Lehrstellenmarkt im Kanton Luzern: Jugendliche wollen Informatiker oder Pflegerin werden

Die Präferenzen von Lernenden ändern sich Jahr für Jahr. Bei Gesundheits- und Pflegeberufen ist der Wandel besonders ausgeprägt.

Fabienne Mühlemann
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91 Jugendliche starteten 2018 im Kanton Luzern eine Informatikerlehre.

91 Jugendliche starteten 2018 im Kanton Luzern eine Informatikerlehre.

Bild: Getty

Der Lehrstellenmarkt in der Schweiz hat sich zwischen 2010 und 2018 stark verändert, wie Zahlen des Bundesamtes für Statistik zeigen. So boomen heute Lehren in den Bereichen Betreuung, Gesundheit und Informatik. Weniger Lehranfänger gibt es im Vergleich zu 2010 bei den Coiffeuren und Kosmetikern sowie in der Nahrungsmittelbranche und im Gastgewerbe. Auch im Kanton Luzern sind diese Trends ersichtlich. Laut Christof Spöring, Leiter der Dienststelle Berufs- und Weiterbildung des Kantons Luzern, schwingen seit Jahren immer die gleichen Berufe obenaus. Allerdings zeigt die Auswertung unserer Zeitung, dass die Vorlieben der Jungen heute noch deutlicher zum Ausdruck kommen. Kaufmann/frau EFZ etwa zählt weiterhin zu den beliebtesten Berufen – und verzeichnet einen Anstieg im Vergleich zu 2010.

Auch Lehren im Gesundheitsbereich wie Medizinischer Praxisassistent und Notfallsanitäter oder Lehren im Bereich Betreuung sind noch beliebter geworden (siehe Tabelle). Aber was macht diese Lehren so attraktiv? «Es sind Zukunftsberufe. Die Chance ist gross, dass man sie langfristig ausüben kann», sagt Spöring. Der Bedarf an neuen Kräften in diesen Berufen ist gross. Die Lebenserwartung wird immer höher, die Babyboomer gehen in Pension, der medizinische Fortschritt ermöglicht ein längeres Leben. «Wir werden in den nächsten 20 Jahren einen massiven Betreuungsbedarf haben», sagt Spöring. Beliebt seien Berufe in der Pflege aber auch, weil es eine befriedigende Aufgabe sei, hilfsbedürftige Menschen zu begleiten. Das entspreche dem Grundbedürfnis vieler Menschen.

Nach wie vor sind die Frauen in der Pflege klar in der Überzahl. Man versuche zwar, mehr Männer zu begeistern. «Ein steigender Trend ist aber nicht absehbar», sagt Spöring. Berufe, die Männer häufiger ausüben, finden sich im Bereich Informatik. Laut dem Kanton Luzern übersteigt die Nachfrage jedoch die Anzahl Lehrstellen. Gemäss dem nationalen Berufsverband ICT Berufsbildung Schweiz braucht es im ganzen Land bis ins Jahr 2026 zusätzlich 40'000 Arbeitskräfte im Bereich Informatik. Es zeichnet sich also ein krasser Mangel ab.

Gesucht: Berufsbildner für Informatiklehrlinge

Roger Erni, Geschäftsführer von ICT Berufsbildung Zentralschweiz, erklärt diesen Mangel. Gerade im Applikationsentwicklungsumfeld brauche es Zeit, bis die Lernenden die «Sprache» erlernen und produktiv eingesetzt werden können. «Das Schaffen von Lehrstellen ist ein fünf- bis zehnjähriges Projekt. Es braucht daher empathische Berufsbildner, die sich dafür engagieren. Solche hat es noch zu wenig», sagt der Krienser FDP-Einwohnerrat. Erni plädiert daher dafür, dass Grundlagen der «Informatiksprache» bereits in der Sekundarschule erlernt werden.

«Ähnlich den Fächern Französisch oder Englisch, braucht es Applikationssprachniveaus, damit nicht alles im Betrieb erlernt werden muss.»

Ein gutes Instrument sei das einleitende Basislehrsemester. Dort übernimmt eine Institution den Start der Lehre. «Unser Basislehrjahr Informatik, welches wir vor drei Jahren eingeführt haben, ist ein voller Erfolg.» Gestartet mit drei Partnern (CSS, Calida und Komax), seien es heute neun – eine Verdreifachung in drei Jahren. Erni weist daraufhin, dass sein Verband noch nicht die gleiche Macht habe wie jener der Schreiner oder der Kaufleute. Die grösste Konkurrenz der Informatiklehre ist übrigens die Kantonsschule, wie Erni erklärt. «Firmen wünschen sich als Informatiklernende häufig Niveau-A-Schüler.» Solche Schüler, die keine Informatiklehrstelle fänden, würden als Plan B an die Kanti gehen.

Die Wirtschaft hat noch Hausaufgaben zu erledigen

Ein gegensätzliches Problem muss der Lehrgang Coiffeur EFZ bewältigen. Dort nimmt das Interesse an Lehrstellen laut Zahlen des Bundesamtes für Statistik ab. «Das ist ein allgemeines Problem der gewerblichen Berufe», sagt Christof Spöring. Coiffeure hätten ein Imageproblem. Man habe lange Arbeitszeiten und verdiene nicht so viel. In der Tat ist bei Frauen die Coiffeuse EBA mit 500 bis 700 Franken im letzten Lehrjahr der am schlechtesten bezahlte Beruf (wir berichteten). Auf den Lohn angesprochen, sagte damals Mirjam Blättler-Ambauen, Präsidentin der Zentralschweizer Sektion von Coiffeur Suisse: «Die Ausbildung ist sehr zeitintensiv. Bis Lernende voll eingesetzt werden können, dauert es bis zum Ende der Lehrzeit.» Mit ein Grund für den Rückgang seien auch die rückläufigen Schülerzahlen. Blättler ist überzeugt: «In den kommenden Jahren gibt es wieder mehr Abgänger.»

Während es also in den Bereichen Betreuung und Gesundheit rund läuft, haben andere Berufe zu kämpfen. Christof Spöring appelliert an die Wirtschaft: «Die Betreuungsberufe sind zum grossen Teil staatlich oder durch die Bevölkerung finanziert.» Das sei zwar gut, aber auf der anderen Seite müsse man auch die Berufe fördern, die mit der Produktion von Gütern Mehrwerte schaffen.

«Das ist eine notwendige Investition. Hier hat die Wirtschaft noch Hausaufgaben zu erledigen.»