LFK-EMPFANG: Es hagelte 1000 Mails für den Regierungsrat

«Jubiläum» für einen der berüchtigsten Lozärner Fasnachtsanlässe: Vor zehn Jahren gab es nach den Frauenwitzen des Regierungsrats Daniel Bühlmann einen öffentlichen Gewittersturm.

Jérôme Martinu
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Regierungsrat Daniel Bühlmann und Stadtrat-«Bodyguard» Ruedi Meier (2006). (Bild: Boris Bürgisser (Neue LZ) (Neue Luzerner Zeitung))

Regierungsrat Daniel Bühlmann und Stadtrat-«Bodyguard» Ruedi Meier (2006). (Bild: Boris Bürgisser (Neue LZ) (Neue Luzerner Zeitung))

Jérôme Martinu

Ein Erdbeben ging durch das politisch-gesellschaftliche Luzern. Der traditionelle Empfang des Lozärner Fasnachtskomitees (LFK) Ende Januar 2006 war mit seinen Reden und Sketches wie gewohnt im Stadtluzerner Saal der Maskenliebhaber (MLG) im Süesswinkel über die Bühne gegangen. Dieser sogenannte Herrenabend – er findet auch heute Abend wieder statt – ist seit Jahrzehnten berühmt-berüchtigt für scharfe, zotige, politische, gute und schlechte Ansprachen, vorgetragen von den Meistern der Zunft zu Safran, Maskenliebhabern, Fidelitas, Wey-Zunft sowie Ehrengästen aus Politik und Gesellschaft.

Am Montag, 23. Januar, berichtete unsere Zeitung: «Luzerner Regierungsrat verspottet Frauen.» Was war passiert? Regierungsrat Daniel Bühlmann (SVP) vertrat die eingeladene Kantonsregierung und hielt eine komödiantische Büttenrede, die auch mit Frauenwitzen gespickt war. Im MLG-Saal setzte es grossen Beifall. «Noch niemand konnte mir vernünftig sagen, was Frauen in der Politik verloren haben – oder überhaupt im Berufsleben», erzählte Bühlmann etwa. Oder: «Man sollte nur eine schöne Frau heiraten – das ist die einzige Chance, dass man sie wieder los wird.»

Stadtrat Meier brach Rede ab

Buhrufe gabs stattdessen für den ebenfalls geladenen und als Bodyguard verkleidet am Anlass erschienenen Stadtrat Ruedi Meier (Grüne; er brach seine Rede ab). Wissen muss man: Die Einladungen gehen jeweils an Gesamtregierung und -stadtrat. Die Kollegien bestimmen autonom, wen sie zum LFK delegieren.

Mit der Berichterstattung brach ein öffentliches Protestgewitter los. Schon am Dienstag bat Bühlmann im Zeitungsinterview um Entschuldigung, «sollten sich Frauen durch die Berichterstattung in den Medien verletzt fühlen». Und der Gesamtregierungsrat teilte mit, er habe «Verständnis für die negativen Reaktionen auf die Berichterstattung der ‹Neuen Luzerner Zeitung›. Er kann nachvollziehen, dass die Äusserungen von Regierungsrat Daniel Bühlmann von Teilen der Öffentlichkeit als beleidigend und verletzend empfunden wurden.»

Mit Männer-Masken im Parlament

Die Quittung für Bühlmanns «mea culpa» war nicht etwa eine Beruhigung der Lage. Das Grüne Bündnis forderte mittels Vorstoss, dass die Regierung dem Finanzdirektor das Personaldossier wegnehme. Später legte die SP mit einer Interpellation nach. Beide Vorstösse blieben im Grossen Rat ohne Folgen. In jener Parlamentssitzung am 13. Februar 2006 protestierten Grossrätinnen von SP und Grüne stumm mit aufgesetzten Männer-Fasnachtsmasken.

