Reportage

Lustige Telefonkonferenzen, aber auch viel Ablenkung: Das halten Luzerner Berufsschüler vom Fernunterricht

13'000 Lernende der Berufsbildung haben im Kanton Luzern nun Fernunterricht. Drei von ihnen sagen, was dabei die Tücken sind.

Evelyne Fischer
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Der Aufbau eines Motors, die Mechanismen im Getriebe, die Funktionsweise des Auspuffs: All dies studiert Sandro Pilss aus Emmenbrücke derzeit aus der Ferne. Er hat im August seine Lehre als Automobilfachmann begonnen, steckt mitten in der Zweitausbildung. Und gehört zu den 13'000 Luzerner Berufsschülern, deren Unterricht von heute auf morgen ins Netz verlagert wurde. Pilss sagt:

«Die Schulschliessung war ein Schock für mich.»
Sandro Pilss, angehender Automobilfachmann, in seinem Lehrbetrieb, der Unterdorf-Garage in Emmen.

Sandro Pilss, angehender Automobilfachmann, in seinem Lehrbetrieb, der Unterdorf-Garage in Emmen.

Bild: Nadia Schärli (25. März 2020)

Der 20-Jährige, der in Emmen in der Unterdorf-Garage arbeitet, vermisst den Klassenunterricht. Das Büffeln zu Hause erziele nicht den gleichen Lerneffekt. Sandro Pilss sagt:

«Wir erledigen die Aufträge zwar pflichtbewusst, aber die Ablenkung ist gross.»

Gleich sehen es seine Klassenkameraden Noël von Allmen, 17, aus Pfaffnau, und Noah Bucher, 17, aus Malters. «Es ist zwar toll, können wir die Zeit frei einteilen und die Aufgaben zum Beispiel auf dem Balkon lösen. Aber ich bin nicht sicher, wie viel beim Fernunterricht hängen bleibt», sagt von Allmen, der bei Amag in Oberkirch tätig ist. «In der Schule lernt man konzentrierter», pflichtet Bucher bei, Lehrling bei Auto Krauer in Neuenkirch.

Videointerview in Corona-Zeiten (im Uhrzeigersinn, von oben links): Noah Bucher, Noël von Allmen und Sandro Pilss.

Videointerview in Corona-Zeiten (im Uhrzeigersinn, von oben links): Noah Bucher, Noël von Allmen und Sandro Pilss. 

Bild: Evelyne Fischer (25. März 2020)

Laptop-Strategie zahlt sich nun aus

Beim Kanton Luzern fällt die erste Bilanz über das «gewaltige Praxisexperiment» positiv aus, wie Daniel Preckel, Leiter Schulische Bildung bei der Dienststelle Berufs- und Weiterbildung, sagt:

«Ich bin beeindruckt, wie engagiert unsere Lehrpersonen die Ausbildung ihrer Lernenden gewährleisten. Und das in einer Zeit, in der es mehr Fragen als Antworten gibt.»

Was sich aktuell auszahlt: Die für den Fernunterricht nötige IT-Infrastruktur besteht seit fünf Jahren. Und bereits ab Ende 2017 galt unter anderem für Berufsschüler: Bring your own device – bring deinen eigenen Laptop mit.

Die Lerninhalte werden momentan via Livestreams und Plattformen vermittelt. In fixen Zeitfenstern erledigen Schüler die Aufgaben alleine oder in Teams. Rückmeldungen und Fragen erfolgen via Chat oder Videotelefonie. Für die Lehrpersonen seien der Zeitdruck und das Sicherstellen der individuellen Betreuung zu Beginn die grössten Knacknüsse gewesen, sagt Preckel. «Bei den Schülern herrschte am Anfang grosse Verunsicherung vor, weil sich die Informationslage oft änderte. Auch gab es Unmut, wenn technisch etwas nicht klappte oder die Verbindung abbrach.»

