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Lucerne Festival: Das Orchester wird selbst zur Bühne

Grosses Festival-Finale: Teodor Currentzis eröffnete mit einem umjubelten «Figaro» und mit Cecilia Bartoli den Mozart-Zyklus im KKL.
Urs Mattenberger
Teodor Currentzis leitet das musicAeterna Orchester der Oper Perm. (Bild: Priska Ketterer/LF, Luzern 13. September 2019)

Teodor Currentzis leitet das musicAeterna Orchester der Oper Perm. (Bild: Priska Ketterer/LF, Luzern 13. September 2019)

Der Dirigent Teodor Currentzis ist immer für Überraschungen gut. Die ersten waren vor ein paar Jahren seine im russischen Perm realisierten, elektrisierenden Studioaufnahmen von Mozarts Da-Ponte-Opern. Sie hatten ihn ins internationale Rampenlicht katapultiert und rasch zur Kultfigur einer unkonventionell vitalisierten Klassik gemacht.

Als solche erwies er sich bei Mozart durch die unbändige Theatralität, die er mit schlanken und beweglichen Stimmen in diesen Opern entfachte. Dass er jetzt zum Schluss des Sommerfestivals «Figaro», «Don Giovanni» und «Così fan tutte» (alle ausverkauft) im KKL nur «konzertant» aufführen würde, schien da schon fast ein Widerspruch.

Trotzdem wies am Donnerstag – beim Auftakt mit «Le nozze di Figaro» – das Bühnensetting in diese Richtung. Vor dem Orchester musicAeterna blieb praktisch kein Platz für halbszenisches Spiel, das das atmosphärisch abgedunkelte Licht versprach. Aber die Aufführung, und das war hier die Überraschung, löste das Problem damit, dass sie das bei Mozart entscheidende Orchester selbst zur Bühne machte.

Der Dirigent spielt im Ensemble mit

Alles Theater! Diesen Anspruch löste musikalisch gleich mit dem ersten Ton die Ouvertüre ein: Rasant im Tempo, fein gespannt in lyrischen Phrasen und mit geräuschhaft zugespitzten Akzenten und Kontrasten fuhr die ­Musik wie ein Stromstoss in den Konzertsaal und erzeugte eine Spannung, die über drei Stunden anhalten sollte. In die Auf- und Abgänge der Sänger kommt ungewohnte Bewegung, wenn sich die Intrige um den Grafen zuspitzt, der sich bei Susanna, der Braut seines Dieners Figaro, das Recht auf die erste Nacht wieder nehmen will. Wo sich die Figuren voreinander verstecken müssen, stürzen sie sich kopflos ins Orchester und machen sich auch mal den Platz unter den ersten Violinen streitig. Das überträgt ganz natürlich die Wirrungen des Stücks in diesen Orchester-Bühnenraum, der später zum nächtlichen Garten abgedunkelt wird.

Das funktioniert auch deshalb hinreissend, weil der Dirigent wie ein weiteres Ensemble-Mitglied mitspielt. Currentzis führt die Sänger in Solo-Auftritten so suggestiv, als gestaltete er mit ihnen ein Duett. Wo die Akteure aufeinanderprallen, heizt er die Konflikte stampfend an oder zieht sich hinter das Podest zurück, um sie schlichtend zusammenzuführen.

Starke Charaktere im Geschlechterkampf

Für diese Art von Theater bietet das in den Hauptrollen exzellent besetzte Sänger-Ensemble starke Charaktere. Alex Espositos Figaro ist ein aufbrausender Prolet in Lederjacke, der Intrigenlist und die Kampfansage gegen Adelsprivilegien in eine breite Skala vom Parlieren bis zum prachtvoll strömenden Bass verpackt. Die Sopranistin Olga Kulchynska verschmelzt als optisch wie vokal überlegene Verführerin die Töne zu hypnotischen Kantilenen. Paul Murrihy als Cherubino flattert glaubwürdig zwischen Schwärmerei und jener echten Empfindung, der Ekaterina Scherbachenkos expressiver Sopran opernhafte Grösse verleiht.

Andrei Bondarenko wirkte dazwischen etwas harmlos-gepflegt angesichts der happigen Metoo#-Vorwürfe, denen er als Graf ausgesetzt ist. Ja, auch ohne Inszenierung war der Geschlechterkampf, den Mozart und Da Ponte inszenieren, topaktuell.

Zwischenspiel mit Cecilia Bartoli

Die Frage bleibt, wieweit sich dieses Konzept an den weiteren Abenden individuell abwandeln lässt. Und wie sich dahinein ein Star wie Cecilia Bartoli (als Despina in «Così fan tutte») integriert. Am Festival kommt es nämlich zur ersten Zusammenarbeit zwischen Bartoli und Currentzis, die beide musikalische Extremwerte kultivieren. Wie gut beides zusammenpasst, war am Freitag im Extrakonzert mit Werken von Mozart zu hören.

Da wirkte die erste Konzerthälfte zwar noch von beiden Seiten etwas temperiert und hielt sich Currentzis ohne Sprünge und grosse Gesten als Begleiter zurück. Aber als musicAeterna die Ouvertüre zu «Don Giovanni» furchterregend in den Saal wuchtete, war kein Halten mehr. Bartoli liess als Elvira («In quali eccessi») den Zorn lodern, verlangte mit traumhaft dahingleitenden Pianissimi auch vom Orchester wahre Klangwunder und streute in die Konzertarie «Ch′ io mi scordi di te?» geschmeidig tänzelnde Koloraturen ein.

Der Dirigent interagierte jetzt so intensiv mit der Sängerin, dass man in einer Schrecksekunde glaubte, sie würden sich in die Arme fallen. Die herzliche Umarmung und den Kuss auf die Wange gab es aber – nach tosendem Applaus – doch erst zum Schluss.

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