an einem landwirtschaftlichen Bildungszentrum im Kanton Solothurn.

Für die Agrarpolitik 2014 bis 2017 stehen total 11,256 Milliarden Franken an Direktzahlungen zur Verfügung. In der Schweiz gab es 2012 rund 56 000 Bauernbetriebe, davon 49 500 Direktzahlungsberechtigte. Pro Jahr entfallen so durchschnittlich rund 60 000 Franken Direktzahlungen auf einen Betrieb (siehe Kasten).

Ein Viertel Direktzahlungen

Schweizweit machen die Direktzahlungen knapp einen Viertel des Umsatzes eines Landwirtschaftsbetriebes aus. In Regionen mit hoher Tierdichte, in denen dementsprechend ein hoher Ertrag aus dem Verkauf erzielt werden kann, ist der Anteil tiefer, im Berggebiet höher. Im Talgebiet des Kantons Luzern stammt rund 16 Prozent des Umsatzes aus Direktzahlungen. «Wir Jungbauern akzeptieren, mehr als vielleicht einige ältere Bauern, einen gewissen Wettbewerb – weil wir damit aufgewachsen sind. Wir wollen nicht zu stark am Tropf des Staates hängen oder in einem völlig abgeschotteten Markt produzieren», sagt Christian Galliker. Angebot und Nachfrage sollen spielen. Unabhängig von der EU könne auch die Landwirtschaft nicht funktionieren.

Allerdings brauche es bei landwirtschaftlichen Produkten einen Grenzschutz, damit die Schweiz nicht mit Billigprodukten überflutet werde. «Wir produzieren zwar zu einem etwas höheren Preis als etwa in der EU, dafür haben wir viel strengere Vorschriften einzuhalten, etwa wenn es um Tier- oder Umweltschutz geht», sagt er. «Der Konsument bekommt dafür qualitativ beste, nachhaltige Produkte.» Insgesamt befürwortet der Junglandwirt ein Direktzahlungssystem, das die Märkte besser spielen lässt. In diese Richtung geht auch die Agrarpolitik 2014 bis 2017.

Kritisch betrachtet der Junglandwirt die steigende Bürokratie. Immer mehr Direktzahlungen sind an Leistungen gebunden. «Das bedeutet, dass mit viel Aufwand regionale Projekte erarbeitet werden müssen, die dann in Bern eingegeben werden und deren Durchsetzung wieder überprüft werden muss.» Dies sei in besonderem Masse bei den sogenannten Landschaftsqualitätsbeiträgen der Fall. Hier werden Direktzahlungen ausbezahlt, wenn Leistungen wie die Pflege von Wegkapellen oder Wegen erbracht werden. Als Voraussetzung für den Erhalt der Beiträge müssen Siloballen schön aufgeschichtet werden, sich die Bauern beraten lassen und Ordnung auf ihrem Hof halten. Die Massnahmen haben in unseren Leserbriefspalten für grosse Diskussionen gesorgt.

«Pragmatisch umsetzen»

Christoph Böbner, Leiter der Luzerner Dienststelle Landwirtschaft und Wald, war an der Ausarbeitung der AP 2014 bis 2017 beteiligt. Er sagt: «Es gibt tatsächlich Direktzahlungsinstrumente, welche die Gefahr eines höheren administrativen Aufwands beinhalten. Luzern ist aber bestrebt, diese Massnahmen pragmatisch umzusetzen.» Mit der AP 2014 bis 2017 sind knapp die Hälfte der Direktzahlungsinstrumente neu ausgerichtet worden. Dies führe zumindest am Anfang zu einem erhöhten Aufwand.

Böbner steht mehr Wettbewerb in der Landwirtschaft kritisch gegenüber. «In der EU ist der Produzentenpreis rund 35 Prozent tiefer als in der Schweiz. Wenn die EU mit den USA ein Freihandelsabkommen abschliesst, was aktuell geprüft wird, dürfte diese Differenz noch grösser werden.» Dass die Konsumenten dann immer noch höhere Preise für Schweizer Waren zahlen, glaubt Böbner nur für einen kleinen Teil von qualitativ differenzierbaren Produkten. Der Nahrungsmitteltourismus an der Grenze würde bei grösseren Preisunterschieden erfahrungsgemäss geradezu explodieren, sagt er. «Die Direktzahlungen der Bauern sind heute an klare Leistungen gebunden», sagt er. Dies sei etwa der Fall bei der Versorgungssicherheit, der Pflege der Kulturlandschaft und ökologischen Leistungen. Derzeit beträgt der Selbstversorgungsgrad der Schweiz noch 54 bis 60 Prozent. «Die Direktzahlungen tragen folglich auch dazu bei, dass die Bauern ein gewisses Produktionsniveau aufrechterhalten.»

Zwei Gruppen von Bauern

Dass Direktzahlungen dazu führen können, dass sich die Landwirte nicht mehr in erster Linie auf die Lebensmittelproduktion fokussieren, zeigt eine Studie der ETH. Sie hat für das Bundesamt für Landwirtschaft einen Bericht über die voraussichtlichen Auswirkungen der AP 2014 bis 2017 verfasst. Darin unterscheidet sie zwischen zwei Gruppen von Landwirten: jene, für welche die Produktion von marktfähigen Gütern von vorrangigem Interesse ist. Sie achten darauf, dass die verschiedenen Massnahmen der Direktzahlungsprogramme sich gut in das Betriebskonzept eingliedern lassen und die Produktion nicht eingeschränkt wird.

Bei der anderen Gruppe tritt die Produktion marktfähiger Produkte in den Hintergrund, und die Erstellung ökologischer Leistungen ist ein wichtiger Betriebszweig. «Einige Betriebe verfolgen als Extrem auch die Strategie der Direktzahlungsmaximierung», heisst es im Bericht. Dazu gehören vor allem Nebenerwerbsbetriebe oder auslaufende Betriebe. Die meisten Bauern gehören laut dem Bericht der ersten Gruppe an.

Verband sorgt sich um Versorgung

Werden also immer mehr Bauern zu Landschaftspflegern, die kaum noch produzieren? Nein, findet Christoph Böbner. Landschaftspflege und Produktion seien seit jeher Hand in Hand gegangen und werden das in Zukunft so tun.

Um die Selbstversorgung sorgt sich auch der Schweizer Bauernverband, der am Dienstag seine Initiative zur Sicherung der Ernährungssicherheit gestartet hat. Damit sollen das Kulturland besser geschützt, das Qualitätsniveau bei Lebensmitteln hochgehalten und der nachhaltige Anbau von landwirtschaftlichen Rohstoffen und tierischen Produkten gefördert werden. Die Initiative wird von den Junglandwirten und der SVP unterstützt, die zuerst eine Initiative ähnlichen Inhalts lancieren wollte. Eine Volksinitiative zur Landwirtschaft planen auch die Grünen. Sie wollen höhere Standards für importierte Nahrungs- und Futtermittel.

Der Nutzviehbestand ist in den letzten Jahren in etwa gleich geblieben, die Versorgung mit Brotgetreide sinkt. Immer weniger Bauern bewirtschaften immer grössere Bauernhöfe. Christian Galliker: «Sowohl grosse als auch kleine Höfe haben ihre Berechtigung», sagt er. «Es ist für die kleineren Höfe einfach schwieriger, die nötigen Investitionen zu tätigen.» Die Folge: Bauern spannen zusammen in Betriebsgemeinschaften, oder sie müssen ihre Bauten querfinanzieren.