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LUCERNE FESTIVAL: Politisches wird symbolisch verpackt

Wie politisch ist die Festival-«Revolution»? Daniel Barenboims Divan-Orchester und Schlagzeuger Martin Grubinger gaben schillernde Antworten.
Urs Mattenberger
Daniel Barenboim dirigiert das West-Eastern Divan Orchestra im KKL. (Bild: LF / Georg Anderhub)

Daniel Barenboim dirigiert das West-Eastern Divan Orchestra im KKL. (Bild: LF / Georg Anderhub)

«Wegen ungünstiger Witterung fand die deutsche Revolution in der Musik statt.» Der Satz von Kurt Tucholsky wirkte am Anfang des ersten Programmhefts wie ein Motto für das Thema «Revolution» an diesem Festival. Denn dieses spielt im Logo und in Programmheften auf Politisches an, das wir mit Revolution zuallererst verbinden, aber erklärt gleichzeitig, es gehe hier bloss um die Revolution «in der Musik».

Orchester im Exil

Wie es um diese aktuell bestellt ist, zeigte übers Wochenende eine erste Serie von gut besuchten Konzerten mit neuer Musik. Der erwähnte Widerspruch fand sich dabei selbst in den Auftritten von Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra, das mit arabischen und israelischen Musikern ein Zeichen setzt für ein friedliches Zusammenleben im Nahen Osten und so politische Fragen ins Festival hineinzutragen schien.

Am Podium mit Barenboim und Divan-Orchester-Musikern war vom Arabischen Frühling allerdings nicht die Rede, und der Dirigent relativierte gar, das Orchester sei kein «politisches» Projekt, weil es im Nahen Osten um einen «menschlichen» Konflikt und nicht um Richtungskämpfe zwischen «links und rechts» gehe. Seine Ausführungen über die Schwierigkeiten des Orchesters, in den betroffenen Ländern aufzutreten, zeugten aber doch von knallharter Politik: Das Konzert in Ramallah im Jahr 2005 wäre heute, so Barenboim, «von allen Seiten her undenkbar. Wir sind ein Orchester, das nur noch im Exil auftreten kann.»

Zu kompliziert – auch für die Musik?

Dass Barenboim sein Orchester von israelischen Kulturprojekten mit wenigen «Alibi-Arabern» abgrenzte und sich vom offiziellen Wagner-Aufführungsverbot in Israel distanzierte, führte in der Fragerunde zum Einspruch eines israelischen Arztes im Publikum, dessen Grosseltern im KZ umgekommen seien. Er schilderte, wie israelische Ärzte täglich Araber aus dem Jordanland behandelten, ohne dass davon je gesprochen werde. Als er mahnte, die Dinge im Nahen Osten seien «viel komplizierter», war sie mit Händen zu greifen: die Spannung, die Musik bekommt, wenn sie in einem politischen Kontext steht.

Im ersten Konzert vom Sonntag deutete allerdings nur der jordanische Komponist Saed Haddad in «Que la lumière soit» Politisches wenigstens symbolisch an: mit einem Anklang an den Beginn von Beethovens 9. Sinfonie und damit den Urvater der Revolutionsmusik. Der Gestus, mit dem drei Soloinstrumente einen Quintraum mit immer rabiateren Wucherungen gemeinsam erschliessen, sichert dem kurzen Stück zwar Zugkraft. Aber es wirkte in dieser Verschlüsselung kaum politischer als die ohne solche Intentionen geschriebene Uraufführung der israelischen Gastkomponistin.

Chaya Czernowin überraschte zu Beginn mit sinnlich beschwingten Orchesterklängen. Wie bunte Vogelschwärme flatterten sie in den Raum, lösten sich in immer neuen Anläufen in diffuses Flimmern auf, bis sich ein Loch der Stille öffnet: der tote Fleck am «Rande des Blickfelds», so der Titel des Stücks.

Revolutionär ohne Wenn und Aber

Wie Czernowin von da her dunkel und hell, rau und luftig geschichtete Geräusch- und Klangfelder neu aufbaute, zeugte von verschwenderischer Klangfantasie. Auch wenn der Ablauf unentschieden wirkte und die Rolle des Concertinos unklar blieb, war das ein unglaublich suggestives Stück neuer Musik und, wenn man so will, in seiner Mischung von Betörung und Bedrohung durchaus revolutionär.

Schon diese Werke hatten eindrücklich vorgeführt, welches Niveau das Divan-Orchester nach langjähriger Aufbauarbeit erreicht hat. Während die Verdi- und die Wagner-Ouvertüren im ersten Konzert noch zwiespältige Eindrücke hinterlassen hatten, pauschal im Klang und nicht immer präzise, setzte der Montag interpretatorische Glanzlichter. Wagners Vorspiel und Liebestod profitierte vom grossen, vollen Sound des Orchesters, der Beethovens 7. Sinfonie ein monumentales Gepräge gab. Auch wenn das die Balance zu Ungunsten der Holzbläser verschob: Wie Barenboim hier die Energien entfachte und pausenlos über die vier Sätze hinweg weiterführte und frenetisch steigerte, war ein menschliches Ereignis über alles Künstlerische hinaus: wohltuend revolutionär ohne Wenn und Aber.

Mit vollem Körpereinsatz

Revolutionen scheinen in der aktuellen Musik schwer denkbar, weil ohnehin alles möglich ist. Daran erinnerte am Sonntag das Ensemble Intercontemporain im vollen Luzerner Saal mit Preisträgern der Ernst-von-Siemens-Stiftung. Das Spektrum reichte von Pierre Boulez strukturalistisch-kühler Klangartistik («Mémoriale») bis zur leidenschaftlich brodelnden Ausdrucksmusik von Wolfgang Rihm. Dessen «Gejagte Form» stand mit Friedrich Cerhas Moll-Melancholie («Les-Adieux») für das Ende starrer Avantgarde-Dogmen.

Dass diese neue Ungezwungenheit nicht unbedingt aus dem Elfenbeinturm herausführt, zeigte Chaya Czernowins suggestiv betitelter «Lovesong»: Trotz kribbeliger Pizzicati und einem rumorenden Kraftfeld zum Schluss war das von Erfahrungen mit eigener Verliebtheit weit weg, wie ein Konzertbesucher meinte.

Ausverkaufter Luzerner Saal

Wie also kann zeitgenössische Musik wieder Anschluss finden an unsere Alltagserfahrungen? Über den Körper! Den schlagenden Beweis dafür lieferte am Samstag im ausverkauften Luzerner Saal Martin Grubingers «Late Night». Der Artiste Etoile und seine Schlagzeugkollegen eroberten das Publikum im Sturm: Durch brachiale Gewalt in Iannis Xenakis archaischem Schlagzeugritual «Okho», aber auch durch hauchzart pulsierende Klangmysterien in Bartóks Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug (mit dem Klavierduo Ferhan und Ferzan Önder).

Grubinger, der am Mikrofon locker zum Publikum plauderte, empfahl auch die «volle Dosis» – ohne Ohrenschutz – für Xenakis «Pleïades» für sechs Schlagzeuger: ein sinnenbetäubendes Spektakel, dass höchste Komplexität mit schweisstreibendem Körpereinsatz verband. Da war auf Anhieb klar, welche Revolution das Schlagzeug in die Klassik des 20. Jahrhunderts brachte: Ein Tipp für den Jubiläumstag, wo Grubingers «Percussive Planet Ensemble» vor dem KKL u. a. mit Salsa Furore macht (Sonntag, 25. September, 14.30 und 16.15 Uhr).

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