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KV-Lehre: Der Lieblingsberuf der Jungen ist gefährdet

715 Jugendliche haben im August im Kanton Luzern eine KV-Lehre begonnen, trotz Gefahren durch die Digitalisierung. Derweil gibt es für Informatiker zu wenige Lehrstellen.
Julian Spörri
Gute Perspektiven, aber zu wenige Lehrstellen. Der Kanton Luzern fordert, dass die Wirtschaft mehr Informatiker ausbildet. Bild: Getty

Gute Perspektiven, aber zu wenige Lehrstellen. Der Kanton Luzern fordert, dass die Wirtschaft mehr Informatiker ausbildet. Bild: Getty

Im Kanton Luzern wurden bis im August 4799 Lehrverträge unterzeichnet. Diese verteilen sich auf 2729 Männer und 2070 Frauen. Rund 700 Personen stammen aus den umliegenden Kantonen, wie den von der Luzerner Staatskanzlei letzte Woche publizierten Zahlen zu entnehmen ist. Bei der Berufswahl zeigen sich vier Auffälligkeiten:

1. Ungewisse Zukunft für das beliebte KV

Der Andrang auf die Lehrstellen im kaufmännischen Bereich ist ungebrochen gross: Dieses Jahr lassen sich knapp 15 Prozent aller Lehrlinge zum Kaufmann oder zur Kauffrau ausbilden. Christof Spöring, Leiter der Dienststelle Berufs- und Weiterbildung des Kantons Luzern, sagt: «Die kaufmännische Ausbildung ist im Kanton Luzern seit Jahren der Spitzenreiter. Diese breite Berufsbildung ist für viele attraktiv, weil sie Möglichkeiten in verschiedenen Bereichen wie Finanzen, Marketing oder Management öffnet.» Spöring will aber nicht Werbung für die kaufmännische Ausbildung machen. Denn diese sei im Zuge der Digitalisierung grossen Veränderungen unterworfen.

Dieser Auffassung ist auch Ursula Flaig vom Beratungs- und Informationszentrum Bildung und Beruf (BIZ) in Luzern: «Die Arbeit eines guten Handwerkers kann man nicht durch Computer ersetzen. Im kaufmännischen Bereich wird die Digitalisierung aber deutlich zu spüren sein.» Schon heute sei der Druck auf freie KV-Stellen enorm gross. Viele Leute täten sich schwer damit, eine Anstellung zu finden. Darauf mache sie interessierte Jugendliche auch im Rahmen ihrer Beratungen aufmerksam.

Dass grosse Veränderungen auf die Branche zukommen, stellt Bruno Schmid, Präsident des kaufmännischen Verbandes des Kantons Luzern, nicht in Abrede. Er wolle deswegen aber nicht hadern, sondern sehe vielmehr Chancen und die Möglichkeit, sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Schmid sagt:

«Wir als kaufmännischer Verband sind gefordert, die Schüler mit jenen Fähigkeiten auszustatten, die in der Arbeitswelt nachgefragt werden.»

Die Ausbildung erfolge darum handlungsorientiert und mit Fokus auf die Empathiefähigkeit und soziale Kompetenzen – reine Faktenkenntnisse verlieren an Bedeutung. «Im Vergleich zu Maschinen haben Menschen den grossen Vorteil, dass sie dem Kunden bei Problemen persönlich Lösungen anbieten und auf ihn eingehen können.» Mit dieser Ausrichtung, so glaubt Schmid, könne die derzeitige Zahl an Lehrlingen im kaufmännischen Bereich gehalten werden.

2. Männer wählen technische Berufe

Die Lehre zum Kaufmann oder zur Kauffrau landet bei Männern und Frauen gleichermassen auf Rang eins (siehe Grafik). Daneben gibt es nur wenige Gemeinsamkeiten zwischen den Geschlechtern. Bei den Männern besetzen die Berufe Logistiker, Elektroinstallateur, Informatiker und Landwirt die weiteren Plätze in den Top fünf. Beim weiblichen Geschlecht sind es die Berufe Fachfrau Gesundheit, Detailhandelsfachfrau, Fachfrau Betreuung und Detailhandelsassistentin.

Die Pflege- und Betreuungsberufe verzeichnen dabei eine steigende Anzahl an Lernenden. «Die Zunahme in diesem Berufsfeld ist wegen der demografischen Entwicklung und der Überalterung der Bevölkerung sehr wichtig», kommentiert Christof Spöring.

Auf die Unterschiede zwischen den Geschlechtern angesprochen, sagt Spöring, dass die Berufswahl ein sehr traditionelles Bild zeige. «Wir haben in den letzten Jahren keine grossen Veränderungen festgestellt: Berufe im Bereich Gesundheit und Betreuung werden nach wie vor typischerweise von Frauen ausgeübt, technische Berufe wie Polymechaniker oder Automechaniker dagegen vornehmlich von Männern.» Dies obwohl in den vergangenen Jahren viel für eine genderoffene Berufswahl unternommen worden sei – etwa mit verschiedenen Initiativen zur Förderung der MINT-Berufe Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.

