Lozärner Usdröck: «Familietürgg»

Wenn das weihnachtliche Familientreffen zum Pflichtprogramm wird, kann man das mit dem Begriff «Familietürgg» ausdrücken – ein Wort mit einer unerwarteten Herkunft.

Simon Mathis
Drucken
Teilen

Wer an den Weihnachtstagen zur Ruhe kommen will, wird nicht selten enttäuscht. Es ist kein Geheimnis: Das gemeinsame Essen und Beisammensein ist manchmal eher stressig als besinnlich. Der abschätzige und scherzhafte Begriff «Familietürgg» verleiht diesem Umstand Ausdruck.

Laut Mundartwörterbuch Idiotikon bezeichnet das Wort den Ausflug oder Spaziergang einer Familie. Wenn man einer kleinen Umfrage in der Redaktion glauben will, so wird der «Familietürgg» in der Zentralschweiz eher als Familientreffen definiert – und zwar als solches, das als unangenehmes Pflichtprogramm und steifes Schaulaufen empfunden wird.

Vom Militärmarsch zum Familienessen

Die Ursprünge dieser Bezeichnung liegen wohl in der Schweizer Soldatensprache. Dort ist der «Türgg» eine grosse Gefechtsübung oder ein langer Marsch. Das Verb «duretürgge» heisst so viel wie durchexerzieren. Laut Idiotikon ist diese Bedeutung von «Türgg» in der Schweiz erst seit dem Ersten Weltkrieg belegt. Gut möglich also, dass er aus der reichsdeutschen Soldatensprache übernommen wurde. Auch das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm kennt den Begriff «Türke» als Gefechtsübung.

Was es mit den Wurzeln dieser Bezeichnung auf sich hat, erläutert Walter Transfeldt in seinem Buch «Wort und Brauch in Heer und Flotte» (1916). Offenbar zeigte der preussische König Friedrich Wilhelm IV (1795-1861) besonderes Gefallen an ungewöhnlichen militärischen Manövern. Solche Gefechtsvorführungen waren unter Soldaten bald unter dem Namen «Türkenmanöver» bekannt. Denn die Übungen fanden besonders häufig in der Tempelhofer Vorstadt Berlins statt, wo sich laut Transfeldt bis 1866 eine «türkische Grabstätte» befand.

Auch das Verb «türken» (fälschen) ist mit dem «Türkenmanöver» verwandt. Denn während den Paraden spielte man seinen Oberen etwas vor. Das erinnert an den «Familietürgg», den man fast als familiäre Militärparade verstehen kann. Die Schweizer Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus weist darauf hin, dass das Verb «türken» verletzend sein könne. Zwar verbinde man mit dem Wort kaum je Menschen aus der Türkei, trotzdem sei es negativ besetzt.

Mehr zum Thema