Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

LOHN-TRANSPARENZ: «Ich will, dass die Diskussionen aufhören»

Die Stadt soll die Gehälter von Chefs und Verwaltungsratspräsidenten städtischer Betriebe offenlegen, das hat eine Mehrheit des Parla­ments diese Woche beschlossen. VBL-Chef Norbert Schmassmann macht den Anfang: Er sagt, wie viel er verdient – und wieso sein Lohn gerechtfertigt ist.
Pascal Imbach
«Niemand wartet darauf, in der Öffentlichkeit seinen Lohn auszubreiten.» VBL-Chef Norbert Schmassmann. (Bild: Pius Amrien / Neue LZ)

«Niemand wartet darauf, in der Öffentlichkeit seinen Lohn auszubreiten.» VBL-Chef Norbert Schmassmann. (Bild: Pius Amrien / Neue LZ)

Pascal Imbach

Wartet man am Hauptsitz der Verkehrsbetriebe Luzern auf dem Chef, fällt einem ein Monitor auf, der sich direkt über dem Empfangsschalter befindet. Darauf bekommt man als Besucher nicht nur Grussworte und News aus dem VBL-Betrieb zu sehen, nein – auch ein bemerkenswerter Satz steht da schwarz auf blau: «Wer den rechten Augenblick verpasst, ist wie einer, der einen Vogel aus der Hand freigelassen hat; er wird ihn nicht wieder zurückbekommen.»

Norbert Schmassmann, seit fast 20 Jahren Chef der Verkehrsbetriebe, wollte den rechten Augenblick offenbar nicht verpassen. Nachdem das Parlament am Donnerstag die Stadtregierung beauftragte, die Gehälter von Chefs und Verwaltungsratspräsidenten künftig transparent zu machen, fackelte Schmassmann nicht lange. Am Freitagmorgen liess er über seinen Mediensprecher ausrichten, er lade die «Zentralschweiz am Sonntag» zum Gespräch. Thema: Lohntransparenz. Schmassmann ist im Schuss, wirkt etwas gehetzt, als er uns in seinem Büro empfängt – es warten weitere Termine. Man merkt: Von langer Hand geplant ist dieses Treffen nicht.

Norbert Schmassmann, nur einen Tag nachdem sich das Stadtparlament für Lohntransparenz ausgesprochen hat, gehen Sie in die Offensive. Man könnte fast meinen, Sie hätten darauf gewartet. Täuscht der Eindruck?

Norbert Schmassmann: (lacht) Wahrlich nicht! Niemand wartet darauf, in der Öffentlichkeit seinen Lohn auszubreiten. Sie können unten durchs Depot laufen: Obwohl unsere Chauffeure wissen, dass sie alle ungefähr gleich viel verdienen, würden sie wohl kaum einen finden, der in der Zeitung gerne über sein Gehalt reden würde. Mir geht es nicht anders.

Wieso dann trotzdem der Schritt?

Schmassmann: Weil ich will, dass die Diskussionen aufhören. Seit Tagen wird über die CEO-Saläre der ausgelagerten städtischen Betriebe geredet. Ich kann kaum noch durch die Stadt gehen, ohne dass mich irgendwer auf meinen Lohn anspricht. Das ist nervig. In der Nacht auf Freitag habe ich lange überlegt, wie ich vorgehen soll. Und am Morgen stand der Entschluss fest. Ich hab gedacht, ach komm, was solls, ich mache einen Schritt nach vorne und sags. Dann ist das Thema für mich erledigt.

«Sags!», ja, es wäre so einfach. Aber man merkt halt doch: Schmassmann hat nicht darauf gebrannt, zu erzählen, wie viel er verdient. Und er brennt auch beim Termin mit der Zeitung nicht darauf. Schon bei den Fotoaufnahmen für die Zeitung, unten im Bushangar, umreisst er zwar schon mal eine «Herleitung», mit der man auf die Summe komme, während er für den Fotografen im und um den Bus posiert. Die konkrete Zahl nennt er aber (noch) nicht von sich aus. Darauf wartet er, bis er, oben im zweiten Stock des Büro­gebäudes neben dem Depot, die Tür hinter sich geschlossen hat.

Also, Herr Schmassmann, wie viel verdienen Sie denn nun konkret?

Schmassmann: Das ist eigentlich gar nicht so ein grosses Geheimnis. Seit zwei Jahren veröffentlichen wir im VBL-Geschäftsbericht jeweils die Gesamtlohnsumme der fünf Geschäftsleitungsmitglieder. Diese beträgt laut neuester Ausgabe 989 250 Franken. Geteilt durch fünf macht das 197 850 Franken.

