LUTHERN: Ein Bauernleben – zum Abholen bereit

Hudelwetter und Kafi Schnaps: Bessere Bedingungen gibts gar nicht, wenn auf einem Bauernhof die Versteigerung ansteht. So gesehen hatte Bauer Alois Christen in Hofstatt bei Luthern gestern Glück:

Andreas Bättigandreas Bättig
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Ob alte Ski oder Material für den Hof: In Luthern nahm man gestern mit, was man tragen (und sich leisten) konnte. (Bild Boris Bürgisser)

Ob alte Ski oder Material für den Hof: In Luthern nahm man gestern mit, was man tragen (und sich leisten) konnte. (Bild Boris Bürgisser)

Andreas Bättig

Eine steife Bise zog um den Hof, Wolken verdeckten die wärmende Sonne, die dicken Helly-Hansen-Pullover mussten noch einmal aus dem Schrank geholt werden, und froh war, wer sich am Morgen mit einem ordentlichen Kafi Schnaps wärmen konnte. Denn nur bei Hudelwetter haben die Bauern nämlich Zeit, um zu Hunderten auf dem Hof eines anderen aufzukreuzen und die Arbeit zu Hause ruhen zu lassen.

Christen hatte zur Gant geladen und dafür den bekannten Gantrufer Bruno Furrer engagiert, ein Festzelt sowie einen Grill- und Süssigkeitenwagen aufgestellt. Eine Gant ist immer auch ein Fest. So standen an diesem Tag Holstein-Zuchtkühe, Landmaschinen, ein Traktor, Melkmaschinen, Kuhglocken, ja sogar uralte Ski zum Verkauf – eben fast alles, was man in 40 Jahren als Bauer brauchte. So lange hatte Christen, der erst kürzlich 65 wurde, den kleinen Bauernhof «Neuhaus» zusammen mit seiner Frau Ottilia bewirtschaftet. Als er sich vergangenes Jahr am Rücken operieren liess, sei für ihn klar gewesen, dass er jetzt aufhören muss. «Ich habe einfach keine Kraft mehr», sagt Christen. Auch keines seiner sechs Kinder wollte den Hof übernehmen. Obwohl gerade die drei Töchter engagierte Teilzeit-Bäuerinnen waren. «Der Hof ist zur Pacht. In dieser Grösse lohnt sich das Bewirtschaften nicht mehr.»

Christen war Bauer mit Leib und Seele. In den letzten 40 Jahren habe er gerademal drei Tage Ferien gemacht. «Zusammen mit meiner Frau ging ich auf Hochzeitsreise nach Österreich», sagt er. Ansonsten habe er sich immer um den gut zehn Hektaren grossen Hof, die gut 30 Schweine und 20 Kühe gekümmert. «Ein guter Bauer trägt Sorge zum Land, zum Wald und hat Freude am Vieh. Er muss ein Naturfreund sein», sagt Christen. Dass er nun aufhören muss, falle ihm dennoch nicht besonders schwer. Im Gegenteil: «Ich wusste, dass es mal so weit sein wird. Ich freue mich auf meine Pension.» Etwas mehr Mühe mit dem Ende des Bauernbetriebs hat seine Tochter Martina Weber. «Es geht eine Ära zu Ende. Ich habe schon recht zu kämpfen», sagt die 28-Jährige. «Mein Vater checkt es wohl erst richtig, wenn am nächsten Morgen die Tiere weg sind», sagt Weber. Für sie sei es nicht in Frage gekommen, den Hof zu übernehmen. «Es ist einfach zu viel Arbeit für zu wenig Ertrag.»

 

Damit für Alois Christen wenigstens noch ein schöner Batzen als Zustupf zur Pension dazu kommt, dafür sollte gestern Gantrufer Furrer sorgen. Furrer, ein alter Hase im Gantgeschäft, legte sogleich mit flotten Sprüchen los. Auf einem Anhänger stehend und mit einem Mikrofon ausgerüstet, verteilte er dem Publikum zuerst ein paar Gratis-Stumpen. «Wenn die Frau nicht mehr mit dir redet, musst du nur einen Stumpen in der Stube anzünden. Dann fängt sie sofort wieder damit an», scherzte er. Die Stimmung war locker.

So schossen immer wieder die Hände hoch, wenn Furrer maschinengewehrsalvenmässig die Gebote durchs Mikrofon ratterte. «50 Franken, 55 Franken, dort hinten, jawohl, 60 Franken. Machen wir 65? Komm ... 65 Franken machen wir», versuchte Furrer die Bieter aus der Reserve zu locken. Schliesslich war er hier, um ein möglichst gutes Ergebnis für Christen herauszuholen. Dabei muss er aber auch immer fair gegenüber den Käufern bleiben – es ist ein Drahtseilakt, den nur wenige so gekonnt meistern wie Gantrufer Furrer. Für 130 Franken wechselten Schellen den Besitzer, ein Milchwärmer brachte 120 Franken ein, alte Holztruhen gingen zum Schnäppchenpreis von zwei Franken weg. Begehrt waren zwei Paar alte Ski – so wie sie aussahen noch aus Gotthelfs Zeiten. Beat Glanzmann (44) aus Hellbühl konnte sich die Latten plus noch ein paar alte Militärschuhe sichern. «Die habe ich für meine Frau zum Dekorieren gekauft», sagt Glanzmann, der 40 Franken für die zwei Paar Ski zahlte. «Es sind Raritäten. Die gibt es nicht mehr so oft.»

Interessiert waren die Käufer auch an den zahlreichen Landmaschinen. Der Wertverlust dieser Geräte ist gross. Kaufte Christen noch vor wenigen Jahren einen Mäher für 18 000 Franken, ging er gestern für 9900 Franken an den Meistbietenden. Immerhin: Am Ende des Tages dürfte insgesamt eine ordentliche Summe zusammengekommen sein. Wie viel genau, darüber redete der Gantrufer nicht. «Alois kann zufrieden sein. Es lief gut. Der Verkaufserlös für das Vieh hat alle Erwartungen übertroffen», sagt Furrer. Das Geld kann Christen sicher gebrauchen. Schliesslich hat der Chrampfer nun mehr als genug Zeit, um es auszugeben.

Und wer weiss, vielleicht geht er wieder mal mit seiner Frau Ottilia nach Österreich – in die zweiten Flitterwochen.