Lehrabgänger stehen diesen Sommer vor einer ungewissen Zukunft

Von erhöhter Arbeitslosigkeit sind besonders Berufseinsteiger betroffen. Das werden auch die Jugendlichen spüren, die diesen Sommer in Luzern die Lehre abschliessen. Weniger problematisch ist derweil die Situation bei den Lehrstellen.

Julian Spörri
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Lernende packen an: Im Spezialitäten-Shop im Restaurant Bellini Locanda verkauft Florian Shkoza Tessiner Weine und Esswaren.

Lernende packen an: Im Spezialitäten-Shop im Restaurant Bellini Locanda verkauft Florian Shkoza Tessiner Weine und Esswaren.

Bild: Manuela Jans-Koch
(Luzern, 1. Mai 2020)

Wegen der Coronakrise können viele Betriebe aus finanziellen Gründen keine neuen Mitarbeiter anstellen. Davon betroffen sind auch die Jugendlichen, die die diesen Sommer aus der Lehre kommen. An einer Medienkonferenz sagte gestern Josef Widmer, stellvertretender Direktor des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation, dass viele Lehrabgänger Schwierigkeiten haben könnten, eine Stelle zu finden.

Karin Lewis, Leiterin Arbeitsmarkt bei WAS wira Luzern, hält fest:

«In Zeiten erhöhter Arbeitslosigkeit zeigte sich in der Vergangenheit, dass Berufseinsteiger sowie auch ältere Personen verstärkt von Arbeitslosigkeit betroffen waren.»

Bei den Lehrabgängern werde im Bewerbungsprozess häufig die fehlende Erfahrung als Absagegrund aufgeführt. «Da die Jugendlichen durch die Arbeitslosigkeit diese Berufserfahrung nicht sammeln können, ist dies entsprechend frustrierend.»

Typischerweise ist die Jugendarbeitslosigkeit im Sommer auch in anderen Jahren angestiegen. Grund dafür sei, dass der Markt mit ausgebildeten Lernenden geflutet werde, sagt Lewis. Spätestens nach einigen Monaten hätten in anderen Jahren aber die meisten eine Anstellung gefunden. «In welcher Form das auch in diesem Jahr der Fall ist und welche Wirkung die beschlossenen Lockerungsmassnahmen haben, werden die nächsten Wochen und Monate zeigen.» Jugendlichen ohne Arbeitsstelle rät Lewis, «möglichst jede Chance zu nutzen». Dazu zählen Zwischenlösungen, Jobs in verwandten Branchen oder das Berufspraktikum, bei welchem Lehrabgänger mit Unterstützung der Arbeitslosenversicherung während maximal sechs Monaten Berufserfahrung sammeln können.

Im Hotel Continental Park übernachten trotz Coronakrise Gäste – eine Lernende Hotelfachfrau bereitet das Zimmer vor.

Im Hotel Continental Park übernachten trotz Coronakrise Gäste – eine Lernende Hotelfachfrau bereitet das Zimmer vor.

Bild: Manuela Jans-Koch
(Luzern, 1. Mai 2020)

Betriebe bilden trotzdem neue Lernende aus

Für Lehrabgänger dürfte die Problematik besonders in jenen Wirtschaftssektoren gross sein, die stark unter den Folgen des Coronavirus leiden – etwa im Tourismus oder dem Gastgewerbe. «Nach Jahren eines ausgetrockneten Arbeitsmarkts besteht nun in der Branche bedingt durch das Coronavirus viel weniger Nachfrage nach ausgebildeten Mitarbeitenden», sagt etwa Alessandro Pedrazzetti vom Hotel Continental Park in Luzern. «Gleichzeitig suchen Lehrabgänger, wie alle Arbeitnehmer, finanzielle Sicherheit und wollen in der aktuellen Situation eher im Betrieb bleiben.»

«Auch wenn wir möchten, können wir als Familienunternehmen nicht alle Ausgebildeten behalten, weil wir wieder neue Lernende in den Abteilungen Küche, Service und Hotelfach ausbilden wollen.»

Das Hotel Continental Park werde ab Sommer gleich viele Lernende aufnehmen wie in den Vorjahren. «Es wäre falsch, einfach einen Jahrgang ausfallen zu lassen, denn es ist eine Investition in die Zukunft», begründet der Hotelier.

Dass Betriebe trotz Coronakrise gewillt sind, Lernende auszubilden, bestätigt Christof Spöring, Leiter der kantonalen Dienststelle für Beruf und Weiterbildung. Insgesamt ist die Anzahl der abgeschlossenen Lehrverträge bis anhin gleich hoch wie im Vorjahr. Es gibt aber Unterschiede zwischen den Branchen: Bei der Restauration und den Coiffeuren wurden mehr Lehrverträge unterzeichnet als zum selben Zeitpunkt im Jahr 2019. «Betriebe, die wegen des Lockdowns schliessen mussten, haben die Zeit genutzt, um Gespräche zu führen und Lernende einzustellen», stellt Spöring fest. Bei den Gesundheits- und Pflegeinstitutionen wurden dagegen bisher weniger Verträge unterzeichnet.

Florian Shkoza, Lernender Restaurationsangestellter im Hotel Continental Park, ordnet den Weinkeller.

Florian Shkoza, Lernender Restaurationsangestellter im Hotel Continental Park, ordnet den Weinkeller.

Bild: Manuela Jans-Koch
(Luzern, 1. Mai 2020)

Deutlich weniger Bewerbungen für Lehrstellen

In der Pflicht stehen nun auch die rund 900 Schülerinnen und Schüler, die noch ohne Lehrstelle sind. Seit dem 13. März hat das Lehrstellenportal Yousty eine deutliche Abnahme der Bewerbungen festgestellt. Spöring konstatiert:

«Viele Jugendliche hatten wohl den Eindruck, dass die ganze Welt still steht.»

Dabei gehe vergessen, dass ein überwiegender Teil der Betriebe nicht stillgelegt sei, so Spöring.

Zudem wurde die Lehrstellensuche erschwert, weil Schüler zu Hause weniger gut von Lehrpersonen unterstützt werden konnten. «Davon betroffen sind insbesondere schulisch Schwächere oder Jugendliche mit Migrationshintergrund, die wenig Unterstützung von Eltern erhalten», so Spöring. Derzeit bietet das Berufsinformationszentrum BIZ nur Fernberatungen an. Ab dem 11. Mai werden bei Bedarf wieder persönliche Beratungen an den Schulen durchgeführt.

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