LAUSANNE / LUZERN: Luzerner Knabe darf nach Entführung in der Schweiz bleiben

Ein 11-jähriger Knabe aus dem Kanton Luzern darf bei seiner Mutter in der Schweiz bleiben, obschon diese den Jungen widerrechtlich und gegen den Willen des Vaters in die Schweiz gebracht hatte. Entscheidend in dieser heiklen Situation ist, dass der Junge nicht mehr zu seinem Vater nach Spanien zurück will.

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Und alle wollen nur das Beste fürs Kind (gestellte Szene) (Bild: Corinne Glanzmann)

Und alle wollen nur das Beste fürs Kind (gestellte Szene) (Bild: Corinne Glanzmann)

Urs-Peter Inderbitzin

kanton@luzernerzeitung.ch

Leben die Eltern eines Kindes in zwei verschiedenen Ländern und können sie sich nicht darüber einigen, wo ihr Kind aufwachsen soll, sind Streitigkeiten vorprogrammiert. So auch im Fall eines im Jahre 2006 in der Schweiz geborenen Knaben. Anfänglich ging alles gut. Die Mutter, welche aus einer Luzerner Regionsgemeinde stammt, reiste mit dem Kleinkind nach Spanien und lebte dort mehrere Jahre mit dem Vater des Knaben in einer gemeinsamen Wohnung. Vor sechs Jahren trennte sich das Paar, wobei der Knabe fortan tageweise abwechselnd beim Vater und bei der Mutter wohnte.

Widerrechtlich nach Luzern gebracht

Ende Januar/anfangs Februar 2016 reiste die Mutter, als der Vater für eine Woche in den Pyrenäen weilte, ohne dessen Wissen mit dem Kind in die Schweiz, wo sie mit diesem seither wohnt. Noch bevor die Mutter den Knaben „entführt“ hatte, hatte ein spanisches Gericht entschieden, dass das Sorgerecht und die Obhut über den Knaben dem Vater zugeteilt werden. Dieser Entscheid ist inzwischen in zweiter Instanz bestätigt worden. Der Vater liess sich das widerrechtliche Vorgehen der Mutter nicht gefallen und beantragte Ende März 2016 beim Kantonsgericht Luzern die Rückführung des Knaben nach Spanien. Nach Anhörung der Eltern und des Kindes ordnete das Kantonsgericht an, dass der Knabe zurück nach Spanien muss. Im August 2016 bestätigte das Bundesgericht diesen Entscheid des Kantonsgerichts und ordnete an, dass der Knabe am 20. August 2016 dem Vater übergeben wird.

Luzerner Polizei hält sich zurück

Die Übergabe scheiterte, nicht zuletzt, weil die Luzerner Polizei bereits im Vorfeld erklärt hatte, sich auf ein reines Beobachten der Situation zu beschränken. Zwei Tage später beantragte der Vater beim Kantonsgericht, die Luzerner Polizei sei mit dem sofortigen Vollzug der Rückführung zu beauftragen. Die Mutter beantragte, dieses Gesuch sei abzuweisen. Sie forderte gleichzeitig, dass der Rückführungsentscheid abgeändert und auf eine Rückführung des Knaben nach Spanien verzichtet wird. Sie verwies in diesem Zusammenhang auf den Wunsch des Knaben, der sich gegen die Rückführung ausgesprochen hatte. Das Kantonsgericht gab in der Folge ein Gutachten zum Willen und zur Reife des Knaben in Auftrag.

Reifer und überlegter Eindruck

Im Februar dieses Jahres wies das Kantonsgericht das Rückführungsgesuch des Vaters ab und entschied, dass der Knabe in der Schweiz bleiben darf. Das Bundesgericht hob diesen Entscheid im April 2017 auf und verlangte vom Kantonsgericht einen neuen Entscheid. Daraufhin hörte das Kantonsgericht den Knaben noch einmal an und entschied erneut, dass der Knabe nicht zum Vater nach Spanien muss. Diesen Entscheid hat das Bundesgericht jetzt unter Bezugnahme auf das Haager Übereinkommen zur Kindsentführung geschützt.

Es verweist in seinem Urteil darauf, dass die Ausgangslage heute eine grundlegend andere ist als vor einem Jahr. Denn der Knabe ist inzwischen beinahe zwei Jahre in der Schweiz, hat hier viele Freunde gewonnen, verzeichnet gute Noten in der Schule und äussert seit geraumer Zeit den konstanten Wunsch, in der Schweiz zu bleiben. Mehr noch: Er versucht diesem Wunsch Nachachtung zu verschaffen, indem er seit über einem halben Jahr die gerichtlich angeordneten Besuchskontakte zum Vater beharrlich verweigert und zu ihm auch auf anderen Kanälen – Telefon, Skype – keinen Kontakt pflegen will. Da der Knabe inzwischen elf Jahre alt ist, bei seiner Anhörung einen reifen und überlegten Eindruck machte und die Bedeutung und Tragweite einer allfälligen Rückführung nach Spanien einzuschätzen vermochte, ist auf seinen Willen abzustellen. Eine Manipulation seitens der Mutter vermochte das Bundesgericht nicht auszumachen.

Hinweis: Das Urteil im Wortlaut »