Womit wir aber noch nicht ganz beim Gehalt des Chefs sind ...

Schmassmann: Dass Sie sich damit nicht begnügen, hatte ich mir schon gedacht. Aber Sie können sich die Rechnung nun ja in etwa selber machen.

Dann würde ich sagen, Ihr Gehalt liegt bei rund einer Viertelmillion.

Schmassmann: Ja, das ist so.

Also bei genau 250 000?

Schmassmann: Ziemlich genau, ja. Aber «räppelen» müssen wir ja nicht.

Zuzüglich Spesen, nehme ich an ...

Schmassmann: Ja. Aber die halten sich in Grenzen. Sie belaufen sich auf rund 10 000 Franken im Jahr. Darin enthalten sind die üblichen Auslagen für Dienstreisen, Verpflegung, wenn ich geschäftlich unterwegs bin, und ein Dienst-GA.

Kein Geschäftsauto?

Schmassmann: (schmunzelt) Nein, kein Geschäftsauto. In der Stadt bin ich vorwiegend auf dem Velo unterwegs. Oder natürlich im Bus.

Mit 260 000 Franken verdienen Sie genau gleich viel wie der Stadtpräsident.

Schmassmann: Ja. Wobei mich der Lohn des Stadtpräsidenten eigentlich nicht interessiert. Der Stapi bekleidet ein politisches Amt. Ich übe eine völlig andere Funktion aus, für die es Vergleiche, Richtwerte und Anhaltspunkte auf dem Arbeitsmarkt gibt. Würde ich als Chef gehen, müsste ein Neuer gefunden werden. Massgebend wäre dann, welche Qualifikationen und Fähigkeiten diese Person mitbringt und was auf dem Arbeitsmarkt für vergleichbare Funktionen bezahlt wird. Punkt. Für mich ist es interessant, ja fast schon amüsant, dass gewissen Leuten Grössenordnungen bei der Lohnangabe nicht genügen. Sie wollen offenbar den ganz genauen Betrag wissen, am liebsten bis hinters Komma, um ihre Neugier zu befriedigen.

Den weiteren Verlauf des Gesprächs hat Schmassmann bereits erahnt. Er nimmt die nächste Frage gleich vorweg. Ja, ja, nun wolle man bestimmt wissen, ob denn dieser Lohn gerechtfertigt sei. Und – war ja klar – ob das denn nicht etwas gar viel sei. Man merkt, er hat sich nicht zum ersten Mal mit dem Thema befasst. Fragen nach seinem Lohn tauchten schon im Zuge der (letztlich vom Stimmvolk abgelehnten) 1:12-Initiative der Juso auf, als in einem städtischen Parlamentsvorstoss die Frage gestellt wurde, wie gross die Lohnspanne bei den VBL sei, das Verhältnis zwischen dem tiefsten und dem höchsten Lohn im Unternehmen – also seinem eigenen. «1:5 lautete damals die Antwort», sagt Schmassmann trocken. Alles nichts Neues, eigentlich. «Man hätte sich die Rechnung ja schon damals machen können.» Auch bei anderen VBL-Funktionen wie Buschauffeur oder Mechaniker sei es keine Meisterleistung herauszufinden, wie viel jemand verdiene. Aber es bestehe als nicht börsenkotiertes KMU «überhaupt kein Grund, irgendwelche Löhne publik zu machen», betont Schmassmann.

Sind 250 000 Franken denn nun zu viel, zu wenig – oder gerade so angemessen für den Posten des VBL-Direktors?

Schmassmann: Das überlasse ich jedem Einzelnen. Ich persönlich weiss, dass es ein marktüblicher Lohn ist. Folglich halte ich ihn weder für überrissen, noch für zu tief, sondern für angemessen. Ich bin Chef eines Unternehmens mit 84 Millionen Franken Jahresumsatz und 460 Angestellten. Wenn sie in Betrieben dieser Grössenordnung nachfragen würden, würden sie feststellen, dass wohl etwa 25 Prozent der Chefs weniger, und 75 Prozent mehr verdienen als ich.

Also sind Sie etwas unterbezahlt.

Schmassmann: Nein, nein. Ich wollte lediglich eine Einordnung geben. Ich werte diese nicht.

Trotzdem wird wohl kaum zu verhindern sein, dass Stimmen laut werden, wonach Sie zu viel verdienen ...

