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Bettwanzen: Hündin Leni spürt unliebsame Souvenirs auf

Seit einem Jahr ist Nadine Graage mit ihrer Hündin im Einsatz gegen lästige Blutsauger, die oft als blinde Passagiere aus den Ferien mitgebracht werden: Bettwanzen. Beim Training in einem Luzerner Hotel zeigt Leni, was sie kann.
Carmen Epp
Hat eine besonders feine Nase: Spürhündin Leni. (Bild: Boris Bürgisser, Weggis, 16. Mai 2019)

Hat eine besonders feine Nase: Spürhündin Leni. (Bild: Boris Bürgisser, Weggis, 16. Mai 2019)

Wellen schlagen gemächlich an die Mauer der Hotelterrasse, unter der Pergola sonnen sich Gäste in T-Shirts. Während am Vierwaldstättersee zum ersten Mal in diesem Jahr Ferienstimmung aufkommt, suchen Nadine Graage und Hündin Leni im Seehotel Gotthard in Weggis nach Souvenirs der unangenehmen Art: Bettwanzen.

«Die flügellosen Insekten verstecken sich tagsüber in kleinsten Ritzen, um nachts Blut von Menschen zu saugen», erklärt die 37-Jährige auf dem Weg zum Hotellift. Ist ein Wirt, am liebsten ein Mensch, vorhanden, gönnt sich eine ausgewachsene Bettwanze einmal pro Woche eine Blutmahlzeit. «Schlimmstenfalls kommt sie aber auch bis zu 40 Wochen ohne Nahrung aus», fügt die Hundehalterin an. Da ein Weibchen pro Woche bis zu 25 Eier legen kann, vermehren sich die Parasiten rasant. Und durch die hohe Mobilität der Menschen, die die Bettwanzen unbewusst als blinde Passagiere im Gepäck, an Kleidern oder in Möbel mitführen, sind die Schädlinge weltweit auf dem Vormarsch – auch in der Schweiz (siehe Kasten unten).

Lenis Hundenase ist zu Höchstleistungen fähig

Vor einem Hotelzimmer im zweiten Stock angekommen, legt Graage Leni ein oranges Tuch um den Hals, darauf das Wort «Spürhund» gestickt. Damit weiss die Hündin, was zu tun ist. Die Arbeit ruft – und das bedeutet für sie: Bettwanzen aufspüren. Im Hotelzimmer verschafft sich Leni zunächst einen Überblick, indem sie die Umgebung mit ein paar tiefen Schnaufern geruchlich grob abcheckt. Graage erklärt:

«Anders als wir Menschen können Hunde stereo riechen. Sie erkennen also, aus welcher Richtung ein Geruch kommt.»

Mit dieser ersten Information in der Nase geht Leni nun gezielt auf die Suche.

Während sie unter Anleitung von Frauchen an der Bettkante entlang schnüffelt, dreht Lenis Nase zu hörbarer Höchstleistung auf. Bis zu 300 Mal atmen Spürhunde pro Minute ein und aus, senden so unzählige Informationen an die bis zu 220 Millionen Riechzellen. Da kann der Mensch mit gerade mal 5 Millionen Geruchsrezeptoren nur zusehen und staunen. Keine Minute später bleibt Leni stehen, ihre Nase an die Bettkante gedrückt, die Rute schwenkt sanft hin und her. An der Haltung ihrer Hündin erkennt Frauchen: Leni zeigt gerade einen Fund an. «Good Girl!», sagt sie und kramt ein paar Leckerli aus dem umgeschnallten Beutel.

Nadine Graage beim Übungseinsatz mit ihrer Bettwanzenspürhündin Leni. (Bild: Boris Bürgisser, Weggis, 16. Mai 2019)

Nadine Graage beim Übungseinsatz mit ihrer Bettwanzenspürhündin Leni. (Bild: Boris Bürgisser, Weggis, 16. Mai 2019)

Glücklicherweise sind es nicht frei lebende Bettwanzen, die Leni soeben aufgespürt hat. Das Seehotel Gotthard stellt sich den beiden regelmässig als Übungsgelände zur Verfügung. Dabei lässt die Halterin verschiedene Röhrchen mit in England gezüchteten Bettwanzen verstecken, um sie mit Leni zu suchen. So halten sich Hündin und Frauchen fit für die Ernsteinsätze.

Dass sich die Border-Collie-Mischlingshündin als Spürnase eignet, habe sie schon früh gemerkt, erzählt die Hundehalterin. 2012 mit ihrem Partner und ihrem Hund Leo von Norddeutschland nach Luzern gezogen, holte Graage drei Jahre später Leni zu sich. «Sie war schon als Welpe recht triebig und neugierig», erinnert sie sich. «Angeleitete Nasenarbeit entsprach also ihrem Typ.» Auf der Suche nach einer artgerechten Beschäftigung wurde ihr von einer Freundin empfohlen, Leni zum Schimmelspürhund ausbilden zu lassen – nach ihrem Architektur-Studium mit Schwerpunkt auf Sanierungen ein nahe liegender Vorschlag. Durch einen Zufall erfuhr sie dann von der Bettwanzen-Spürhunde-Ausbildung und entschied sich dafür.

Während anderthalb Jahren reiste Graage einmal pro Monat für ein Wochenende in die Nähe von Lörrach, um sich und Leni dort ausbilden zu lassen. Nach einer theoretischen und praktischen Prüfung in einem Hotel im Juni 2018 durch externe Personen von der internationalen Bed Bug Foundation ist Leni in offizieller Mission in der ganzen Schweiz unterwegs.

