LESUNG: Sie holt Venedig nach Luzern

Die menschliche Gier steht im Zentrum von Donna Leons neuem Roman. Gestern las die Erfolgsautorin im ausverkauften Luzerner Theater.

Lena Berger
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Eine der bekanntesten amerikanischen Autorinnen vor dem bekanntesten Luzerner Wahrzeichen: Donna Leon vor dem Wasserturm.

Eine der bekanntesten amerikanischen Autorinnen vor dem bekanntesten Luzerner Wahrzeichen: Donna Leon vor dem Wasserturm.

Die Bücher von Donna Leon sind mehr als nur Krimis. Ihre Geschichten sind eine Hommage an die italienische Lebensweise – und gleichzeitig bieten sie Einblicke in psychische Abgründe, politische Seilschaften und mörderische Kaltblütigkeit. In ihrem neuen Roman «Tierische Profite» gelingt es der Bestseller-Autorin einmal mehr, die menschliche Gier zu entlarven. Wie immer sind die Schauplätze der Geschichte akribisch recherchiert. Und so ist auch das neue Buch über Commissario Guido Brunetti für die Leser eine Kopfreise durch die Gassen Venedigs. Die 70-jährige Amerikanerin mutet ihren Lesern aber auch einige unappetitliche Wahrheiten zu. Es geht um fleischliche Sünden, die mit sexueller Leidenschaft nichts zu tun haben.

Fast ein Heimspiel

Ihre Fans lassen sich davon allerdings nicht abschrecken. Im Gegenteil: Das Luzerner Theater, wo Leon gestern ausgewählte Szenen aus ihrem Buch zum Besten gab, war bis auf den letzten Platz ausverkauft. «Ich bin gefühlte 100 Jahre nicht mehr hier gewesen. Aber es ist wunderbar», rief die Amerikanerin begeistert aus, als sie zwei Stunden vorher am Luzerner Bahnhof aus dem Zug stieg. Obwohl seit ihrem letzten Besuch als Touristin immerhin dreissig Jahre vergangen sind, schien sie sich sofort zu Hause zu fühlen, als sie Richtung See zum Luzerner Theater lief. Kein Wunder – muss sie der hohe Pegelstand doch an die Kanäle ihrer Wahlheimat Venedig erinnert haben. Das hohe Wasser, Acqua alta, kennt sie von dort nur zu gut. Ihr fünftes Brunetti-Buch trägt sogar diesen Titel.

Als die Autorin für die Fotografin kurz vor der Lesung vor der Kapellbrücke mit Blick aufs Wasser posierte, geriet sie richtig ins Schwärmen: «Der See und die Berge. Luzern ist wirklich eine magische Stadt.» Wie bestellt stimmte in diesem Moment ein Jodelchor auf der anderen Reussseite ein Lied an. «Jetzt bin ich definitiv in der Schweiz angekommen!», lachte Leon.

Zum Nachdenken anregen

Für die gestrige Lesung strömten Fans aus der ganzen Schweiz nach Luzern. «Wenn man Donna Leon gelesen hat und Venedig besucht, wird man das Gefühl nicht los, Guido Brunetti könnte jederzeit um die Ecke kommen», fasste Besucherin Sonja Rogger ihre Begeisterung zusammen. Und Donna Leon enttäuschte sie wohl nicht: Sie beging die Lesung mit Humor und Charme. Engagiert erzählte sie von der Entstehung ihres neusten Werks und las Passagen daraus in Englisch vor. So verriet sie unter anderem, dass sie zu dem Buch von einem Mann inspiriert wurde, der in einem Schlachthaus als Gesundheitsinspektor arbeitet. Er entscheide, welche Tiere zum Verzehr geeignet seien und welche nicht. Offenbar ein gefährlicher Job: Denn er habe bei ablehnenden Entscheiden schon Morddrohungen erhalten. Und deshalb habe sie intensiv über die Fleischproduktion recherchiert. Heute sagt sie zum Beispiel über amerikanisches Rind: «Diese Tiere werden krank geboren, wachsen krank auf, werden mit Antibiotika voll gestopft und dann gegessen.» Für ihre Recherche selbst ein Schlachthaus zu besuchen, das wäre ihr zu viel gewesen. «Ich habe ein Video davon auf Youtube gesehen. Nach drei Minuten musste ich ausschalten.»

Donna Leon ist seit Jahren Vegetarierin. Dennoch sei das Buch nicht missionarisch, fand sie. «Mein Ziel ist vielmehr, dass sich die Leute bewusst sind, was sie essen.»

Die Übersetzung der Publikumsdiskussion übernahm die Schauspielerin Annett Renneberg – sie ist den Fans bekannt, weil sie in den Brunetti-Filmen die Signorina Elettra gespielt hat.