Schmassmann: Ja, das kann schon sein. Es geht dabei häufig um Neid – aber niemand gibt das offen zu. Neid-Diskussionen in Zusammenhang mit Cheflöhnen scheinen landauf landab ziemlich in Mode zu sein.

Wie gehen Sie persönlich mit Neid um?

Schmassmann: Ich kann leben damit. Denn ich bin der Überzeugung, dass derjenige, der neidisch ist, ein Problem hat. Und nicht primär derjenige, der beneidet wird. Ich persönlich kenne Leute, die verdienen das Doppelte, Dreifache oder Vierfache von mir. Bin ich deswegen neidisch auf sie? Nein, überhaupt nicht. Erstens haben die einen anstrengenden Job, viel Druck, müssen hohe Erwartungen erfüllen und haben nur sehr wenig Freizeit. Und zweitens arbeiten sie in Branchen, in denen viel höhere Löhne bezahlt werden. Wollte ich mehr Geld verdienen, hätte ich als promovierter Ökonom ja auch in so eine Branche gehen können. Aber Geld stand nie im Zentrum meiner Überlegungen.

Sondern?

Schmassmann: Ich bin begeistert von dem, was ich tue und dem, was ich hier bei den VBL bewirken kann. Ich bin Leader und Teil eines grandiosen Teams, das den Betrieb in den letzten 20 Jahren vorwärtsgebracht hat – wir sind gewachsen, haben uns entwickelt und haben einen sichtbaren Beitrag zur Verbesserung des ÖV in Luzern geleistet. Ich bin stolz auf die VBL, wir haben super Mitarbeiter – und eine sehr geringe Fluktuation. Das ist doch mehr wert als Geld.

Hat man Sie nie versucht abzuwerben?

Schmassmann: In den vergangenen zwanzig Jahren hatte ich zwei konkrete Angebote von Headhuntern. Beides wären deutlich besser bezahlte Jobs gewesen. Trotzdem habe ich zweimal abgelehnt. Aus den eben genannten Gründen.

Als VBL-Chef stehen sie ständig unter medialer Beobachtung. Kaum eine Woche vergeht, in der ihr Name nicht in der Zeitung steht. Nervt das?

Schmassmann: Nerven ist das falsche Wort. Aber es ist manchmal halt anstrengend. Überall werde ich – entweder allein oder in Begleitung meiner Frau – auf irgendwelche VBL-Themen angesprochen. Die einen beschweren sich, andere loben oder wollen einfach diskutieren. Deswegen verbringe ich meine Ferien häufig ausserhalb der Region, wo mich niemand kennt.

Kommen Sie überhaupt dazu, mit ihrer Familie Freizeit zu verbringen? Sie sind ja nicht nur VBL-Chef, sondern daneben noch CVP-Kantonsrat, sitzen in verschiedenen Verwaltungsräten und engagieren sich auch noch in der Kirche ...

Schmassmann: Um ganz ehrlich zu sein: Ich habe ein Arbeitspensum von 150 Prozent. 115 Prozent für die VBL, und 35 Prozent für meine weiteren Tätigkeiten. Ich arbeite Montag bis Freitag 65 bis 70 Stunden. Und ich habe das Glück, eine sehr verständnisvolle Frau zu haben. Mein heutiges Arbeitspensum wäre für die meisten Ehefrauen wohl ein Scheidungsgrund.

Schmassmann blickt auf die Uhr. Der nächste Termin steht an – und zwar «in genau 8 Minuten». Dann muss er am Bahnhof sein. Und es wird ihm klar, als er seine Mappe und die Jacke fasst: Mit dem Bus käme er wohl zu spät. «Deshalb nehme ich jetzt das Velo.» Sagts, verabschiedet sich und ist weg. Später, viel später – kurz vor Mitternacht – ist er wieder zurück im Büro. Er liest das Interview, wünscht da und dort noch Präzisierungen und Anpassungen. Er ist ein Perfektionist. Und er will richtig verstanden werden – bei diesem heiklen Thema erst recht. Schliesslich gibt er das Okay. Und fügt noch an: «Ich bin gespannt auf die Reaktionen ...»

Norbert Schmassmann ist seit knapp 20 Jahren Direktor der Verkehrsbetriebe Luzern. Er sitzt für die CVP im Kantonsrat, ist Vizepräsident der Synode der Evangelisch-Reformierten Kirche des Kantons Luzern sowie Vizepräsident des Verbandes öffentlicher Verkehr. Der 58-Jährige ist verheiratet, Vater dreier erwachsener Kinder und zweifacher Grossvater. Der gebürtige Basler wohnt in der Stadt Luzern.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.