Den Grund dafür sieht Spöring im kulturell verankerten Geschlechterdenken, mit welchem Schüler seit ihrer Kindheit aufwachsen. Diese Orientierungen seien sehr schwierig zu verändern. Spöring nimmt darum auch die Arbeitgeber in die Pflicht: «Der Entscheid bei der Vergabe von Lehrplätzen liegt in den Händen der rund 4000 Lehrbetriebe.» Klischees sind bei der Berufswahl ein stetiger Begleiter. Dies erlebt Ursula Flaig in ihren Beratungen:

«Wenn ein Mädchen Strassenbauerin werden will, gibt es Eltern, die das wegen der schweren Arbeit für einen ungeeigneten Beruf halten. Doch auch Frauen verrichten schwere Arbeiten, beispielsweise als Pferdepflegerin.»

Oberflächliche Vorstellungen von Berufen seien generell ein weitverbreitetes Problem – nicht nur im Zusammenhang mit den Geschlechterrollen. Nur weil man gerne Schmuck habe, sei eine Lehre als Goldschmied noch lange nicht der Traumjob, benennt Flaig ein Beispiel.

Es sei daher wichtig, dass bei der Berufswahl Eltern, Schule und Berufsberatung wie Zahnräder ineinandergreifen würden. Für Eltern gelte es, einen Mittelweg zwischen «Unterstützung geben» und «Freiraum bieten» zu finden. Und was können die jungen Erwachsenen selber tun? «Sie sollten sich vertieft über die Berufe informieren und mit einer Schnupperlehre zu praktischen Einblicken kommen.»

3. In der Informatikbranche fehlen Lehrstellen

In 2019 haben im Kanton Luzern rund 60 Jugendliche mehr als im Vorjahr einen Lehrvertrag abgeschlossen. Trotzdem: Noch immer werden deutlich mehr Lehrstellen angeboten als letztlich belegt. Christof Spöring erwartet aber, dass die steigenden Schülerzahlen aufgrund geburtenreicher Jahrgänge ab 2022 zu einer Veränderung der Nachfrage führen werden.

Derzeit haben gewerbliche Berufe wie in der Autobranche oder in den Bereichen Gastronomie und Lebensmittel mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen. Das gegenteilige Problem gibt es dagegen in der Informatikbranche – dort mangelt es an Angeboten. «Die Nachfrage nach Lehrstellen in der Informatikbranche ist gerade bei jungen Männern gross. Obwohl viele für den Beruf schulisch fähig wären, fehlen schlichtweg genügend Lehrstellen», sagt Ursula Flaig. In der Berufsberatung müsse sie deshalb den Fokus von betroffenen Personen auf andere Berufsfelder lenken und mit ihnen einen Alternativplan entwickeln.

Gemäss dem nationalen Berufsverband ICT Berufsbildung Schweiz braucht es im ganzen Land bis ins Jahr 2026 zusätzlich 40000 Arbeitskräfte im Bereich Informatik. Es zeichnet sich also ein krasser Mangel ab. Trotzdem: Im Kanton Luzern stagniert die Anzahl der Informatik-Lehrstellen. Christof Spöring stellt darum eine klare Forderung an die Unternehmen:

«Ich erwarte von der Wirtschaft, dass sie in diesen Zukunftsberuf investiert, weil dies für die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz wichtig ist.»

Der Kanton Luzern hat selber bereits Massnahmen ergriffen: Als Alternative zum dualen Berufsweg gibt es seit dem August 2017 die Informatikmittelschule. Nach vier Jahren verfügen deren Absolventen über eine Ausbildung als Informatiker mit Fachrichtung Applikationsentwicklung und über die Berufsmatura. Pro Jahrgang wird derzeit eine Klasse mit bis zu 24 Schülern geführt.

4. Zweijährige Attestlehre als Alternative

In diesem Jahr haben 88 Prozent der Lernenden im Kanton Luzern eine drei- bis vierjährige Ausbildung mit Eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ) begonnen. 12 Prozent absolvieren dagegen eine zweijährige Lehre mit Eidgenössischem Berufsattest (EBA). Diese Ausbildung eignet sich vor allem für praktisch begabte Schüler. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der Lernenden zwar von 601 auf 585 Personen leicht gesunken. Insgesamt zeigt der Trend der letzten Jahre aber eine deutliche Zunahme bei den Attestlehren – vor zehn Jahren lag ihr Anteil an den Lehrverträgen noch bei rund sieben Prozent. «Diese Zunahme ist gewollt», sagt Christof Spöring. «Besonders wichtig ist dieses Angebot für Lernende mit geringeren Schulleistungen, die aber zupacken können und so einen guten Einstieg ins Berufsleben finden. Viele von ihnen werden später eine EFZ-Lehre anhängen.» Dieses Jahr haben 177 den Weg über die EBA-Ausbildung gewählt.

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