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Lucerne Festival: Die Revolution stürmt den Konzertsaal

Ein Versprechen für die Zukunft: Das Lucerne Festival ist am Sonntagabend mit dem umjubelten Mozarts-Zyklus unter Teodor Currentzis zu Ende gegangen.
Urs Mattenberger
Festszene aus Mozarts «Don Giovanni» im Konzertsaal des KKL unter der Leitung von Teodor Currentzis (Mitte). (Bild: Peter Fischli/LF)

Festszene aus Mozarts «Don Giovanni» im Konzertsaal des KKL unter der Leitung von Teodor Currentzis (Mitte). (Bild: Peter Fischli/LF)

Hat ein Festival, das seine Auslastung um zwei auf 91 Prozent steigern konnte und dennoch weniger Besucher verzeichnete (wir berichteten), einen Grund zum Feiern? Die Antwort der letzten vier Tage war klar: Das Finale mit den drei Da-Ponte-Opern und einem Konzertabend von Mozart richtete ein Fest aus, wie man es am Sommerfestival noch nicht erlebt hat. Viermal ausverkauft, viermal Jubel und Standing Ovations für Teodor Currentzis, sein elektrisierendes musicAeterna-Orchester und atemberaubende Sänger: Hier wurde Festivalgeschichte geschrieben.

Das galt auch programmatisch. Opernaufführungen, die die fehlende Szene durch theatrales Spiel kompensieren, haben am Festival zwar eine starke Tradition – mit Wagners «Ring» und den Opern von Monteverdi als Höhepunkten. Aber dass man das noch weiter treiben kann, hat das Luzerner Theater gezeigt, indem es auf der Theaterbühne musikalische Komödien wie Rossinis «L’ Italiana in Algeri» allein durch das Spiel der Darsteller vollgültig in ­Aktion verwandelte. Die Mozart-Opern unter Currentzis übertrugen jetzt diesen Ansatz auf die Bühne des Konzertsaals.

Tingueley-Maschine und grosse Revolution

Einen wieder anderen Weg ging eine instrumentale Oper von Martin Smolka, mit der das Ensemble Ascolta am Samstag im Südpol Texte von Kafka in musikalische Tinguely-Maschinen übersetzte: Ein weiteres Beispiel dafür, wie sich Lucerne Festival als Instrumentfestival mit neuen Formaten im Musiktheater weiter profilieren kann.

Im Fall der Mozart-Opern wurde das freilich durch die Musik zur Sensation. Wie Currentzis – mit einem unglaublichen Gespür fürs Timing – die grossen Auftritte herausstampft, emotionale Verletztheiten der Figuren blosslegt oder ihre Erregung zum Flirren und Zittern bringt, ist bereits Theater. Das galt schon für den Auftakt mit «Le Nozze di Figaro», der das Orchester als Spielwiese nutzte (Ausgabe vom Samstag). Einen Schritt weiter ging am Samstag der «Don Giovanni», der das Geschehen, angepeitscht von einem barocken Breitwandsound, in den Saal hinaus weitete. Wenn zum Fest Don Giovannis Partyvolk an den Parkettreihen vorbei auf die Bühne stürmt, kippt – wie in der Musik Mozarts – Festcharakter in Kampfgetümmel: Es bräuchte nicht einmal das Transparent mit der Aufschrift «Viva la libertà», um klarzumachen, dass hier – 1787 – die Revolution hochkocht. Nicht nur da erwies sich dieser Mozart-Zyklus als griffiger Beitrag zum Motto «Macht».

Aber Currentzis ist ein Dirigent der Extreme nach allen Seiten. Höhepunkt an musikalischer wie szenischer Intimität ist die Verführung des Bauernmädchens Zerlina durch Don Giovanni: Da fliessen die Rezitative so natürlich wie Alltagssprache, und der allgegenwärtige Hammerflügel entrückt die Arie «La ci darem’ la mano» in ein irreal-träumerisches Licht. Rund um den Don Giovanni von Dimitris Tiliakos, der als Verführer die Verschlagenheit eines Profis ausstrahlt, sind phänomenale Stimmen versammelt. Eine ragt dennoch heraus: Der Sopran von Nadezhda Pavlova als Donna Anna, deren Stimme Angst und Zorn wie mit der Klinge aufblitzen lässt und mit geschmeidigen Pianissimotönen für Halluzinationen sorgt.

Ein Vorbild für künftige Wochenenden

Sie tut es auch am Sonntag als Fiordiligi in «Così fan tutte». Erstaunlich ist, wie nach dem in völliger Dunkelheit losfauchenden «Don Giovanni» diese auch szenisch einen anderen Ton anschlägt. Das böse Spiel um die Untreue der Frauen ist ganz auf ironische Komödie eingestellt und darin etwas konventioneller. Einen besonderen Akzent setzt Cecilia Bartoli als überdrehte Intrigantin Despina, die mit ihrem rasenden Parlando sogar den Dirigenten vom Podest verdrängt.

Mit dieser ersten Zusammenarbeit Bartolis mit Currentzis verhalf der Mozart-Zyklus dem Festival sogar zu einer Premiere. Vor allem aber war er ein Beispiel dafür, wie das Festival sich stärker «Fokussieren» und profilieren will. Einen ähnlichen Fokus boten dieses Jahr neben der Residenz des Festivalorchesters auch exzeptionelle Konzerte der erstmals in Orchesterformation auftretenden Alumni.

Das alles prägte diesen Sommer mehr als die geringere Zahl der Konzerte und damit auch der Besucher. Dass umgekehrt mit fokussierten Spezialprogrammen die Auslastung gesteigert werden konnte, könnte tatsächlich ein Grund zum Feiern sein. Und ein Signal mit Blick auf die Wochenenden, die künftig das Oster- und Piano-Festival ersetzen. Wenn diese nicht nur eine Einsparung sein sollen, braucht es Programmschwerpunkte, wie sie dieser Mozart-Zyklus mustergültig vorführte.

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