Lozärner Usdröck: «De Chrääje go rüefe»

Wer an der Fasnacht über den Durst trinkt, muss zuweilen «de Chrääje go rüefe», also erbrechen. Natürlich wünschen wir das niemandem – erforschen aber den Ursprung dieser Wendung.

Simon Mathis
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Die Lozärner Fasnacht ist (noch) in vollem Gange! Und so passt sich auch die alltägliche Getränkekarte ein bisschen an: Auf ihr finden sich nun auch Kafi Huerenaff, Holdrio & Co. Das lässt den Alkoholpegel zuweilen in die Höhe schnellen. Was uns zu unserem heutigen Ausdruck führt: «De Chrääje go rüefe». Eine Leserin aus Wolhusen erläutert diese Wendung so: «Wenn jemand zu viel Alkohol getrunken hat, bis er erbrechen muss, kann man sagen, er musste den Krähen rufen.»

Wo der Ursprung dieses Ausdruckes liegt, ist nicht ganz klar. Eine weitere Leserin erklärt sich den Ausdruck mit der Tatsache, dass Krähen auch Erbrochenes essen, man also nach dem Übergeben die Vögel zum Saubermachen rufe. Livio Rey von der Vogelwarte Sempach hält diese Theorie für glaubwürdig: «Krähen sind Allesfresser, sie bedienen sich auch bei Aas, Müll oder bei der Nachgeburt von Tieren.» Es sei durchaus möglich, dass Krähen auch Teile von Erbrochenem verspeisen. Das gelte vor allem für die Rabenkrähe, die näher beim Menschen lebt als die Saatkrähe. Letztere fokussiere sich eher auf Insekten und Sämereien.

Der heilige Ulrich lindert den Kater

Nicht nur die Krähen, sondern auch die Elstern kann man laut Mundartwörterbuch Idiotikon zum Saubermachen aufrufen. Selbst ein Herr namens Ueli eilt zu Hilfe, wenn man’s mit dem Alkohol mal zu gut gemeint hat. Die Wendung «em Ueli rüefe» bezieht sich auf den Heiligen Ulrich vom Augsburg (890-973). Diesen riefen vom Leben Gebeutelte im Gebet an, er möge ihre Not lindern. Wobei «Gebet» wohl zu viel gesagt ist: Oft erhob man zu Ehren von Ulrich einfach das Glas. So wurde der Heilige auch zu einem Schutzpatron der Trinker. Man sagte ihm nach, die Folgen des masslosen Trinkens erleichtern zu können. Dass der Vokal «U» weit hinten in der Kehle gebildet wird und daher ans Erbrechen erinnert, mag in die Bedeutung hineingespielt haben, so eine Mutmassung des Idiotikon. Ähnliches kann man wohl auch zum lautmalerischen «chrääje» sagen.

Einen Mangel an Synonymen für das Verb erbrechen gibt es im Schweizerdeutschen sicher nicht zu beklagen. Eine Auswahl: «chörble», «reihere» und – besonders poetisch – «de Hüehner predige». Eine Wendung, die sich im Idiotikon findet, lässt besonders aufhorchen: «den Luzerner Psalm singen». Was es damit auf sich hat, klären wir vielleicht an der nächsten Fasnacht.