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LUCERNE FESTIVAL: Falsche Festwiesen-Fröhlichkeit

Die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle sparten Pomp für den zweiten Abend auf. Und bewiesen ihren Sonderstatus mit Gustav Mahler.
Traditioneller Höhepunkt zur Festivalhalbzeit: Simon Rattle dirigiert die Berliner Philharmoniker im KKL-Konzertsaal. (Bild: Luzerner Festival/Priska Ketterer)

Traditioneller Höhepunkt zur Festivalhalbzeit: Simon Rattle dirigiert die Berliner Philharmoniker im KKL-Konzertsaal. (Bild: Luzerner Festival/Priska Ketterer)

Dass Sinfoniekonzerte bis hin zur Orgelempore ausverkauft sind, ist auch beim Sommerfestival die Ausnahme. Dass dies am Dienstag und am Mittwoch gleich zweimal der Fall war, bestätigte den Sonderstatus, den die Berliner Philharmoniker unter den Spitzenorchestern einnehmen. Und das, obwohl sich das Orchester in den Jahren unter Simon Rattle grundlegend gewandelt hat.

Orchester für das 12. Jahrhundert

Noch in den Jahren unter Claudio Abbado wurden in Rezensionen die Aura und die Klangkultur beschworen, die einst Herbert von Karajan legendär gemacht hatten. Simon Rattle setzte andere Akzente, indem er aus den Berlinern ein «Orchester für das 21. Jahrhundert» formte: mit Jugendprojekten und Digital Concert Hall sowie Repertoireausweitungen unter dem Einfluss der historischen Aufführungspraxis wie in der Moderne.

Die Programme im KKL-Konzertsaal stellten diese Vielseitigkeit auf den Prüfstand mit Werken von Pierre Boulez und Gustav Mahler am Dienstag, mit Brahms, Dvorák und einer Schweizer Erstaufführung am Mittwoch. Und sie gaben unterschiedliche Antworten auf die Frage, wie das Orchester das moderne Selbstverständnis und traditionelle Klangqualitäten zu verbinden vermag.

Von Boulez direkt zu Mahler

Exemplarisch und auf sensationelle Weise gelang dies im ersten Konzert. Pierre Boulez’ «Eclat» für 15 Instrumente war ein überaus stimmiger Auftakt. Denn die gestisch prägnanten Klangereignisse, die sich zu einem sogartigen Drive verbinden, gaben gleichsam die Losung aus für die Wiedergabe von Gustav Mahlers siebter Sinfonie.

Sie hörte man hier nämlich nicht bloss als grosssinfonische Kammermusik, wie sie Abbado mit dem Lucerne Festival Orchestra – zunächst mit vielen Freunden aus Berlin – weihevoll realisierte. Rattle trieb diesen Ansatz vielmehr überraschend auf die Spitze. Überraschend, weil dem Anfang des ersten Satzes noch eine kolossale Pathosschwere anhaftete, die Rattle dann im Jubelfinale ohne jeden Meistersingerpomp in kaleidoskopische Blitzlichtgewitter auflöste.

Ein aus Einzelereignissen zusammenmontierter Jubel, dem nicht zu trauen ist: Das rückte umso mehr die konzentrisch um das gespenstische Scherzo angeordneten Nachtmusiken ins Zentrum. So ziellos wie in der grossen Geste, so ironisch gebrochen pendelte, rutschte und zappte die Musik hier zwischen dem Salonton von Unterhaltungsorchestern, kurz aufflammendem Gefühlskino und zeitentrückten Klangmysterien hin und her. So irritierend modern wie in diesen zum Kitsch und zur Karikatur zugespitzten Gesten und Farben – bis hin zum Furzton des Fagotts – hat man das vielleicht erst einmal am Festival gehört: vor vier Jahren ebenfalls mit den Berlinern unter Rattle.

Natürlich funktioniert das nur vor der Kontrastfolie des philharmonischen Wohlklangs dieses Orchesters. Exemplarisch standen dafür so exzellente Solisten wie – verteilt auf beide Abende – Andreas Ottensamer (Klarinette), Stefan Dohr (Horn), Emmanuel Pahud (Flöte) oder Albrecht Mayer (Oboe).

Das grosse Tor zu Dvorák

Die Pointe war, dass das Orchester mit alledem nicht im vermeintlichen Mahler-Koloss, sondern in Werken von Brahms und Dvorák am Mittwoch gross, ja dick auftrumpfte. Auch da war das neue Werk, Julian Andersons «Incantesimi», ein atmosphärisch-stimmiger Romantikauftakt. Und ermöglichte einen Theatercoup: Der über mächtigen Bässen aufgetürmte Orchesterklang vor dem ersten der «Slawischen Tänze» op. 46 von Antonin Dvorák wurde danach wie ein grosses Tor in den Konzertsaal gewuchtet. Und auch wenn das Orchester die Rhythmen dieser Tänze pointiert ausreizte, erinnerte das nach der Doppelbödigkeit bei Mahler am Abend zuvor doch noch an die Festwiesen-Fröhlichkeit, die Adorno am Finale von Mahlers Siebter verspottete.

Dass Rattle im Traditionsrepertoire der Berliner nicht immer jenes aufregende Profil erreicht, das seinen Mahler auszeichnete, bestätigte die zweite Sinfonie von Brahms. Gewiss, wie die Violinen hier auch mal schlank mit dem Silberstift zeichneten und Raum schufen für Soli von Holz oder Horn, zeugte von einer Synthese zwischen historischem Ansatz und klangmächtiger grosssinfonischer Tradition. Aber letztere lastete wie bei Dvorák überraschend wuchtig und forciert auf dem Werk. Die Probe aufs Exempel machen kann man übermorgen: Da hat am Festival das Chamber Orchestra of Europe unter Bernard Haitink das letzte Wort in Sachen Dvorák (Sonntag, 23. September, 11 Uhr).

Urs Mattenberger

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