Liturgische Missbräuche melden

Bischof Vitus Huonder mahnt an, dass Gottesdienste korrekt gefeiert werden. Ist das eine Replik auf die Pfarrei-Initiative?

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Der Churer Bischof Vitus Huonder nach einer Frühmesse auf dem Hof in Chur. (Bild: Keystone)

Der Churer Bischof Vitus Huonder nach einer Frühmesse auf dem Hof in Chur. (Bild: Keystone)

Der neuste Hirtenbrief aus dem Bistum Chur, zu welchem Schwyz, Nid- und Obwalden sowie Uri gehören, wird am kommenden Sonntag öffentlich. Vitus Huonder stellt darin den Gottesdienst, also die Liturgie in den Mittelpunkt. Der Bischof mahnt in seinem Schreiben an, die Gottesdienste korrekt, der katholischen Lehre gemäss, zu feiern.

Der Brief ist den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Bistums in gedruckter Form zugestellt worden, er liegt auch unserer Zeitung vor. Basis von Bischof Huonders Ausführungen bildet das Dokument «Sakrosanctum Concilium» des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965). Das Dokument sei, so der Bischof, in vielen Punkten nicht umgesetzt.

Nur Kirche darf Liturgie ändern

Vitus Huonder ruft in Erinnerung, dass allein die Kirche das Recht habe, an der Gottesdienstordnung etwas zu verändern; anderes könne zum Schaden der Kirche sein: «Deshalb darf niemand sonst, auch wenn er Priester wäre, nach eigenem Gutdünken in der Liturgie etwas hinzufügen, wegnehmen oder ändern.» Konkret nennt Huonder unter anderem diese Punkte:

  • Predigt: Sie steht in einer Heiligen Messe (Gottesdienst mit Kommunion) allein Bischöfen, Priestern, Diakonen zu.
  • Liturgische Texte: Dialektfassungen sind nicht erlaubt; auch die Predigt soll aus Rücksicht auf Fremdsprachige in Schriftsprache gehalten werden.
  • Geweihter liturgischer Raum: Dieser ist für den Gottesdienst bestimmt; jede Profanisierung ist zu vermeiden. Nicht-liturgische Anlässe sollen im Pfarreizentrum durchgeführt werden.
  • Sonntagseucharistie: Sie darf durch keine andere Feier ersetzt werden. Werden stattdessen Wortgottesdienste gehalten, so muss dies vom Bischof anerkannt werden.


Huonders Hirtenbrief liest sich wie eine Replik auf die Pfarrei-Initiative und deren Inhalte (siehe Kasten). Bistumssprecher Giuseppe Gracia sagt: «Der Text entstand vor der Pfarrei-Initiative, die Liturgie ist ein grosses Anliegen von Bischof Huonder. Aber jetzt erhält das Ganze eine unerwartete Aktualität. Man wird den Brief wohl auch als Antwort interpretieren. Denn die von der Initiative bezeichneten Selbstverständlichkeiten sind im Grunde Eigenmächtigkeiten.» Pikanterweise erinnert Huonder im Brief auch daran, dass es das Recht jedes Katholiken sei, liturgische Missbräuche ihm oder Rom zu melden. Ist das, in Anlehnung an die Pfarrei-Initiative, ein Aufruf zum «Gegen-Ungehorsam»? Gracia: «Dem Bischof ist es wichtig, dass Missbräuche meldende Personen nicht als Denunzianten gesehen werden, sondern als Menschen, deren Recht auf einen ordentlichen Gottesdienst verletzt wurde.»

Die Pfarrei-Initiative ist für die Bischöfe von Basel, Chur und St. Gallen «kein gangbarer Weg», wie sie mitteilten. Trotzdem treffen sie sich diesen Monat mit den Initianten zum Gespräch.

Jérôme Martinu

410 Unterschriften

Die am 17. September von Luzern aus gestartete Pfarrei-Initiative hat bereits Support von 410 unterzeichnenden Seelsorgerinnen und Seelsorgern. Mit der Initiative (www.pfarrei-initiative.ch) soll ausgesprochen und weiter praktiziert werden, was in den Pfarreien heute «selbstverständlich ist und zum Ungehorsam führt». Zu den Reformforderungen gehören etwa die gemäss katholischer Lehre nicht mögliche Priesterweihe von Frauen, Predigten von Laien und das Austeilen der heiligen Kommunion an Mitglieder anderer christlicher Kirchen. Die Initianten konnten gestern zum Huonderschen Hirtenbrief noch keine Stellung nehmen.

jem