Daniel Bühlmann kann heute mit einem gewissen Amusement auf die Geschehnisse zurückblicken. «Damals war es aber natürlich alles andere als angenehm», erinnert er sich. Er habe sich im Vorfeld zwar informieren lassen, habe als Nicht-Fasnächtler die ganze Übungsanlage wohl aber zu wenig präzis eingeschätzt – «zumal es im Vorfeld hiess, es seien keine Medien anwesend». Und dass seine Rede auch einen roten Faden gehabt habe, der ironisch auf die Männerzünfte, -gesellschaften und auch auf ihn selber gezielt habe, sei im medialen Gewitter untergegangen. Für ihn ist klar: «Im Vergleich zu anderen Reden, auch von Regierungsräten in dieser Runde, war ich noch harmlos. In der öffentlichen Debatte spielten dann ganz klar auch politische Angriffe eine grosse Rolle, die auf die SVP als neue Regierungsratspartei zielten.»

Es hagelte Leserbriefe

Höhepunkt war die Anfrage der ARD-Talkshow «Sabine Christiansen». Deren Redaktion lud den SVP-Regierungsrat ein für eine Diskussion über Frauen in Führungspositionen. «Mir war klar, dass mit mir eine Rolle besetzt werden sollte. Darum bat ich meine Sekretärin, dort anzurufen und abzusagen mit der Begründung, ich nähme prinzipiell nie an Talkshows teil, die von Frauen geleitet würden. ‹Den müssen wir haben!›, tönte es aus dem Telefonlautsprecher. Ich übernahm dann das Gespräch und erklärte freundlich, dass das eben gerade nicht meine Einstellung sei.»

Daniel Bühlmann, der heute als Leiter Projektentwicklung beim Bauunternehmen Losinger-Marazzi AG arbeitet, verrät: «Rund 1000 E-Mails und Briefe hatte ich erhalten. Dreiviertel waren negativ. Und ich habe alle beantwortet, die nicht unter der Gürtellinie waren.»

Weiter hagelte es Leserbriefe: Voll auf den Mann – grossmehrheitlich setzte es darin teils massive Kritik an Bühlmann. Etwa so: «Nichts gegen lustige Herrenabende, aber was sich Bühlmann mit seinen verletzenden Äusserungen erlaubt hat, ist unter aller Würde.» Viele Absender nutzten die Gelegenheit auch für Kritik an der SVP. Heute, 10 Jahre später, fällt bei der Lektüre der Leserbriefe auf, welch geringe Rolle der fasnächtliche Kontext bei den Argumentationen spielte. Nur ein paar wenige Stimmen plädierten für Augenmass.

«Früher viel deftiger»

Urs Märchy ist seit vier Jahren Präsident der Altherren, der Vereinigung der LFK-Ehemaligen. Seit rund 20 Jahren an Herrenabenden, sagt er überblickend: «Früher ging es viel deftiger zu. Ich stelle allgemein einen gewissen Kulturwandel fest. Das intelligente und witzige gegenseitige Anzünden und Hochnehmen – das sind auch Komplimente! – hat leider abgenommen.» Ehrengäste aus der Politik gehörten zur Luzerner Fasnacht, das sei auch eine Art Ehrenbezeugung für die ehrenamtlichen Helfer. Scharfe Brandreden der Gäste würden zwar mit Begeisterung honoriert, «aber das muss nicht jeder bieten, und es hat auch nicht jeder das Talent dafür».

Der ehemalige Luzerner Regierungsrat Ueli Fässler (siehe auch Kasten) ist bekannt für sein Redetalent und war regelmässig Gast bei den Huerenaffe (letztmals 2008). Er verteidigte in den Tagen der Affäre Bühlmann die Ventilfunktion der Fasnacht. Aber: «Ziel darf nicht allein der grosse Jubel sein. Fasnacht darf frech sein, aber es braucht ein gewisses Niveau.»

Medien ausgeladen

Übrigens: Sechs geschlagene Jahre dauerte es, bis sich nach Bühlmanns Auftritt wieder ein Regierungsrat zu den Huerenaffe wagte. 2012 war mit Reto Wyss wieder einer dort. Und seit 2014 findet der Anlass unter Ausschluss der (medialen) Öffentlichkeit statt.

Ueli Fässler «sammelte» Auftritte

Der Blick ins (Zeitungs-)Archiv offenbart so manche Episode aus der Geschichte der LFK-Herrenabende. Über noch viel mehr Auftritte und Reden ist aber auch fasnächtlich grosszügig der Mantel des Schweigens gelegt worden.

1983: Nackte Tatsachen

Interessant: Der Auslöser dafür, dass der LFK-Empfang zum Herrenabend wurde, war eine mediale Berichterstattung. Im «Luzerner Tagblatt» stand im Februar 1982: «Es ist jeweils bedauerlich, wenn männliche Gesellschaften in Abwesenheit der Frauen nichts anderes zu tun wissen, als diese zu Lustobjekten zu degradieren.» Die junge Journalistin hatte dergestalt einen Auftritt von Männern in kurzen Röcken und ohne Unterwäsche kommentiert. Die öffentliche Kritik fuhr LFK-Mitgliedern derart ein, dass in der Folge die Veranstaltung 1983 zum Herrenabend erklärt wurde, wie der inzwischen verstorbene Journalist Peter A. Meyer einst ausführte. Freilich, sklavisch hielt man sich bis heute nicht an diese Regelung. Und so standen auch schon Regierungsrätin Yvonne Schärli oder Stadträtin Ursula Stämmer als Ehrengäste am Rednerpult.

1997: Zielscheibe Urs W.

Die Stadtpräsidenten-Kampfwahl war noch kein Jahr her und Urs W. Studers damit verbundener Austritt aus der Liberalen Partei bei den mehrheitlich liberal-bürgerlichen LFK-Mitgliedern präsent. Studer musste sich einigen Spott und derbe Sprüche anhören. Der neue Stapi nahms gelassen: «Liebi Politik-gschädigti Huerenaffe, mer wössid, dass d Politiker domm send, sehr domm sogar. Aber s Schlemmschte esch, sie mönd üs das emmer weder zeige.» Studer erntete den grössten Applaus des Abends.

1998: Uriella Fässler tritt auf

Wir haben nicht präzis gezählt. Aber der liberale Regierungsrat Ueli Fässler war wohl derjenige Exekutivpolitiker mit den meisten Herrenabend-Auftritten. Der Polizeidirektor schlüpfte dabei gerne auch mal in ein Frauenkostüm, etwa 1998: Fässler musste sich einiges anhören am LFK-Empfang, da er am Aschermittwoch im Vorjahr eine (auch medial verbreitete) Episode mit «einigen Zehntelpromillen zuviel und einer Frau am Steuer» produziert hatte. Fässler stürmte als Frau mit Holzmaske und Steuerrad in der Hand den Saal – das trug ihm prompt den Namen Uriella Fässler ein. Er reimte in unmissverständlicher Anspielung auf die Sex-Eskapaden des damaligen US-Präsidenten: «Illi hätt es schrecklich gern, Clinton selbst käm nach Luzern. Drum hat er ganz ganz schnelle, eröffnet ein, zwei, drei Bordelle.»

1999: Stadträtin inkognito

Nach Uriella stand Regierungsrat Fässler wiederum als Frau am Rednerpult, diesmal als Bärner Wyb und Bundesratskandidatin Ulrike. Für viel mehr Gschnorr sorgte indes eine Serviertochter. Zunächst wusste kaum einer, wer unter der blonden Perücke steckte. Später dann des Rätsels Lösung: Da der als Ehrengast geladene städtische Finanzchef Franz Müller passte, sprang an seiner Stelle Stadträtin Irene Hartmann ein als Serviceangestellte Franziska Müller. Sie fragte, ob die Ehrenfeste nicht eher als Trinkfeste angeredet werden sollten.

1998 geht Stadträtin Irene Hartmann als blonde Serviertochter an den Herrenabend. (Bilder Archiv LFK/Heinz Steimann)

1998 geht Stadträtin Irene Hartmann als blonde Serviertochter an den Herrenabend. (Bilder Archiv LFK/Heinz Steimann)

Regierungsrat Ueli Fässler verkleidet sich 1999 als Bundesratskandidatin Ulrike. (Bild: Boris Bürgisser/ Neue LZ)

Regierungsrat Ueli Fässler verkleidet sich 1999 als Bundesratskandidatin Ulrike. (Bild: Boris Bürgisser/ Neue LZ)

Regierungsrat und König Guido I. Graf tauchte im Jahr 2013 auf01 (Bilder Archiv LFK/Heinz Steimann)

Regierungsrat und König Guido I. Graf tauchte im Jahr 2013 auf01 (Bilder Archiv LFK/Heinz Steimann)