90-prozentige Sicherheit, ob und wo es Bettwanzen hat

Dabei kommt sie auf verschiedenen Wegen zu Aufträgen: Zum einen lassen Schädlingsbekämpfer aus der Region den Verdacht auf Bettwanzen von ihr und Leni abklären. So weiss der Betroffene mit 90-prozentiger Sicherheit nicht nur, ob, sondern auch, wo es sich die Bettwanzen schon gemütlich gemacht haben. «Ist nur ein Möbelstück oder ein einzelnes Zimmer befallen, reicht es, nur das zu behandeln. Das spart Ärger und Geld.» Zum anderen gelangen aber auch viele mit dem Verdacht auf Bettwanzen direkt an sie, erzählt Graage. Oft seien dies Privatpersonen, die juckende Stiche – meist in Form einer Reihe, «Wanzenstrasse» genannt – bemerkt haben. Dann gilt für die Betroffenen zunächst: abwarten, bis Leni kommt. Vom Griff zum Insektenspray rät die Expertin ab: «Damit erreicht man höchstens, dass sich die Wanzen noch mehr verteilen. Gegen Gift sind die Tiere nämlich längst immun.» Stellt Leni einen Befall fest, empfiehlt Graage, einen Schädlingsbekämpfer kommen zu lassen. Der macht den lästigen Tieren mit extremer Hitze oder Kälte den Garaus.

Ein eingespieltes Team: Nadine Graage und Leni. (Bild: Boris Bürgisser, Weggis, 16. Mai 2019)

Ein eingespieltes Team: Nadine Graage und Leni. (Bild: Boris Bürgisser, Weggis, 16. Mai 2019)

Während ihren Einsätzen legt Graage grossen Wert auf Diskretion. So zeigt Leni einen Bettwanzenfund passiv an, also ohne Bellen oder Kratzen. Und sowohl ihre Arbeitskleidung als auch ihr Auto hält die Hundehalterin bewusst neutral. «Viele Leute schämen sich, wenn sie Bettwanzen haben.» Für sie als Expertin unverständlich. «Schliesslich hat ein Befall nichts mit mangelnder Hygiene zu tun und kann jeden treffen.» Da gelte es noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten. So ist Leni in gewisser Weise stets in doppelter Mission im Einsatz: als Spürhündin zum einen, und als Botschafterin gegen die Tabuisierung des Themas und für die Prävention zum anderen. «Vorsorge ist besser als Nachsorge», ist Graage überzeugt – und hat dabei vor allem Hotels im Visier. Statt erst bei Reklamationen von Gästen zu reagieren, empfiehlt sie Hotels, ihre Zimmer regelmässig präventiv untersuchen zu lassen. So, wie es das Seehotel Gotthard in Weggis zu Übungszwecken tut. «Nur so kann der Bestand von Bettwanzen auf Dauer eingedämmt werden.»

Zu Übungszwecken sucht Leni solche Röhrchen mit Bettwanzen. (Bild: Boris Bürgisser, Weggis, 16. Mai 2019)

Zu Übungszwecken sucht Leni solche Röhrchen mit Bettwanzen. (Bild: Boris Bürgisser, Weggis, 16. Mai 2019)

Leni ahnt vor ihrer wichtigen Aufgabe nichts. Sie arbeitet in erster Linie für den wohligen Klang von «Good Girl!» und die damit verbundenen Leckerli. Damit der Spass für die Hündin im Vordergrund bleibt, beschränkt Graage Lenis Einsätze auf einen pro Tag. Vor anderthalb Jahren hat die Hündin einen Wurf Welpen zur Welt gebracht, von denen Graage zwei behalten hat. Nun bildet sie die Nachwuchstalente ebenfalls zu Bettwanzenspürhunden aus. Meistern auch Lila und Buck die anspruchsvolle Prüfung, können Leni und ihr Frauchen schon bald auf Unterstützung zählen im Kampf gegen die unliebsamen Blutsauger.

Mehr Infos unter: www.sniffles.ch

Sieh einmal die Wanze an

(eca) Bettwanzen ähneln optisch einem Apfelkern, sind im ausgewachsenen Stadium 4 bis 6, vollgesogen fast 10 Millimeter lang, flach und rotbraun. Im Laufe ihres Lebens macht eine Bettwanze fünf Nymphenstadien durch. In jedem Stadium benötigt sie mindestens eine Blutmahlzeit, um sich weiter zu entwickeln. Da sie bei Zimmertemperatur durchschnittlich eine Blutmahlzeit pro Woche zu sich nimmt, entwickelt sich die Bettwanze innert sechs Wochen vom ersten Nymphenstadium zum erwachsenen Parasiten. Bettwanzen ernähren sich vorzugsweise von menschlichem Blut, weniger von dem unserer Haustiere. Als Ektoparasiten leben sie nicht auf, sondern von ihrem Wirt, sind nur zur Nahrungsaufnahme direkt am Menschen. Angezogen werden sie durch die Körperwärme und den höheren CO2-Ausstoss in der Tiefschlafphase des Menschen, sodass sich die Parasiten jeweils in dessen Nähe aufhalten, also etwa am Bett, in der Matratze, am Nachttisch und so weiter. Da sie meist von der Matratze aus zusticht und dabei eine geeignete Stelle sucht, treten Bettwanzenstiche oft in einer Reihe auf. Jeder Mensch reagiert anders, manche erst bis zu zwei Wochen später, auf die Stiche – mit juckenden Schwellungen über Pusteln bis hin zu Nesselfieber. 20 Prozent aller Gestochenen zeigen gar keine Reaktionen. Weitere Hinweise auf einen Befall liefern Häute oder der Kot der Bettwanzen. Letzterer tritt in Form von kleinen, schwarzen, tintenähnlichen Punkten auf, die meist am Bettgestell, auf der Matratze oder in Bettnähe gefunden werden.

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