Im Moment sei Pragmatismus gefragt. «Bereits erstellte, digitale Lerneinheiten werden ausgetauscht, neue Materialien gemeinsam entwickelt. Der Teamgeist ist gross», sagt Preckel. «Nicht allen Lehrpersonen fällt es gleich leicht, zu improvisieren und die eigene Erwartungshaltung den Möglichkeiten anzupassen.» Und:

«Im Fernunterricht brauchen die Lernenden für die gleichen Inhalte tendenziell mehr Zeit. Das Klären von komplexeren Fragen ist viel anspruchsvoller.»

Dies bestätigen die drei angehenden Automobilfachleute. «In der Allgemeinbildung, wo jeder schon Grundkenntnisse hat, funktioniert der Unterricht sehr gut», sagt Sandro Pilss. «Fachkunde hingegen ist viel schwieriger zu vermitteln.» Man müsse sich derzeit in Geduld üben, so Noël von Allmen: «Bis ein Lehrer dazu kommt, eine Frage zu klären, kann es dauern.»

Dennoch gewinnen die Lehrlinge der jetzigen Situation auch Positives ab: «Es gibt mehr Gruppenarbeiten, man hilft sich gegenseitig», sagt Noah Bucher. «Und die Telefonkonferenzen mit den Lehrern sind oft sehr lustig», so Pilss. «Auch, weil sie in technischen Fragen häufig stärker auf die Schüler angewiesen sind als umgekehrt», sagt von Allmen und lacht.

Noah Bucher löst Aufgaben zu Hause.

Noah Bucher löst Aufgaben zu Hause.

Bild: PD (25. März 2020)

Starke Schüler sind im Vorteil

Wie sich die Coronakrise auf die Chancengleichheit auswirkt, wird sich zeigen. Fest steht schon jetzt: «Leistungsstarke Lernende sind unter den Bedingungen des selbstorganisierten Lernens klar im Vorteil», so Daniel Preckel. «Wir gehen davon aus, dass wir bei schwächeren Lernenden gewisse Lerninhalte und Kompetenzen nachträglich aufbauen müssen. Durch Förder- oder Stützkurse oder individuelle Lernbegleitung.» Eine gewichtige Rolle spielt dabei auch die Wohnsituation.

«Ob ich im eigenen Zimmer lernen kann oder mit vielen Personen in engen Verhältnissen lebe und den Laptop teilen muss, macht einen grossen Unterschied.»

Die grösste Herausforderung steht noch bevor: die Lehrabschlussprüfungen. «Ziel ist es, einen einheitlichen Vollzug zu ermöglichen», sagt Preckel. «Im Sommer sollen alle Lernenden ihre Ausbildung mit einem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis, Berufsattest oder -maturitätszeugnis abschliessen können.» Für vollständige digitale Abschlussprüfungen gebe es «vielversprechende Pilotversuche, aber noch keine fertigen Lösungen», so Preckel. «Was Prüfungen angeht, kam das Coronavirus zwei Jahre zu früh.» Dennoch werde Covid-19 als Treiber der Digitalisierung in die Schulbücher eingehen. «Das Lernen in digitalen Räumen wird an Bedeutung gewinnen. In einem sinnvollen Mix zwischen analogen Orten und digitalen Formaten. Was bleibt, ist die Person, die diesen Mix gestaltet und sich darauf einlassen muss: die Lehrperson.»

Noël von Allmen macht seine Lehre bei der Amag in Oberkirch.

Noël von Allmen macht seine Lehre bei der Amag in Oberkirch.

Bild: PD

Noël von Allmen, Noah Bucher und Sandro Pilss sind froh, derzeit wenigstens annähernd in Normalität arbeiten zu können. Pilss meint: «Die Garage wird in diesen Tagen zur zweiten Familie.» Und unisono sagen sie, was sie nie für möglich gehalten hätten: Dass sie sich freuen, wenn sie wieder im Klassenzimmer antraben dürfen.

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