LEBENSRAUM: Städtebau auf dem Prüfstand

An welchen Orten in der Stadt Luzern fühlt man sich wohl – und wo nicht? Ein neues Buch geht dieser Frage auf den Grund.

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Hugo Bischof

In der Schweiz werde viel Wert auf ein schönes Zuhause gelegt. Dabei gehe die Wohnumgebung oft vergessen. Dies schreibt die Luzerner Raumplanerin Marlis Gander (47) in ihrem Buch «Aussenraum-Qualitäten/Aussenraum-Realitäten». Die ehemalige Projektleiterin Stadtentwicklung zeigt gute und weniger gelungene Aussenraum-Gestaltungen in der Stadt Luzern mit Schwerpunkt des Gebiets zwischen Bahnhof und Tribschen auf. Missglückt sei etwa der Strassen- und Trottoirraum am Inseliquai. Hier herrsche eine «beengende» Atmosphäre: «Der hohe Zeilenbau und der hohe, dichte Baumbestand in geringer Entfernung zur Häuserzeile verdunkeln den Aussenraum.» Das Trottoir sei viel zu schmal und zusätzlich durch mächtige Arkadensäulen zerschnitten. Das erzeuge ein «klaustrophobes Gefühl». Das Kreuzen zweier Menschen auf dem Trottoir sei schwierig. Die Umgestaltung des Gebiets Bahnhof–Alpenquai steht schon seit Jahren auf der Agenda der Stadt. Ein konkretes Projekt gibt es bisher aber nicht. Gemäss Marlis Gander wäre die Einrichtung einer Begegnungszone hilfreich – «das würde die zerschneidende Wirkung der Strasse mildern.» Sie empfiehlt, den Fussgängerbereich entlang der Häuserzeile zu verbreitern sowie den Carparkplatz und die dortigen dichten Hecken zu entfernen.

Die Ufschötti ist vorbildlich

Klar die beste Bewertung als Aussenraum erhält in Ganders Buch die Ufschötti. Diese sei ein «attraktives Naherholungsgebiet». Es biete «auf eine niederschwellige Art Aufenthalts- und Erholungsmöglichkeiten». Das Einzige, was fehle, seien angemessene sanitäre Einrichtungen, die das ganze Jahr über genutzt werden können. Wichtig wäre auch, «die Fusswegverbindung vom Bahnhof zur Ufschötti zu attraktivieren».

Auch die Tribschenstadt erhält gute Noten. Die Autorin wohnt mit ihrer Familie selbst hier. Dieses neue Quartier stehe «beispielhaft für eine durchmischte, lebendige Siedlung». Gander lobt die offenen, durchlässigen Aussenräume und die verkehrsfreien Gassen. Es gibt aber auch Negatives: «Die geometrische Strenge», verbunden mit fehlendem Grünraum, führe zu einem sterilen Gesamteindruck.

Hier sind einige weitere von Gander erwähnte Anschauungsbeispiele:

  • Wohnüberbauung Geissensteinring (Tribschenquartier, hinter dem Manor ) :Die Siedlung werde durch die hohen immergrünen Hecken gegen aussen regelrecht abgeschirmt, so Gander – «die Verweilqualität wird von der abweisenden Begrünung überschattet».Gander kritisiert auch den «Festungscharakter» dieser Siedlung: «Sie thront auf ihrem Tiefgaragensockel wie eine Burg.»
  • Rösslimattstrasse angrenzend an den Kreisel Werkhofstrasse :Der längliche, die Strasse begleitende Freiraum von öffentlichem Charakter beim Suva-Gebäude lade mit seinen Sitzgelegenheiten unter dem Blätterdach zum Verweilen ein. Es herrsche ein Gleichgewicht zwischen Raum für Autos und Raum für Fussgänger.
  • Vorzone EWL-Hauptgebäude Industriestrasse :Diese sei «unattraktiv», schreibt Gander. Sie empfiehlt, im Sinne einer aufenthaltsfreundlicheren Umgebung einige Sitzgelegenheiten aufzustellen und einige Parkplätze aufzuheben. Allerdings wird dieses Gebiet dank den neuen Überbauungen Industriestrasse und EWL ohnehin bald ein völlig neues Gesicht erhalten.
  • Grimselweg :Die «vollumfänglich von Autos beschlagnahmte» Innenhof-Situa­tion empfindet Gander als geradezu «deprimierend» – das sei umso unverständlicher angesichts der «an sich schönen Blockrandbebauung».

Qualität «enttäuschend tief»

Gesamthaft betrachtet sei die Qualität des Aussenraums in den beobachteten Gebieten «enttäuschend tief», folgert die Raumplanerin. Eine durchdachte Anordnung von Häusern und deren Zugängen zu den Strassen und Plätzen ist laut Gander «eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen, dass der Aussenraum genutzt wird». Denn guter Aussenraum begünstige Nachbarschaftsbeziehungen, wirke identitätsstiftend, lade zu Bewegung im Freien ein und erhöhe so Gesundheit und Wohlbefinden.

Marlis Gander: Aussenraum-Qualitäten/Aussenraum-Realitäten. vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich. 38 Franken. www.vdf.ethz.ch