LITTERING: Auch Spucker sollen gebüsst werden können

Im Kanton Luzern können nun Abfallsünder mit Ordnungsbussen belangt werden – das auf den Boden Spucken bleibt jedoch ungestraft. Das stösst einigen sauer auf.

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Liegenn gelassene Fastfood-Verpackungen nach einem getätigten Mahl an der Hertensteinstrasse in der Stadt Luzern. (Bild Boris Bürgisser/Neue LZ)

Liegenn gelassene Fastfood-Verpackungen nach einem getätigten Mahl an der Hertensteinstrasse in der Stadt Luzern. (Bild Boris Bürgisser/Neue LZ)

In Singapur drohen bis zu 1000 Dollar Busse, wenn man beim auf den Boden Spucken erwischt wird. In Luzern bleibt dies straffrei – auch nach der klaren Annahme des Übertretungsstrafgesetzes in punkto Littering vom vergangenen Sonntag.

Die Polizei wird damit ermächtigt, Leute zu büssen, die auf Strassen und Plätzen Abfälle achtlos wegwerfen. Vorgesehen sind Ordnungsbussen in einer Höhe zwischen 40 Franken für einzelne Kleinabfälle wie Dosen, Flaschen, Zigarettenstummel oder Kaugummi, und 300 Franken für die illegale Entsorgung von Abfallmengen zwischen 60 und 110 Liter. ( Zum Artikel » )

Speichel wird nicht als Abfall betrachtet
«Muss ich das also so auslegen, dass unsere Regierungsmitglieder das Auf-den-Boden-Spucken als normales gesellschaftliches Verhalten betrachten und entsprechend keine Gegenmassnahme geplant ist?», fragt «Neue LZ»-Leserin Silvia Burch aus Rothenburg in einem Leserbrief. Das Thema beschäftigt nun auch die Politik: Das Spucken nach wie vor ungesühnt bleiben soll, beschäftige viele Leute, sagt CVP-Kantonsrätin Bernadette Bründler-Lötscher aus Ebikon gegenüber «20 Minuten».

Einen Schritt weiter möchte Nadia Britschgi, SVP-Kantonsrätin aus Ballwil, gehen: «Ich bin dafür, dass die Luzerner Regierung das Spucken in den Bussenkatalog aufnimmt», wird sie in der Pendlerzeitung zitiert. Offiziell begründet hat der Kanton die Absenz einer Strafe gegenüber dem «Tages-Anzeiger» mit dem Hinweis, dass es sich bei Speichel um keinen Abfall handle.

Diskussion auch in Winterthur
Spuckverbote sind auch in anderern Orten in der Schweiz ein Thema: So etwa im vergangenen Januar in Winterthur, als  Ruth Werren von der FDP und Ursula Dolski von der CVP in einem Postulat den Stadtrat dazu aufgefordert hatten, die Polizeiverordnung um einen Zusatz zu erweitern, der das Büssen von Spuckern möglich machen soll. Die Idee wurde im Rat mit einer knappen Mehrheit bachab geschickt – das Verbot sei kaum durchsetz- und schwer kontrollierbar.

Erst ab dem Spätmittelalter tabuisiert
Das Thema des Spuckens kann übrigens auf eine lange Kulturgeschichte zurückblicken: Im alten Ägypten besass der Speichel einen hohen Stellenwert: Man ging davon aus, dass die Götter aus dem Sekret den Mensch formen. Vor 2000 Jahren glaubten viele Menschen an die heilende Kraft des Speichels. So wird etwa im Markus-Evangelium beschrieben, wie Jesus so einen Blinden heilt. Dieses Ritual hat ihren Restbestand noch heute, wenn etwa Eltern Schürfwunden ihrer Kinder mit Speichel einreiben.

Noch im Mittelalter gehörte das Spucken durch die Schichten hindurch zum Alltag, wie es in dem SF-Beitrag zum Thema heisst (siehe unten). Erst ab dem Spätmittelalter habe Spucken als unanständig und verpönt gegolten. In neuerer Zeit ist schliesslich noch der hygienische Aspekt dazugekommen. so oder so bleiben kulturelle Unterschiede: In China etwa – im Gegensatz wiederum zu Japan – gehört Ausspucken zum guten Ton, da Speichel im Mund mit Faulheit assoziiert wird.

Dave Schläpfer/Zisch

14-minütiger SF-Beitrag zum Thema: