Ohne Essen oder Pause: Künstlerin harrt 24 Stunden auf Floss vor dem Luzerner Löwendenkmal aus

Ein Besuch beim Löwendenkmal, wo zurzeit eine Frau im weissen Mantel auf einem Floss liegt. Weshalb sie das tut, hat uns die Leiterin des Kunstprojekts erzählt.

Zéline Odermatt
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Sie friert. Sie hungert. Sie verharrt. Und möchte damit eine kritische Reflexion zum Löwendenkmal und zur aktuellen Flüchtlingskrise auslösen. Barbara Kiener ist eine etablierte Schweizer Performance-Künstlerin, die seit Mittwochmorgen während 24 Stunden auf einem Floss im Teich vor dem Luzerner Löwendenkmal liegt.

Sie geht weder zur Toilette, noch bewegt sie sich gross. Ihre Pose spiegelt dabei die des steinernen Löwen im gleichnamigen Denkmal 15 Meter hinter ihr. Und ihre Versteinerung soll auf die nicht stattfindende oder sich im Kreis drehende Diskussion rund um die Flüchtlinge hinweisen, die oft über den Seeweg auf dürftigen Booten flüchten. Wie auch das Denkmal an Krieg respektive die Schweizer Gardisten erinnert, die beim Sturm der Revolutionäre auf den Königspalast in Paris gefallen sind. Die Performance ist Teil von Löwendenkmal 21, einem Mehrjahresprojekt der Kunsthalle Luzern.

Barbara Kiener während ihrer Kunstaktion «Löwenritt».

Barbara Kiener während ihrer Kunstaktion «Löwenritt».

Bild: Keystone

«Es wird nicht mehr über Menschen diskutiert. Wenn eine Künstlerin auf einem Floss liegt, fragen sich die Menschen ‹Wie macht sie das? Kriegt sie keinen Hunger? Hat sie keinen Durst? Wo geht sie zur Toilette?›», erzählt Projektleiterin Karin Mairitsch vor Ort. Bei Flüchtlingen würden diese Fragen nicht mehr gross gestellt, es gehe bloss noch um entmenschlichte Statistiken und Zahlen.

«Es ist nicht lange her, seit wir Europäerinnen und Europäer auf der Flucht waren. Das Denkmal ist auch deshalb der passende Ort für diese Performance, weil hier Söldnern gedacht wird aber andere Opfer und Folgen von Kriegen nahezu ausgeblendet werden.» Es sei kein Zufall, dass gerade in der jetzigen Coronakrise, die Ungleichheiten weltweit erlebbar gemacht hat, die Diskussion um Denkmäler neu aufgeflammt ist, so Mairitsch. Sie sagt:

«Denkmäler waren als Orte der Gedächtniskultur schon immer Reibungsflächen.»

Diese Performance ergänze das Löwendenkmal um den Kontext des Reflektierens über unsere Erinnerungskultur. «Das Denkmal wird weder zerstört noch verändert und das ist das Spannende daran. Nur durch den Körper der Künstlerin werden Menschen zum Nachdenken angeregt», sagt Mairitsch.

Barbara Kiener liegt während des Gesprächs weiter still auf dem Floss. Sie hat Thermounterwäsche an und einen weissen Mantel. Mairitsch erklärt: «Für das stundenlange Verharren braucht es physische und vor allem auch mentale Stärke.» Als Vorbereitung auf die Performance hat die Künstlerin gefastet, um sich an den Hunger zu gewöhnen. Bei ihr hört das Hungern am 1. Oktober um 9 Uhr wieder auf, anderen bleibt dieses Glück verwehrt.

Löwendenkmal 21

«Löwendenkmal 21» ist ein Mehrjahresprojekt der Kunsthalle Luzern. Von 2017 bis zum eigentlichen Jubiläum am 10. August 2021 widmen sich Ausstellungen, Performances, Veranstaltungen und Publikationen verschiedenen Aspekten des Denkmals. Der Prozess soll eine kritische Reflexion der Erinnerungskultur auslösen. 

Die Künstlerin Barbara Kiener bei ihrer 24-Stunden-Performance «Löwenritt».

Die Künstlerin Barbara Kiener bei ihrer 24-Stunden-Performance «Löwenritt».

Bild: Keystone