Lucerne Piano Festival: Musikalischer «Hochleistungssport» an zwei Flügeln

Acht international gefeierte Jazzpianisten zeigten am Eröffnungsabend des Piano-Off-Stages ein faszinierendes Kaleidoskop ihrer Musik.

Gerda Neunhoeffer
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Das grosse Finale beim Off-Stage-Opening im Luzernersaal. (Bild: Peter Fischli/PD, Luzern 19. November 2019)

Das grosse Finale beim Off-Stage-Opening im Luzernersaal. (Bild: Peter Fischli/PD, Luzern 19. November 2019)

Da fällt die Wahl schwer, wen man in den nächsten Tagen in Luzerner Hotels und Bars nochmals hören möchte, denn sie haben alle ihren eigenen Stil: unverwechselbar, virtuos, einfallsreich. Am Dienstagabend sind sie im offenen Luzernersaal versammelt, eine Dame und sieben Herren der Jazz-Szene. Bis weit ins Foyer stehen die Zuhörer, dicht gedrängt und erwartungsvoll sitzen sie um die beiden schwarzen Flügel. Piano Off-Stage Opening ist wie jedes Jahr ein absoluter Publikumsmagnet; man mag sich nicht vorstellen, dass es das letzte Mal stattfindet. Umso mehr aber werden die Pianisten, die mit ihrer unglaublichen Fingerfertigkeit und ihrem höchst facettenreichen Spiel überraschen und mitreissen, gefeiert.

Moderatorin Beatrice Kern von SRF Kultur zitiert die deutsche Pianistin Béatrice Kahl, die gesagt hat «Klavierspielen ist wie Sport». Das ist schlichtweg untertrieben, es ist «Hochleistungssport», denn manchmal sind rasende Akkordfolgen nur noch mit den Ohren zu verfolgen, so schnell wirbeln die Hände. Wenn dann der Schweizer Chris Conz auch noch seine Beine dazu tanzen lässt, dabei ins Publikum schaut und immer noch schneller seinen atemberaubenden Boogie spielt, dann tobt der Saal. «Ich spiele eine Eigenkomposition. Und diese heisst KKLoogie» sagt Conz und lässt den Flügel erzittern. Mit Jan Luley zusammen zelebriert er dann den «How-Long- Blues», der sich aus schwarzen, langsamen Tönen in eine träumerisch fliessende Geschichte wandelt. Obwohl sie zum ersten Mal zusammenspielen, fügt sich alles wundersam ineinander. Es ist einer der vielen Höhepunkte.

Süffig-facettenreiche Klanggemälde

«How deep is Your Love» wird unter den Händen von Béatrice Kahl zu einer groovigen Ballade, während Michael Jacksons «Bad» über leisen Basstönen rhythmischen Drive entwickelt. Ein Poet am Klavier ist der erst einundzwanzigjährige Lorenzo Vitolo aus Italien, dazu passt natürlich «Don’t forget the Poet» von Enrico Pieranunzi hervorragend: Lyrische Wechsel zwischen Dur und Moll, gesangliche Linien über ruhigen Rhythmen. Und in Gershwins «Someone to Watch Over me» verbreitet Vitolo lyrische Magie. Wie er und Béatrice Kahl ist auch der österreichische Wahl-New Yorker Walter Fischbacher zum ersten Mal im Piano Off-Stage zu hören. Der Beatles-Song «While My Guitar Gently Weeps» wird in seinem Medley, das bis in Volkslieder reicht, zu süffig-facettenreichem Klanggemälde. Über perlenden Begleitfiguren, die sich minimalistisch verschieben, schälen sich die Melodien filigran heraus.

Als echter Entertainer zeigt sich der Italiener Luca Filastro. Nicht nur, dass er mit seinem roten Einstecktuch sozusagen den roten Flügel vertritt, er swingt locker auf dem Hocker. Er versprüht gute Laune, überzeugt mit aberwitzig rasanten Rhythmen, dabei spielt er absolut filigran und klar. Und viele Fussspitzen der Zuhörer können gar nicht anders, als mit zu swingen. Als «alter Hase» bezeichnet sich der deutsche Bernd Lhotzky selbst, meint aber, dass zum Glück junge Hasen nachkämen – wie bei Hasen üblich. Er spielt leicht swingend, mit ganz eigenem Sound, schimmernd wie Mondlicht, voller rhythmischer Verzahnungen. Und wie er sich dann mit Luca Filastro mühelos durch alle Harmonien spielt, das begeistert. Jan Luley, der mindestens einmal im Jahr in New Orleans ist, bringt kreolische Musik von 1902, das groovt und swingt. Dann improvisiert er über eine kreolische Melodie, die nichts anderes bedeutet als «Schmeiss sie raus». Er sagt dazu:

«Aber bitte nicht wörtlich nehmen.»

Es will sowieso niemand gehen. Aus den USA ist Emmet Cohen angereist, er bringt mit «Symphonic Raps» von Louis Armstrong virtuose Leichtigkeit und Swing in Vollendung in den Saal. Mit Béatrice Kahl liefert er sich ein quirliges, fetziges «Duell», das einmal mehr die unglaubliche Wandelbarkeit der Jazzpianisten zeigt. Als sich dann alle Pianisten rund um die Flügel versammeln und zu viert, zu sechst oder gar zu acht spielen, ohne je den Rhythmus oder die Harmonien zu verlieren, findet der Abend sein viel bejubeltes Ende.

Hinweis: Dort spielen die Pianisten bis Sonntag: KKL Foyer, Seebar, The Hotel, Hotel Wilder Mann, Hotel Des Balances, Hotel Des Alpes, Hotel Schweizerhof, Grand Hotel National, Bürgenstock Resort